Sucht (Abhängigkeitssyndrom)

Jeder 2. Österreicher ist abhängig

Sucht (Abhängigkeitssyndrom): Mann mit Alkohol stützt Kopf ab
In Österreich sind etwa 330.000 Menschen alkoholabhängig. (Karel Miragaya - Fotolia.com)
Alkohol, Zigaretten, Drogen, Spielen oder Kaufen: Sucht ist zu einer "Volkskrankheit" geworden. Nahezu jeder zweite Österreicher ist abhängig. Die Zahl der Suchterkrankungen ist in den vergangenen Jahren angestiegen. Vor allem Alkohol rangiert an der Spitze der Abhängigkeit. Eines haben alle Suchterkrankungen gemeinsam: sie beeinflussen das Belohnungssystem im Gehirn.

In der Folge braucht der Abhängige eine immer größere Dosis der Substanz, z.B. Alkohol oder Nikotin oder eines "Kicks", wie z.B. bei der Spielsucht. Eine Abhängigkeit verursacht unterschiedliche körperliche oder psychische Symptome. Diese reichen von Lungenkrebs (z.B. Nikotin) bis hin zu psychischen Störbildern (z.B. Cannabis). Eine Abhängigkeit ist jedoch heilbar, eine Therapie erstreckt sich meist über mehrere Wochen oder Monate und muss professionell begleitet werden.

Häufigkeit

In Österreich sind etwa 330.000 Menschen alkoholabhängig, 3/4 der Betroffenen sind männlich. Rund 1,5 Millionen Österreicher sind Raucher, zirka 120.000 sind medikamentenabhängig, etwa 50.000 versuchen ihr Glück regelmäßig im Spiel.

Was ist Sucht?

Sucht ist eine krankhafte Abhängigkeit von stofflichen oder nicht stofflichen Substanzen. Das Gehirn ist wesentlich in die Suchtmechanismen eingebunden: Das menschliche Belohnungssystem sitzt im Mittelhirn. Bei positiven Erlebnissen und Erfahrungen schüttet es Dopamin aus, das dem Gehirn einen positiven Reiz - z.B. gutes Essen, Freude etc. signalisiert. Bestimmte Substanzen, wie Nikotin, Alkohol oder andere Drogen können diesen Dopaminschub künstlich hervorrufen. Gleichzeitig verringert sich bei laufendem Konsum die körpereigene Dopaminproduktion, der Körper braucht immer mehr künstlichen "Stoff", man spricht von Abhängigkeit. Sie charakterisiert sich außerdem durch den starken Zwang, genau jene Substanz zu benötigen (Alkohol, Nikotin etc.). Von den substanzgebundenen Süchten unterscheiden sich die nicht substanzgebundenen Süchte, wie Spiel-, Kauf- oder Sexsucht, die ähnlichen biochemischen Mechanismen unterworfen sind. Typisch für die Sucht sind unter anderem auch eine mangelnde Kontrollfähigkeit beim Konsumieren, der Drang die Dosis immer weiter zu erhöhen, körperliche Entzugserscheinungen, Isolation und sozialer Rückzug.

Substanzgebundene Süchte

Nikotin

Eine Zigarette hat etwa 4.000 Inhaltsstoffe, einer davon ist Nikotin. Es bewirkt eine Erhöhung des Dopamin-Spiegels im Gehirn und führt stärker in die Abhängigkeit als z.B. Marihuana. Wird Nikotin zugeführt, sendet das Gehirn außerdem Impulse an das Herz, die Blutgefäße verengen sich, der Herzschlag wird schneller und der Blutdruck steigt. Es dauert etwa eine halbe Stunde, ehe der Nikotinspiegel im Blut um die Hälfte fällt, dann braucht der Körper neuerlich eine Zigarette, weil das Belohnungssystem erneut nach einer Nikotindosis verlangt. Die häufigsten Begleiterkrankungen sind Herz-Kreislauf-, Lungen- und Gefäßerkrankungen und Schlaganfall.

Therapie

Es gibt unterschiedliche Raucherentwöhnungsprogramme, sie reichen vom Nikotinpflaster über Nikotinersatztherapie bis zur medikamentösen Behandlung mithilfe von Antidepressiva.

