Psychose

Schizophrenie ist eine der bekanntesten Psychosen

Psychose: Hände auf Scheibe
Halluzinationen sind ein häufiges Begleitsymptom bei Psychosen. (Photocreo Bednarek - Fotolia.com)
Psychose ist ein Überbegriff für verschiedene schwerwiegende psychische Störungen, bei denen Betroffene den Bezug zur Realität verlieren. Die Symptome können verschiedenster Art sein, wie Halluzinationen (z.B. das Hören von Stimmen), das Gefühl, dass andere die eigenen Gedanken lesen können und Energiemangel.

Des Weiteren können Wahnvorstellungen und Stimmungsschwankungen von Depression bis Hochstimmung auftreten. Solche psychotischen Symptome treten bei Schizophrenie (zirka 1 % Betroffene), bipolaren affektiven Störungen (zirka 1,5 % Betroffene) und schizoaffektiven Störungen auf. Wenn diese psychischen Störungen nicht frühzeitig mit Psychotherapie und Medikamenten behandelt werden, kommt es zu einem schwereren Krankheitsverlauf. Im Gegensatz zu Neurosen (wie z.B. Angst- oder Zwangsstörungen) haben Menschen mit psychotischen Störungen durch den Realitätsverlust weniger bis gar keinen Einblick in ihre Krankheit.

Häufigkeit

Zu den häufigsten Psychosen zählen Schizophrenie und bipolare affektive Störungen. Das Risiko, einmal im Leben an einer Schizophrenie zu erkranken, liegt in Europa (und weltweit) bei etwa 1 %. Der Großteil der Betroffenen erkrankt bereits vor dem 25. Lebensjahr. Schizophrenie ist bei Männern und Frauen etwa gleich häufig zu finden.

Bipolare affektive Störungen gliedern sich in Bipolar-I-Störungen (Depression und Manie (= krankhafte Hochstimmung) sind vollausgebildet) mit 1 % im Laufe ihres Lebens Betroffenen und Bipolar-II-Störungen (Depression ist voll ausgebildet, aber Manie nicht (leichtere Form = Hypomanie)) mit 0,5 % Betroffenen. Diese Störungen treten bei Frauen und Männern etwa gleich häufig auf.

Bei den schizoaffektiven Störungen liegen keine Häufigkeitsschätzungen vor, da sie aufgrund der Mischform zwischen schizophrenen, manischen und depressiven Symptomen oft nicht klar zugeordnet werden können. Es wird davon ausgegangen, dass 10-20 % aller an Schizophrenie oder affektiven Störungen erkrankten Menschen irgendwann in ihrem Leben auch Symptome der jeweils anderen Störung erleben. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, vor allem, wenn keine manischen Symptome vorliegen.

Ursachen/Symptome/Verlauf

Als Ursachen für Psychosen wurden Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Begriff erstmals auftauchte, organische Erkrankungen des Nervensystems vermutet, also krankhafte Veränderungen im Gehirn. Tatsächlich können psychotische Symptome wie Stimmenhören oder Wahnvorstellungen auch durch organische Erkrankungen des Nervensystems hervorgerufen werden, wie z.B. Demenz. In neueren Klassifikationssystemen für Krankheiten (z.B. ICD-10) werden die psychotischen Störungen, die nicht allein auf organischen Erkrankungen basieren, in Schizophrenie, bipolare affektive Störungen und schizoaffektive Störungen eingeteilt. Eine genetische Vorbelastung (z.B. wenn ein Elternteil bereits psychotische Symptome hatte) in Kombination mit einer akuten Lebenskrise kann zum Auftreten der ersten Symptome führen, bei Schizophrenie ist es auch oft Drogenkonsum, der das Auftreten der Krankheit begünstigt. Als möglicher Auslöser von Psychosen wird auch ein Ungleichgewicht in der Produktion eines Botenstoffs im Gehirn, dem Neurotransmitter Dopamin, in Erwägung gezogen.

Symptome von psychotischen Störungen betreffen verschiedene Grundfunktionen der menschlichen Psyche:

Übergeordnete Funktion

Symptome

Beispiele

Wahrnehmung

u.a. akustische, optische, körperliche Halluzinationen

Betroffener hört Stimmen, sieht oder spürt etwas, das nicht da ist (z.B. bestimmte Formen oder Schmerz)

Denken

z.B. Denkverlangsamung, Zerfahrenheit, Wahn

Der Denkprozess geht langsamer vor sich, das Gesagte ist unzusammenhängend, wahnhafte Gedanken entstehen (z.B. Verfolgungswahn)

Ich-Funktionen

u.a. Gedankenausbreitung, Gedankenentzug, Gedankeneingebung

Betroffener hat das Gefühl, dass Gedanken ihm nicht alleine gehören bzw. weggenommen bzw. von anderen eingegeben werden

Konzentration und Aufmerksamkeit

u.a. Auffassungsstörungen, Konzentrationsstörungen

Fragen oder Geschichten werden nicht verstanden, es fällt Betroffenen schwer, bei der Sache zu bleiben

Antrieb

u.a. Antriebslosigkeit

Mangel an Energie

Affektivität

u.a. Depressionen, Affektarmut, Manie/Hypomanie

Trübseligkeit und negative Grundeinstellung, verflachtes Gefühlserleben, krankhafte Hochstimmung/leicht gehobene Stimmung

Die genannten Symptome treten in unterschiedlicher Stärke bei den verschiedenen Schizophrenie-Formen und schizoaffektiven Störungen auf. Bei den bipolaren affektiven Störungen sind vor allem Antrieb und Affektivität gestört.

