Tibetische Medizin

Die Wurzeln der tibetischen Medizin liegen im Hochland Tibets. Sie ist jedoch geprägt von Einflüssen aus China und Indien. (Natalia Maroz - Fotolia.com)

Die Tibetische Medizin kommt wie der Name verrät ursprünglich aus dem Hochland Tibets. Dieses Heilsystem basiert auf alten medizinischen Texten und wird ständig weiterentwickelt. Im Zentrum steht die Behandlung mit Heilkräutern.

Die tibetische Medizin baut auf der Lehre von 3 Körperenergien auf, die im Gleichgewicht stehen sollten. Mit Hilfe von Pulsdiagnostik, Zungendiagnostik, Iris-, Ohr- und Urindiagnostik wird ein bestehendes Ungleichgewicht ausgelotet, das die Entstehung von Krankheiten begünstigen kann. Behandelt wird mit Kräutermischungen - es gibt dabei weit über 100 Rezepturen – aber auch mit einer Änderung der Essgewohnheiten.

Überblick:

Grundlagen der tibetischen Medizin

Eine der wichtigsten Grundlagen auf denen die Tibetische Medizin basiert, ist der Buddhismus. Danach kann man nur nach langer Übung die Realität erkennen, wie sie ist. Alle anderen sehen die Welt beeinträchtigt durch ihre Neigungen (= Geistestrübung). Die wiederum erzeugen die 3 „Geistesgifte“:

  1. Hass – Symbolisiert durch Rot
  2. Anhaftung – Symbolisiert durch Blau
  3. Unwissenheit – Symbolisiert durch Weiß

Dieses System lässt sich auch mit den Elementen in Deckung bringen.

  • Rot – Feuer
  • Grün – Wasser
  • Blau – Luft,
  • Gelb – Erde
  • Weiß - Der Raum der alles umschließt 

Die 3 Körperenergien in der tibetischen Medizin

Den genannten Bereichen lassen sich schließlich auch den Körperenergien zuordnen. Durch diese Analogien kann man Krankheiten einteilen und passende Heilmittel finden. Die drei Energien sollten im Gleichgewicht stehen. Aber von Geburt an besteht hier meist ein individuelles Ungleichgewicht:

  1. Tripa - Rot - Hass – Hitze - entspricht dem Blutkreislauf
  2. Lhung - Blau -Gier – Wind - Bewegung, Beweglichkeit - Nervensystem
  3. Badken - Weiß - Unwissenheit – Erde und Schleim - Lymphatischer Bereich

Es gibt dann auch Persönlichkeitstypen je nach überwiegender Körperenergie.

  1. Hitzeenergie (Feuer/Hitze) : Diese Energieform wird dem athletischen Typ zugeordnet, der viel Hitze erzeugt und auch viel schwitzt, er ist diplomatisch
  2. Windenergie (Luft/Wind): Dieser Typ ist sehr sprunghaft, braucht wenig Schlaf
  3. Erde-Wasserenergie (Erde, Wasser) : Diese Energieform lässt Betroffene langsam, genau, und geduldig sein

Der Geschmack der Körperenergien 

Wenn ein tibetischer Mediziner eine Pflanze sieht, dann kostet er und versucht daraus die Geschmäcker zu erkennen um daraus passende Arzneien zu konstruieren. Dabei steht ein Geschmack jeweils für eine oder zwei Körperenergien.

  • Sauer – Feuer und Erde
  • Salzig – Feuer und Wasser
  • Scharf – Feuer und Wind
  • Süß – Wasser und Erde
  • Bitter – Wasser und Wind
  • Herb – Erde und Wind

Geschichte der tibetischen Medizin

Im 3. Jahrhundert vor Christus entstehen in Tibet erste Schriften über Medizin. Diese sind noch stark auf den Schamanismus bezogen. Im 3. Jahrhundert nach Christus bringen schließlich zwei Inder indisches medizinisches Wissen nach Tibet. Im 7 Jahrhundert kommen noch Einflüsse aus der chinesischen Medizin dazu. Es werden auch Ärzte aus angrenzenden Ländern an den Herrscherhof eingeladen, wie Nepal, Persien oder Griechenland. Auch zahlreiche Einflüsse aus dem Buddhismus fliesen in die tibetische Medizin ein. Auf Basis älterer medizinischer Schriften wird im 11. Jahrhundert die heutige Version des "Gyüshi" verfasst. Dieses Grundlagenwerk der Tibetischen Medizin beinhaltet die Lehre der „Vier Tantras“. Darin sind 84.000 Krankheiten klassifiziert und 2293 Heilmittelzutaten dargestellt. Es wird mit einigen Abänderungen bis heute verwendet.

Tibetische Medizin: Wie wird man krank?

