Verhaltenstherapie

Verhaltenstherapie: Gespräch mit einem Patienten
Die Verhaltenstherapie ist bei einer Vielzahl von psychischen Erkrankungen einsetzbar. (emiliau - Fotolia.com)
In der Verhaltenstherapie erhält der Patient Hilfe zur Selbsthilfe. Man geht bei dieser Form der Psychotherapie davon aus, dass der Mensch fähig ist, neues Verhalten zu erlernen. Im Vordergrund stehen seine Probleme im Alltag, die gemeinsam mit dem Therapeuten auf verschiedenste Arten gelöst werden können.

Die Motivation des Patienten ist besonders wichtig, da auch Hausübungen erledigt werden müssen. In der Therapie der psychischen Störungen werden Ängste, schädliches Verhalten und ungünstiger Umgang mit Problemen reduziert. Die Verhaltenstherapie integriert auch Aspekte der Psychoedukation, die den Patienten Wissen über ihre Krankheit vermittelt.

Wann nützt die Verhaltenstherapie?

Die Verhaltenstherapie ist bei einer Vielzahl von psychischen Erkrankungen einsetzbar und wird auch in der Paar- und Sexualtherapie angewendet.

  • ADHS: Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung tritt vor allem bei Kindern auf, kann aber auch im Erwachsenenalter noch psychotherapeutisch behandelt werden.
  • Affektive Störungen: z.B. Depression, Manie, bipolare Störung. Bei den affektiven Störungen bestehen die Hauptsymptome in der Veränderung der Stimmung, entweder zur Depression hin oder zu einer übertrieben gehobenen Stimmung. Bei der bipolaren Störung findet ein häufiger Wechsel zwischen beiden Phasen statt.
  • Belastungs- und Anpassungsstörungen: z.B. posttraumatische Belastungsstörung. Diese Störungen werden durch ein traumatisches Erlebnis oder anhaltende Belastungen hervorgerufen. Depressionen, Angstzustände und eine eingeschränkte soziale Leistungsfähigkeit sind u.a. die Folge.
  • Dissoziative, Konversions- und somatoforme Störungen: Dissoziative oder Konversionsstörungen zeichnen sich durch den Verlust der normalen Erinnerungsfähigkeit, des Identitätsbewusstseins und unmittelbarer Empfindungen sowie dem Verlust über die Kontrolle von Körperbewegungen aus. Bei somatoformen Störungen klagen die Patienten über körperliche Symptome, die aber rein psychisch bedingt sind und nicht mit Operationen etc. behandelbar sind.
  • Essstörungen: z.B. Anorexia nervosa, Bulimia nervosa. Dabei handelt es sich um einen absichtlich herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust (Anorexie) bzw. eine übertriebene Kontrolle des Körpergewichts, die mit Essattacken und nachfolgendem Erbrechen einhergeht (Bulimie).
  • Neurotische Störungen: z.B. soziale Phobie, Panikstörung, Zwangsstörung, Agoraphobie. Bei phobischen Störungen erzeugen für gewöhnlich ungefährliche Situationen oder Objekte bei den Patienten Angst. Panikattacken im Rahmen der Panikstörung beziehen sich nicht auf bestimmte Situationen und sind nicht vorhersehbar. Die Zwangsstörung wird durch wiederkehrende Zwangshandlungen und -gedanken charakterisiert.
  • Persönlichkeitsstörungen: z.B. Borderline-Persönlichkeitsstörung, paranoide Persönlichkeitsstörung. Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in Beziehungen zu anderen treten auf.
  • Psychosomatische Erkrankungen: z.B. Spannungskopfschmerz, Bluthochdruck, Asthma, Diabetes Typ II. Bei psychosomatischen Erkrankungen wirken Körper und Psyche in einer Weise zusammen, dass eine Behandlung der körperlichen Symptome allein nicht ausreicht.
  • Psychotische Erkrankungen: z.B. Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen. Diese Erkrankungen zeichnen sich durch Störungen in Denken und Wahrnehmung aus, Gefühle von Individualität, Einzigartigkeit und Entscheidungsfreiheit werden beeinträchtigt. Dies geschieht z.B. in solcher Weise, dass Betroffene glauben, andere hätten Einsicht in ihre Gedanken oder sie seien fremdgesteuert.
  • Sexualstörungen: z.B. sexuelle Ängste, Orgasmusstörung, Erektionsstörungen. Sexuelle Funktionsstörungen können physisch oder psychisch bedingt sein oder durch eine Kombination beider Faktoren. Der Patient kann seine Ansprüche auf eine erfüllte Sexualität nicht verwirklichen.
  • Störungen der geschlechtlichen Identität: z.B. Transsexualität, Transvestitismus. Bei diesen Störungen fühlt sich der Patient einem anderen als seinem biologischen Geschlecht zugehörig.
  • Suchterkrankungen: z.B. Alkohol-, Medikamenten- oder Drogensucht. Im Vordergrund steht der übermächtige Wunsch, die jeweiligen Substanzen zu sich zu nehmen. Die Abhängigkeit kann auch zu psychotischen Störungen (Wahn, Halluzinationen, Paranoia) führen.