Schizophrenie

Der Verlauf ist bei Schizophrenien sehr unterschiedlich: Es können kontinuierliche und phasenhafte Verläufe auftreten, wobei die psychotischen Symptome mal stärker, mal weniger stark ausgeprägt sind oder sogar ganz verschwinden. Bei etwa 20 % heilt die erste psychotische Phase vollständig aus und es treten später keine weiteren Symptome auf. Etwa 60 % der Betroffenen können trotz Erkrankung arbeiten, nur etwa 10 % werden pflegebedürftig. Zirka 10 % der Betroffenen begehen schließlich Selbstmord.

Bipolare affektive Störungen

Bipolare affektive Störungen treten typischerweise zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr auf, der Verlauf zeichnet sich durch den Wechsel von depressiven und manischen Phasen und Phasen ohne jegliche Symptome aus. Wenn bipolare affektive Störungen nicht behandelt werden, treten während der gesamten Lebenszeit oft mehr als 10 Krankheitsphasen auf, wobei die Zeiten ohne Symptome immer kürzer werden. Etwa 15 % der Betroffenen begehen Selbstmord.

Schizoaffektive Störungen

Bei schizoaffektiven Störungen ist der Verlauf ebenfalls phasenhaft, ähnlich wie bei bipolaren affektiven Störungen. Chronische Veränderungen des Charakters (z.B. ein andauernder Verfolgungswahn) treten in der Regel nicht auf, langfristig gesehen ist der Verlauf für Betroffene günstiger.

Diagnose

Da die Symptome sehr schwerwiegend sind und manchmal akut, bei Schizophrenie typischerweise schleichend auftreten, werden Betroffene meist in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses gebracht, wo dann erst die Diagnose gestellt wird. Dazu werden die einzelnen Symptome genau erhoben, u.a. mit Fragebögen. Diagnostisch können Erkrankungen mit psychotischen Symptomen erst im langfristigen Verlauf sicher in Klassifikationssysteme wie die ICD-10 eingeordnet werden, da durch den phasenhaften Verlauf nicht klar ist, ob es sich nur um ein einmaliges Ereignis handelt (z.B. vorübergehende akute psychotische Störung) oder diese einen langfristigen Verlauf einschlagen. Zudem muss beachtet werden, dass psychotische Symptome auch im Rahmen von organischen Störungen auftreten können.

Therapie

Psychosen galten bis in die 1950er, als die ersten Psychopharmaka auf den Markt kamen, im Gegensatz zu den Neurosen, zu denen z.B. Angst- und Zwangsstörungen gezählt werden, als weitgehend untherapierbar und wurden auch von den Vertretern der Psychoanalyse eher vernachlässigt. Manchmal wurde Elektrokrampftherapie eingesetzt, bei der elektrischer Strom Krampfanfälle auslöst, da an Patienten mit Epilepsie beobachtet werden konnte, dass sich Psychosen nach einem Anfall besserten.

Mittlerweile werden Erkrankungen mit psychotischen Symptomen wie Schizophrenie, schizoaffektive und bipolare affektive Störungen sowohl mittels Psychotherapie als auch mit Psychopharmaka behandelt.

Was kann der Betroffene zusätzlich tun?

Es ist von großer Bedeutung, dass der Betroffene über seine eigene Erkrankung Bescheid weiß - die Vermittlung dieses Wissens nennt man Psychoedukation. Eine vertrauensvolle und offene Gesprächsbasis mit dem behandelnden Arzt ist zudem wichtig und auch, dass Betroffene ehrlich sind, ob sie ihre Medikamente einnehmen, damit keine Fehldosierung passiert. Hierbei sollten Betroffene auch bereit sein, mit verschiedenen therapeutischen Methoden und Medikamenten gemeinsam mit dem Arzt zu "experimentieren", um das beste Behandlungsmittel für die vorliegenden Störungen zu finden. Außerdem kann es sinnvoll sein, die Familie des Betroffenen miteinzubeziehen - wenn diese die Therapie unterstützen, sind die Erfolgschancen höher.

Fragen an den Arzt

  • Bilden sich die psychotischen Symptome von selbst zurück?
  • Wie gehe ich als Angehöriger mit psychotischen Störungen um?
  • Wie lassen sich die psychotischen Störungen voneinander unterscheiden?
  • Wie werden psychotische Störungen behandelt?
  • Müssen Menschen mit psychotischen Störungen dauerhaft Medikamente einnehmen?

Medizinischer Experte

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin

Dr. Wolfgang Gombas

Arzt für psychosomatische Medizin, Systemischer Psychotherapeut

Gesundheitskompass Website

Quellen

  • Interview mit Dr. Wolfgang Gombas, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapeut, am 08.08.2014
  • Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V (F), WHO/H. Dilling, W. Mombour & M. H. Schmidt (Hrsg.), Verlag Hans Huber, 7. Auflage, Bern, 2010
  • Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie, V. Arolt, C. Reimer & H. Dilling, Springer Verlag, 7., bearbeitete Auflage, Berlin/Heidelberg, 2011
  • Psychiatrie und Psychotherapie, M. T. Gastpar, S. Kasper & M. Linden (Hrsg.), Springer Verlag, 2. vollständig neu bearbeitete Auflage, Wien, 2003
  • Psychiatrie - einschließlich Psychotherapie, R. Tölle & K. Windgassen, Springer Medizin Verlag, 16. überarbeitete und ergänzte Auflage, Heidelberg, 2012
  • M. Bürgy: The Concept of Psychosis: Historical and Phenomenological Aspects, In: Schizophrenia Bulletin 2008, 34:6, S. 1200-1210
  • Schizoaffektive Störungen, V. Faust (14.10.2014)

ICD-10: F32.1, F32.2, F32.3, F20, F28, F29

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