Alkohol

Rund 330.000 Menschen in Österreich sind alkoholkrank. Bisher war die Verteilung zwischen Männern und Frauen 3:1, doch zusehends werden auch immer mehr junge Frauen alkoholabhängig. Die häufigsten Gründe dafür sind mangelnde Anerkennung, das Anpassen an männliche Verhaltensmuster oder familiär bedingte Probleme. Alkohol wirkt bei Problemen leicht entspannend, er verbessert die Stimmung und lässt Ängste in den Hintergrund rücken. Andererseits schädigt er die Nervenzellen, die Leistungsfähigkeit des Gehirns und die Leber. Die Wissenschaft geht außerdem davon aus, dass es für die Erkrankung eine genetische Vorbelastung gibt.

Therapie

Eine Therapie erfolgt in mehreren Phasen, sie setzt jedoch eine Motivation zur Abstinenz des Betroffenen voraus. Ist die Entscheidung für eine Behandlung gefallen, wird eine individuelle Therapie festgesetzt, an erster Stelle steht die Entgiftung bzw. der Entzug. Neuere Theorien gehen davon aus, dass ein "Cut Down Drinking", also eine langsame Reduktion der Trinkmenge bessere Ergebnisse bringt als eine totale Abstinenz. Grundsätzlich ist es ratsam, die Entgiftung in einem Krankenhaus durchzuführen. Die Therapie beinhaltet sowohl medikamentöse Behandlung als auch psychotherapeutische Begleitung, diese ist nötig, da sich hinter der Erkrankung meist eine andere Grundproblematik verbirgt. So etwa können Kreativitäts- oder Bewegungstherapie ergänzende Maßnahmen sein, um gemeinsam mit Experten und Medizinern einen Weg aus der Alkoholerkrankung zu finden.

Cannabis

Der berauschende Wirkstoff von Cannabis wird als das Delta-9-Tetra-hydro-Cannabinol (THC) bezeichnet. Die Substanz wird aus der Hanfstaude gewonnen, je nachdem welche Teile verwendet werden, bezeichnet man die Droge als Marihuana ("Gras", es wird aus Blüten oder Blättern gewonnen) oder als Haschisch (gepresstes Blütenharz der Pflanze). Die Substanz wirkt sofort nach dem Genuss eines Joints und bleibt etwa 4 Stunden aufrecht. Cannabis wirkt entspannend, angstlösend, mitunter sogar euphorisierend. Allerdings verstärkt die Substanz nicht nur positive, sondern auch negative Gefühle. Problematisch ist ein regelmäßiger Konsum, da er neben Lungenerkrankungen auch Gedächtnisprobleme und Defizite im Bereich Aufmerksamkeit und Konzentration hervorrufen kann.

Therapie

Ein Entzug geht meist mit psychischen Symptomen einher, daher ist neben einer pharmakologischen Behandlung auch eine Psychotherapie ratsam.

Medikamente

Um Ängste und Spannungen zu lösen, werden Benzodiazepine oft missbräuchlich verwendet und führen direkt in eine Abhängigkeit. Wird die Substanz über Monate hinaus missbräuchlich verwendet, verliert sie ihre Wirkung. Benzodiazepine sind in Beruhigungsmitteln und wirken angst- und krampflösend, beruhigend, sie hellen die Stimmung auf und entspannen die Muskeln. Ein längerer Konsum von Benzodiazepin führt zu verringerter Leistungsfähigkeit, sozialem Rückzug und im körperlichen Bereich zu Vergiftungen durch die Substanz.

Therapie

Ein Benzodiazepinentzug ist meist langwierig und von verschiedenen Symptomen begleitet. So können u.a. Schlaflosigkeit, Angstzustände, Albträume, Schwindelgefühle, Zittern, Herzrasen auftreten.

Opiate

  • Opium: Die Substanz wird aus dem Saft der Mohnpflanze gewonnen, die berauschende Wirkung verdankt es dem Inhaltsstoff Morphin. Es wirkt direkt auf das zentrale Nervensystem und ist schmerzstillend und angstlösend. Regelmäßiger missbräuchlicher Konsum führt zur Abhängigkeit. Typisch daran ist, dass es im Zuge der Sucht zu einem immer größeren Verlangen nach einer höheren Dosis des Suchtmittels kommt.
  • Heroin führt rasch zur Abhängigkeit. Es wirkt schmerzstillend, bei wiederholtem Konsum auch euphorisierend. Die Substanz wird zum Beispielintravenös, also per Spritze zugeführt. Die Begleiterscheinungen der Sucht sind vielfältig, sie reichen von Problemverdrängung über Unlust bis hin zu Realitätsverweigerung.