Was passiert bei der Verhaltenstherapie?

Generell ist die Verhaltenstherapie problem- und zielorientiert. Darum werden in der ersten Behandlungseinheit Ihre Probleme im Alltag erhoben und die Ziele definiert, die Sie erreichen möchten. Verhaltenstherapie zielt darauf ab, unerwünschtes Verhalten zu vermeiden und erwünschtes Verhalten zu erlernen. Dazu müssen Sie als Patient auch einiges beitragen: In der Verhaltenstherapie bekommen Sie oft Hausübungen, die Sie nach der gemeinsamen Einübung alleine durchführen müssen. Verhaltenstherapie wird sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen eingesetzt.

Es gibt eine Vielzahl therapeutischer Verfahren, um eine Besserung Ihres Zustandes zu erreichen. Beispiele dafür sind:

  • Operante Methoden
    durch die angepasstes Verhalten verstärkt wird und unangepasstes Verhalten in einer Weise behandelt wird, die zur Unterlassung desselben führt.
  • Soziale Kompetenzprogramme
    bei denen Sie soziale Verhaltensfertigkeiten erlernen, die Ihnen helfen, z.B. sozial ängstliches oder aggressives Verhalten im Alltag abzubauen.
  • Problemlöse- und Stressbewältigungstrainings
    Erfolgreichere Problemlöseprozesse und eine bessere Stressbewältigung können bei vielen psychischen Erkrankungen oder auch in Beziehungen eine Verbesserung der Lebensqualität darstellen.
  • Konfrontationsverfahren
    helfen dabei, sich angstauslösenden Reizen gegenüber anders zu verhalten bzw. sich an diese zu gewöhnen.
  • Entspannungstrainings
    sind besonders bei psychosomatischen Erkrankungen, aber auch bei ADHS eine sinnvolle Ergänzung.

Nebenwirkungen sind in der Verhaltenstherapie möglich, wenn der Psychotherapeut ungeeignete Therapiestrategien auswählt. Generell sind die Nebenwirkungen in der Verhaltenstherapie als sehr gering einzuschätzen.

Wie eine verhaltenstherapeutische Behandlung aussehen kann, wird am Beispiel der kognitiven Verhaltenstherapie erklärt, die wiederum viele unterschiedliche Behandlungsverfahren vereint:

Kognitive Verhaltenstherapie

In der kognitiven Verhaltenstherapie werden problematische Verhaltensweisen, Denkprozesse (Kognitionen) und Emotionen reduziert und unproblematische eingeübt. Nachdem die Schwierigkeiten erfasst wurden, die Sie im Alltag haben, wählt Ihr Therapeut das passende Therapieverfahren für Sie aus. In der kognitiven Verhaltenstherapie werden Sie zuerst über Ihre Erkrankung aufgeklärt und Ihre unangepassten Verhaltensweisen und Gedanken werden genau beobachtet. Z.B. bei Depressionen wird gemeinsam erarbeitet, welche Faktoren sie bewirken und was Sie selbst dazu beitragen können, dass es Ihnen besser geht. Danach werden die neuen Verhaltensweisen eingeübt: z.B. der Aufbau sozialer Kontakte oder die rationale Analyse von negativen Gedanken wie "niemand mag mich". Das Ausüben der erlernten sozialen Fähigkeiten im Alltag führt wiederum dazu, dass Sie erkennen, dass die Hypothese "niemand mag mich" nicht stimmt.

Die kognitive Verhaltenstherapie kann nur bei Menschen eingesetzt werden, die auch tatsächlich Einblick in ihre Gedankenwelt haben. Für Kinder oder Menschen mit Entwicklungsstörungen ist sie daher nicht geeignet. Sie kann besonders gut bei affektiven, neurotischen oder Essstörungen sowie Suchterkrankungen eingesetzt werden.

Wann und wie lange kommt die Verhaltenstherapie zum Einsatz?

