Wahn

Wahn kann Symptom oder alleinstehende Erkrankung sein

Frau im Gespärch mit Therapeuten
Personen, die sich verfolgt fühlen, sollten therapeutische Hilfe suchen. (Photographee.eu - Fotolia.com)

Bei Wahn handelt es sich um eine Fehlbeurteilung der Realität, bei der sich die Betroffenen ganz sicher sind, dass sie z.B. verfolgt oder von anderen hintergangen werden, ohne dass es dafür objektive Beweise gibt.

Wahn tritt bei 2 % -3 % aller Menschen als isolierte Störung auf. In diesen Fällen liegen außer dem Wahn - der u.a. Verfolgung, Schuld oder Eifersucht zum Thema haben kann - keine anderen Symptome psychischer Störungen vor. Der Verlauf ist meist chronisch, die Behandlung mittels Medikamenten und Gesprächstherapie wird oft nicht gut angenommen. Andererseits ist Wahn auch ein Symptom von diversen psychischen Störungen, vor allem bei Schizophrenie, Depressionen/Manie und organischen psychischen Störungen (z.B. Demenz) tritt dieser auf.

Häufigkeit des Wahns

Rund 2 % -3 % aller Menschen sind von wahnhaften Störungen betroffen. Bei diesen psychischen Störungen ist Wahn das einzige Symptom.

Des Weiteren kann Wahn als Symptom einiger psychischer Erkrankungen auftreten:

Ursachen des Wahns

Die Ursachen des Wahns sind noch nicht vollends erforscht. Neuere Studien gehen davon aus, dass Störungen in einer bestimmten Region im Frontallappen des Gehirns (der ventromediale präfrontale Cortex) die Wahnvorstellungen auslösen könnten, woran auch der Botenstoff Dopamin beteiligt ist. Diese Hirnstrukturen sind u.a. dafür verantwortlich, wie die subjektiven Vorstellungen über die Realität geschaffen werden, welche Gefühle in verschiedenen Situationen empfunden werden und geben Einsicht darüber, was man selbst und was andere denken.

Bei Wahn werden realen Sinneswahrnehmungen (z.B. ein Auto, das vor der Haustür parkt) abnorme Bedeutungen zugeordnet (z.B. dass man von Jemandem überwacht wird). Diese Wahnwahrnehmungen sind unkorrigierbar, da die Betroffenen keine Realitätskontrolle durchführen können.

Überblick zu wahnhaften Störungen

Wahnvorstellungen beginnen mit einer Wahnstimmung, dem unbestimmten Gefühl, dass irgendetwas vor sich geht. Nach und nach tritt die Wahngewissheit ein - einzelne Wahnerlebnisse (z.B. Auto, das vor der Tür steht; Mann, der einen seltsam angesehen hat) werden verknüpft, manchmal zu zusammenhängenden Wahnsystemen, in die auch andere Personen einbezogen werden.

Arten des Wahns

Symptome

Vorkommen

Beeinträchtigungswahn

Ständige Benachteiligung und Ungerechtigkeiten werden wahrgenommen

Besonders bei älteren Menschen (ab dem 6./7. Lebensjahrzehnt)

Beziehungswahn

Der Erkrankte hat das Gefühl, alles um ihn herum geschieht seinetwegen und um ihm ein Zeichen zu geben; Gefühl, dass andere über ihn spotten/lachen

Häufigstes Thema bei wahnhafter Störung und oft bei beginnender Schizophrenie

Dermatozoenwahn

Überzeugung, dass kleine Tierchen, Würmer oder Parasiten am Körper vorhanden sind, verbunden mit Halluzinationen des Spürsinns (Krabbeln auf oder unter der Haut)

Vorwiegend bei älteren Frauen, öfters im Zusammenhang mit Demenz, wird als organische psychische Störung eingeordnet

Doppelgängerwahn

Erkrankter ist überzeugt, dass eine Bezugsperson einen Doppelgänger hat oder die eigene Person durch einen Doppelgänger verdrängt wird

Kann u.a. bei Schizophrenie, Demenz auftreten

Dysmorphophobie

Wahnhafte Idee, dass man von anderen aufgrund von tatsächlichen oder eingebildeten Missbildungen des Körpers abschätzig beurteilt wird

Gelegentlich bei beginnender Schizophrenie

Eifersuchtswahn

Betroffene Person ist unkorrigierbar von der Untreue des Partners überzeugt

Bei wahnhafter Störung, Alkoholismus, Schizophrenie, bei Männern häufiger als bei Frauen

