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Jeder 4. Jugendliche hat psychische Probleme

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Die Jugendzeit ist für viele keine einfache, gesellen sich doch zu den Aufs und Abs der Pubertät oft noch psychische Probleme hinzu. (Pixabay.com)

Das Teenager-Alter bringt eine Achterbahnfahrt der Gefühle mit sich - aber bei einem Viertel der jungen Menschen leider auch psychische Störungen, wie eine österreichische Studie zeigt.

Liebeskummer, ein Streit mit dem besten Freund oder Stimmungsschwankungen dank Hormonschüben können Teenager schon einmal aus dem Gleichgewicht bringen. "Veränderungen im Verhalten sind für das Jugendalter typisch. Sie weisen nicht spezifisch auf eine behandlungsbedürftige Erkrankung hin", meint Universitätsprofessor Dr. Andreas Karwautz von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, MedUniWien. "Schwankungen in Stimmung und Antrieb, Reizbarkeit, sowie daraus folgendes unangepasstes Verhalten, verstärkte Sinnfragen, Selbstzweifel und Selbstwertthemen sind in der Regel nicht krankheitswertig sondern alterstypisch."

Österreichs Jugendliche im Blick

Jedoch zeigt die "Mental Health in Austrian Teenagers (MHAT)"-Studie auf, dass nicht alle Verhaltensänderungen auf die leichte Schulter genommen werden dürfen. An der Befragung nahmen mehr als 3.600 Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren teil. Diese (und/oder ihre Eltern) berichteten in telefonischen Interviews über ihre psychische Gesundheit. Nicht nur Schülerinnen und Schüler waren Teil dieser Stichprobe, sondern auch Schulabbrecher und Teenager, die in einer jugendpsychiatrischen Einrichtung behandelt werden.

 

Das bedrückende Ergebnis: Ein Viertel der Jugendlichen litt zum Zeitpunkt der Befragung unter einer psychischen Störung - auf die gesamte Lebensspanne berechnet wird sogar ein Drittel der heutigen Jugendlichen einmal psychische Probleme haben.

Symptome ernst nehmen

Bei folgenden Symptomen empfiehlt Karwautz einen Besuch beim Facharzt für Jugendpsychiatrie oder einem klinischen Psychologen mit Spezialisierung auf den Kinder- und Jugendbereich:

  • sozialer Rückzug und soziale Ängste

  • körperliche Symptome wie Kopfschmerzen und Bauchschmerzen

  • Anstieg von Schulabsenzzeiten

  • suchtartige Verhaltensweisen (Substanzen, neue Medien, Nahrungszufuhr, Spiele)

  • Suizidäußerungen

  • mehrfache und wiederkehrende Selbstverletzungen

  • Wahrnehmungsänderungen (z. B. psychotische und paranoide Äußerungen)

  • Abnahme des Körpergewichtes, länger dauernde Diäten, Auftreten von Heißhungerattacken

  • Abfall der Schulleistungen

Geschlechterspezifische Unterschiede

Die Psyche von Mädchen und Buben ist der Studie zufolge scheinbar sehr unterschiedlich gestrickt. Bei Buben sind externalisierende psychische Erkrankungen häufiger: Das bedeutet, sie fallen durch störendes oder "lästiges" Verhalten auf. Bei Mädchen zeigen sich öfter internalisierende, also nach innen gerichtete psychische Störungen, das heißt, depressive Störungen und Angststörungen sind hier weiter verbreitet.

 

Folgende psychische Störungen sind bei Buben besonders häufig:

  • ADHS: 15,4% bei Buben vs. 5,2% bei Mädchen

  • Verhaltensstörungen und Störungen der Impulskontrolle: 7,4% bei Buben vs. 1,3% bei Mädchen

 

Und diese bei Mädchen:

  • Angststörungen: 19,5% bei Mädchen vs. 9,5% bei Buben

  • Essstörungen: 5,5% bei Mädchen vs. 0,6% bei Buben

  • Psychische Störungen aufgrund von einem Trauma oder Stress: 4,9% bei Mädchen vs. 1,3% bei Buben

  • Selbstverletzung (ohne Suizidgefahr): 3,5% bei Mädchen vs. 0% bei Buben

  • Suizidale Verhaltensstörungen: 2,5% bei Mädchen vs. 0,3% bei Buben

Psychische Probleme behandeln

"Frühintervention ist essentiell, um die bestmögliche Prognose zu erreichen", betont Karwautz. Dann sind auch chronische Verläufe vermeidbar. Schulärzte und Schulpsychologen wären laut dem Experten die idealen professionellen Anlaufstellen, außerdem sind "hellhörige Eltern, die ihre Kinder wahrnehmen und andere Verwandte" genauso wie Mitschüler und Freunde beim Erkennen der ersten Krankheitsanzeichen gefragt.

 

Psychotherapeutische Verfahren können und müssen im Kinder- und Jugendalter bei jeder psychischen Störung eingesetzt werden, wissenschaftliche Studien sprechen für ihre Wirksamkeit. Bei Psychopharmaka ist die Datenlage nicht ganz so klar - und es kommt dabei auf die Art der Störung an. Karwautz erklärt: "Wird medikamentös bei der ADHS und der Schizophrenie eine deutliche Besserung unter Einsatz von Psychopharmaka erreicht, ist die Datenlage zur Wirksamkeit von Antidepressiva bei der Depression im Kindesalter weitaus geringer."

AUTOR


Mag. Marie-Thérèse Fleischer, BSc


ERSTELLUNGSDATUM


18.09.2017
MEDIZINISCHER EXPERTE
UNIV.-PROF. DR. Andreas Karwautz
Kinder- und Jugendpsychiatrie Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Jugendpsychiatrische Station 07a und Ambulanz für Essstörungen, MedUniWien
QUELLEN
Interview mit Univ.-Prof. Dr. Andreas Karwautz, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Jugendpsychiatrische Station 07a und Ambulanz für Essstörungen, MedUniWien

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