Verhaltenstherapeutische Kurztherapien, z.B. in der Paartherapie oder Sexualpsychotherapie, umfassen etwa 10 bis 20 Behandlungseinheiten. Die Länge der Verhaltenstherapie hängt jedoch von der klinischen Symptomatik und der Dauer der psychischen Beschwerden ab. Bei massiven psychischen Erkrankungen kann die Therapie einige Jahre andauern. Eine Mitbetreuung durch einen Facharzt (Psychiatrie, Neurologie etc.) ist besonders bei psychiatrischen und psychosomatischen Patienten anzuraten, da ein Großteil der Patienten mit Medikamenten unterstützt werden muss.

Was müssen Sie nach der Verhaltenstherapie beachten?

Nach dem Ende der Verhaltenstherapie müssen Sie die Therapieverlaufskontrollen einhalten, bei denen Sie neu gelerntes Verhalten und Einstellungen auffrischen. Führen Sie die erlernten Handlungspläne weiter und kontaktieren Sie bei Rückfällen in alte Verhaltensmuster oder bei einer Verschlechterung des psychischen Zustands umgehend Ihren Verhaltenstherapeuten oder Arzt.

Wer führt die Verhaltenstherapie durch?

Verhaltenstherapie kann von jedem Psychotherapeuten in Österreich angeboten werden, der in die Psychotherapeuten-Liste des Bundesministeriums für Gesundheit eingetragen ist und zusätzlich eine Ausbildung zum Verhaltenstherapeuten absolviert hat. Auch klinische und Gesundheitspsychologen können Psychotherapie anbieten. Bei schweren psychischen Erkrankungen empfiehlt es sich jedoch, einen ärztlichen (medizinische und psychotherapeutische Ausbildung) oder einen psychologischen Psychotherapeuten (psychologische und psychotherapeutische Ausbildung) zu besuchen.

Was können Sie zum Gelingen der Verhaltenstherapie beitragen?

Sie sollten eine positive Einstellung zur Verhaltenstherapie mitbringen und die Bereitschaft, Verhaltensmuster neu zu lernen bzw. alte zu verändern. Zudem ist aktive Mitarbeit bei der Behandlung wichtig - u.a. müssen Sie klinische Fragebögen und Arbeitsblätter ausfüllen, Handlungspläne erstellen und Übungen durchführen. Gemeinsam mit dem Therapeuten werden Sie Behandlungsziele, Teilziele und Alternativen definieren. Oft ist eine zusätzliche Behandlung von Fachärzten notwendig, die Sie ebenfalls in Anspruch nehmen sollten.

Wo liegen die Grenzen der Verhaltenstherapie?

Die Verhaltenstherapie weist im Vergleich mit anderen Psychotherapiemethoden die schnellsten und besten Erfolge auf. Jedoch muss der Patient zur Zusammenarbeit mit dem Therapeuten bereit sein und dazu, Gedanken, Emotionen und Verhaltensabläufe zu reflektieren. Bei massiven Persönlichkeitsstörungen ist die Verhaltenstherapie nur begrenzt sinnvoll.

Kosten & Krankenkasse

Für die Verhaltenstherapie werden Kassenplätze angeboten, jedoch sind die Wartezeiten für diese Plätze sehr lange. Der Verein für ambulante Psychotherapie vermittelt freie Plätze für die psychotherapeutische Behandlung auf Krankenschein. Bei Psychotherapeuten auf Wahl- oder privater Basis liegen die Kosten pro Behandlungseinheit zwischen 80 Euro und 130 Euro. Je nach Krankenkasse und Zusatzversicherung erhält der Patient einen Teil der Kosten erstattet - derzeit zirka 22 Euro pro Behandlung.

Fragen an den Arzt

  • Ist bei meinen Beschwerden/den Beschwerden eines Angehörigen Verhaltenstherapie sinnvoll oder nicht?
  • Wie viele Therapiesitzungen sind geplant?
  • In welchen Intervallen werden die Therapiesitzungen stattfinden?
  • Wird in einer Gruppe oder mit dem Therapeuten alleine gearbeitet?
  • Wie sieht es mit den Kosten aus? Wie viel wird insgesamt für die Therapie anfallen? Gibt es die Möglichkeit der Kostenübernahme durch die Krankenkasse?

Weiterführende Informationen

Medizinischer Experte

Doz. Mag.

Dr. Christina Raviola

Psychotherapie

Klinische und Gesundheits-Psychologin, Psychotherapie, Coach, Supervision

Quellen

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