  • Karmischer Einfluss:  Nicht jeder hat die 3 Energien grundsätzlich gleichmäßig verteilt
  • Ungleichgewicht: Zu- oder Abnahme von Körperenergien, Körperbestandteilen oder Abfallprodukten
  • Stoffwechsel: Stau bei der Produktion der körpereigenen Stoffe
  • Außenfaktoren: Bedingungen, die von Außen kommen können Klima, psychologische Ursachen, falsche Ernährung und Verhalten sein

Beispiel Hitze: Wenn man schon einen Hitzeenergie-Überschuss hat und dann noch viel in der Sonne ist kann es zu einer Hitzeerkrankung kommen.

Wenn man sich viel ärgert und häufig jemand anschreit, dann entsteht durch Hass ebenfalls zu viel Hitzeenergie.

Wenn man zu viele stark gewürzte Speisen ist, kann es auch ein Zuviel an Hitze entstehen.

Diagnostik in der tibetischen Medizin

Zu erkennen, welche der Energien sich im Ungleichgewicht befindet, ist sehr schwierig und bedarf jahrelanger Erfahrung. Tibetische Ärzte nutzen ihr Wissen um Energiedefizit oder Energieüberschuss aufzuspüren. 

  • Pulsdiagnostik: Der Puls und seine verschiedenen Eigenschaften wird mit drei Fingern am Unterarm erfasst. Jeder Finger ertastet dabei ein Organ bzw. eine Energieform.
  • Zungendiagnostik: Dabei wird die Zunge ebenfalls nach Regionen unterteilt und den drei Energien zugeordnet.
  • Irisdiagnostik, Ohrdiagnostik und Urindiagnostik werden ebenfalls angewandt.

Therapeutische Möglichkeiten in der tibetischen Medizin

  • Diät/Essgewohnheiten
  • Pharmakologische Therapie
  • Hor-me - Tibetische-Kräuterstempelmassage
  • Moxibustion - Erwärmung von speziellen Punkten des Körpers
  • Massage, Nadel, Chirurgie, Aderlass

Wesentlich ist die Therapie mit Kräuterpräparaten. Es gibt dabei weit über 100 Rezepturen. Auch die Änderung der Essgewohnheiten spielt eine wichtige Rolle, vor allem bei der Behandlung von leichten Erkrankungen.

Es gibt eine passende Diät je nach Typ der Erkrankung

  • Hitzeerkrankung: süß, bitter, kalt, adstringierend. Bei typischen Hitzeerkrankungen wie der Arthritis empfehlen sich Kräuter wie isländisch Moos, Gewürznelke, Ringelblume, rotes Sandelholz und Akeleikraut.
  • Winderkrankungen: süß, sauer, ölig und scharf. Bei Winderkrankungen wie innerer Unruhe und Verspannungen empfehlen sich etwa Weihrauch, Muskatnuss, Gewürznelke uvm.
  • Erdenerkrankungen: scharf, sauer, adstringierend, rauh. Bei Erdenerkrankungen entstehen Trägheit und Schwere. Badgen-Störungen betreffen etwa die Lungen, Bronchien, Rachen und Kopf, Muskulatur, Fettgewebe, Magen, Nieren den Wasserhaushalt uvm. Es empfehlen sich wärmende und bittere Lebensmittel.

Praktische Ernährungsbeispiele der tibetischen Medizin

Das sollte man meiden:

  • Hitzeerkrankung: Maroni, Walnüsse, Pfirsich, Knoblauch, Fettes Fleisch, Schinken, Fisch, Meeresfrüchte, Wurst, saures Essen, scharfes Essen, gebratenes Essen, fette Milch, Alkohol
  • Winderkrankungen: Kaffee, Tee, Kohlensäure im Getränk, Rucola, Artischocke, Schweinefleisch, Apfel, Birne, Wassermelone, zu viel Salat, rein vegetarisch, Rauchen 
  • Erdenerkrankungen: Süßigkeiten, Milch, Kiwi, Ananas, Bananen, Trauben, Feigen, zu viel Fett, rohes Gemüse, Kartoffel, Kürbis, Spinat, Joghurt

Verdauungsprobleme und Nierenbeschwerden, oder Kälte in Fingern und Füßen sind ein Zeichen für einen Mangel an Tripa, der wärmenden Energie. Hier hat sich eine Mischung aus fünf Kräutern bewährt:

  • Granatapfelsamen regen den Gallenfluss an
  • Galgant fördert den Speichelfluss
  • Zimtkassia und Langer Pfeffer beruhigen den Darm
  • Kardamom fördert den Appetit.

Geschwollene Beine, Schwere- und Spannungsgefühl in den Gliedmaßen, Wadenkrämpfe, Kribbeln oder „Ameisenlaufen“ in den Unterschenkeln: Das sind Anzeichen für ein Profil, in dem Tripa, die Hitze, im Blutsystem erhöht und die bewegende Energie – Lung /Windenergie – reduziert ist. Es sollte daher ein Mittel zur Anwendung kommen, das kühlend und anregend auf die Blutzirkulation wirkt.

  • Autor
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Dr.

Klaus Mayer

Facharzt für Chirurgie (Gefäßchirurgie)

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