Eigengeruchsparanoia

Eingebildete Wahrnehmung von unangenehmem eigenen Körpergeruch

z.B. Symptom von schizophrenen Störungen

Größenwahn

Eigene Person, Fähigkeiten und Bedeutung werden maßlos überschätzt

Bei Schizophrenie, Manie, organischen psychischen Störungen

Hypochondrischer Wahn

Krankheitswahn; umfasst u.a. Eigengeruchsparanoia, Dysmorphophobie, Dermatozoenwahn

u.a. bei Schizophrenie, Demenz

Kleinheitswahn

Gegenstück zum Größenwahn. Der Erkrankte zweifelt seine Fähigkeiten, manchmal sogar seine Existenz an, Gefühl der Ohnmacht

u.a. in Verbindung mit Depressionen

Liebeswahn

Wahnhafte Idee, von einer bestimmten Person geliebt zu werden

Oft bei wahnhafter Störung, bei Frauen häufiger als bei Männern

Querulantenwahn

Wahnhafte Überzeugung, ständig Rechtskränkungen zu erleiden

Auslöser sind tatsächliche oder eingebildete Ungerechtigkeiten, Persönlichkeit meist starrsinnig und rechthaberisch (paranoide Persönlichkeitsstörung)

Schuldwahn

Überzeugung, dass man schuld an einem Verbrechen oder einer sonstigen Verfehlung ist oder die Erkrankung eine Bestrafung darstellt

u.a. in Verbindung mit Depressionen

Verarmungswahn

Wahnhafte Idee, vor dem finanziellen Ruin zu stehen

u.a. in Verbindung mit Depressionen

Verfolgungswahn

Der Erkrankte hat das Gefühl, bedroht und verfolgt zu werden, dass ein Komplott (gegen ihn) geschmiedet wird

Besonders häufig bei Schizophrenie

Bei vielen Betroffenen, bei denen Wahn isoliert (nicht im Rahmen einer anderen psychischen Erkrankung) auftritt, ist der Verlauf chronisch. Die Betroffenen lassen sich oft ungern therapeutisch oder medikamentös behandeln. Bei manchen Arten des Wahns (z.B. Kleinheitswahn) kommt es zudem zum Rückzug aus dem Sozialleben

Diagnose des Wahns

Wahn ist oft schwer zu diagnostizieren, besonders wenn der Wahn (wie in der anhaltenden wahnhaften Störung) isoliert auftritt. Die Übergänge zwischen normalen Vorstellungen (z.B. dass man nachts auf der Straße verfolgt wird), wie sie auch gesunde Personen haben und krankhaften Wahnvorstellungen sind fließend. Wichtige Kriterien, um Wahn zu diagnostizieren sind die subjektive Gewissheit des Patienten über die Wahninhalte, die Unwiderlegbarkeit (die betroffene Person kann nicht vom Gegenteil überzeugt werden) und die Unkorrigierbarkeit der Wahnwahrnehmungen.

Therapie des Wahns

Die Therapie erfolgt mittels Medikamenten und Gesprächstherapie. Dabei ist zu beachten, dass Psychopharmaka nicht immer Wirkung zeigen, was u.a. an der unklaren zugrundeliegenden Ursache der Wahnvorstellungen liegt. Auch die psychotherapeutische Hilfe in Form von Gesprächen wird zum Teil schlecht angenommen, da die Betroffenen so sehr von ihren Wahnwahrnehmungen überzeugt sind, dass sie die objektive Realität, die neben ihrer subjektiven Realität besteht, nicht akzeptieren können.

Wenn Wahn im Rahmen von Schizophrenie, Depressionen oder organischen psychischen Störungen auftritt, müssen diese Erkrankungen entsprechend behandelt werden.

Was kann der Betroffene zusätzlich tun?

Es ist wichtig, dass der Betroffene versucht, durch den Wahn vernachlässigte Aufgaben (z.B. die Ausbildung) wieder aufzugreifen und auch die sozialen Kontakte wieder stärker zu pflegen, wenn das durch den Wahn nicht möglich war. Zusätzlich sollten Menschen mit Wahnvorstellungen keine Drogen (z.B. psychoaktive Substanzen, Cannabis) und keinen Alkohol zu sich nehmen, da diese die wahnhaften Symptome verschlimmern.

Medizinischer Experte

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin

Dr. Wolfgang Gombas

Arzt für psychosomatische Medizin, Systemischer Psychotherapeut

Gesundheitskompass Website

Quellen

  • Interview mit Dr. Wolfgang Gombas, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapeut
  • Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V (F), WHO/H. Dilling, W. Mombour & M. H. Schmidt (Hrsg.), Verlag Hans Huber, 7. Auflage, Bern 2010
  • Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie, V. Arolt, C. Reimer & H. Dilling, Springer-Verlag, 7., bearbeitete Auflage, Berlin/Heidelberg 2011
  • Psychiatrie – einschließlich Psychotherapie, R. Tölle & K. Windgassen, Springer Medizin Verlag, 16., überarbeitete und ergänzte Auflage, Heidelberg 2012
  • K. R. Laws, T. K. Kondel, R. Clarke & A.-M. Nillo: Delusion-prone individuals: Stuck in their ways? In: Psychiatry Research 2011, 186, S. 219-224.
  • M. Poletti & F. Sambataro: The development of delusion revisited: A transdiagnostic framework. In: Psychiatry Research 2013, 210, S. 1245-1259.

ICD-10: F22; F23

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