Therapie

Um die Sucht zu behandeln, gibt es 3 Wege

  • totalen Entzug
  • sukzessive Reduktion der Dosis
  • Behandlung mit Ersatzdrogen (z.B. Methadon)

Die Therapie soll in einem Krankenhaus durchgeführt werden. Ähnlich wie bei Alkoholikern müssen begleitende psychische Maßnahmen durchgeführt werden. Dadurch sollen die Mechanismen und Probleme erkannt werden, die letztlich zur Sucht geführt haben.

Nicht substanzgebundene Süchte

Spielsucht

Die Spielsucht wird erst seit 1991 in der "Internationale Klassifikation Psychischer Störungen" als Erkrankung dokumentiert. Wie bei allen Süchten ist auch hier das limbische System beteiligt, das die Ausschüttung von Dopamin beim Spielen bewirkt. Die Ursachen der Spielsucht werden noch diskutiert, die Wissenschaft geht davon aus, dass gewisse genetische Faktoren, aber auch psychische Probleme wesentlich daran beteiligt sind.

Sexsucht

Von Sexsucht spricht man, wenn - wie bei allen Süchten - bestimmte Merkmale (Kontrollverlust, Zwanghaftigkeit, Stimmungsschwankungen, Leidensdruck aufgrund der Situation, Wunsch nach Dosissteigerung) auf das Sexualleben zutreffen. Für diese Art von Sucht gibt es für Österreich keine Zahlen, in Europa schätzt man, dass 1 % der Bevölkerung betroffen ist. Fest steht, dass jedoch 3/4 der Sexsüchtigen männlich sind. Im Falle von Sexsucht wird das sexuelle Erleben dazu benützt, um Probleme kurzfristig zu bewältigen. Diese Probleme können aus der Kindheit stammen, so z.B. stammen viele Sexsüchtige aus instabilen, nicht wertschätzenden Familienkonstellationen.

Internetsucht

Der dringende und ständige Wunsch, sich in die virtuelle Welt zu flüchten, wird als Internetsucht bezeichnet. Wesentliches Merkmal dabei ist auch, dass der Betroffene die Kontrolle über den Konsum verliert, Zeit, Familie, soziale Bindungen eine untergeordnete Rolle spielen. Auch im Falle der Internetsucht ist das Verlangen, die Dosis des Konsums zu steigern, ein wesentliches Merkmal. In Österreich wird die Zahl der Internetsüchtigen auf zirka 50.000 geschätzt. Als Risikogruppen sieht die Wissenschaft vor allem jene Menschen, die mit der eigenen Lebensrealität nicht zurechtkommen. Aber auch Depression, Einsamkeit oder Langeweile gelten als mögliche Ursachen.

Kaufsucht

Die Kaufsucht betrifft mehr Frauen als Männer, das Verhältnis liegt hier bei 6:4. Charakteristisch für die Erkrankung ist der krankhafte Zwang, etwas einkaufen zu müssen. Bei Frauen sind es Produkte, wie Kleidung, Schuhe oder Schmuck, bei Männern Autozubehör und technische Geräte. Das Gekaufte verliert jedoch sehr rasch an Reiz und es bedarf eines neuerlichen Kauf-Kicks. Häufig liegen der Sucht andere psychische Erkrankungen zugrunde. So etwa kann Kaufsucht eine Begleiterscheinung bei Essstörungen, Zwangserkrankungen oder Depressionen sein.

Therapie

Erste Anlaufstelle ist im Idealfall eine Selbsthilfegruppe oder ein Besuch einer Beratungsstelle oder Drogenambulanz. Eine weiterführende Therapie hat zum Ziel, das Suchtverhalten zu beenden. Dazu ist in schweren Fällen mitunter eine stationäre Behandlung zu empfehlen. Üblicherweise wird im Rahmen einer Suchtbehandlung versucht, das zugrunde liegende Problem zu lösen. Dazu bedarf es einer gezielten Psychotherapie; je nach Sucht können auch Sexualtherapie oder Hypnose hilfreich sein. In jedem Fall ist professionelle Hilfe nötig, ein individueller Therapieplan hilft, Wege aus der Sucht zu finden.

Fragen an den Arzt

  • Welche Therapie ist für mich sinnvoll?
  • Muss ich stationär behandelt werden oder geht es auch ambulant?
  • Bin ich nach einem Entzug geheilt?

Weiterführende Informationen

Medizinischer Experte

Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin

Dr. Christine Allen

ÖAK Diplome: Akupunktur, Ernährungsmedizin, Orthomolekulare Medizin, Palliativmedizin, Psychotherapeutische Medizin

Gesundheitskompass Website

Quellen

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