Parodontitis

"Schleichende Gefahr" erhöht Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall

Parodontitis: Geöffneter Mund, das Zahnfleisch gut sichtbar.
Parodontitis ist eine Entzündung des Zahnfleisches, die vor allem Menschen ab dem 30. Lebensjahr betrifft. (vetkit - Fotolia.com)
Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters Gesunde Zähne

Parodontitis (Parodontose) ist eine Erkrankung des Zahnhalteapparates, die von Bakterien verursacht wird. Durch die Entstehung von Zahnbelag (Plaque) entzündet sich zunächst das Zahnfleisch (Gingivitis). Unbehandelt bilden sich Zahntaschen, die mit Bakterien gefüllt sind, wodurch die Erkrankung bis an den Zahnhalteapparat und die Kieferknochen fortschreitet.

Parodontitis betrifft vor allem Menschen ab dem 30. Lebensjahr und ist mit 75 % die häufigste Ursache von Zahnverlust. Im Gegensatz zu Karies, verursacht die Erkrankung keine Schmerzen und wird dadurch häufig übersehen, vor allem wenn sich Plaque in den Zahnzwischenräumen bildet. Parodontitis betrifft nicht nur die Zähne: die Stoffwechselprodukte der Keime können ein Risikofaktor für Herzerkrankungen sein. Nur durch eine regelmäßige Kontrolle beim Zahnarzt lässt sich Parodontitis schon frühzeitig erkennen.

Häufigkeit

Parodontitis wird nach wir vor unterschätzt und zählt laut WHO zu den häufigsten Erkrankungen weltweit. Etwa 3 Viertel aller Erwachsenen über 30 Jahre laborieren an Parodontitis, wissen es nicht bzw. können die Folgen nicht einschätzen. Erst wenn sich Empfindlichkeiten auf "heiße" oder kalte Nahrungsmittel zeigen oder Zahnfleischbluten auftritt, sind viele alarmiert. Studien zeigen allerdings, dass die meisten Betroffenen die Problematik gar nicht kennen oder diese unterschätzen. Doch Parodontitis ist nicht zwingend "altersbedingt", sondern hängt vor allem von den individuellen Hygienemaßnahmen ab, mitunter kann auch ein schwaches Immunsystem die Infektion begünstigen. Übrigens: Raucher haben auch trotz Vorsorge wesentlich schlechtere Karten: 90 % der Erkrankungen heilen bei Rauchern schlechter als bei Nichtrauchern. Und auch Jugendliche sind zunehmend von Parodontitis betroffen: Etwa 15 % der Unter-30-Jährigen haben Parodontitis.

Parodontitis - Ursachen und Verlauf

Bakterien, die sich in der Mundhöhle angesiedelt haben, können von Mensch zu Mensch übertragen werden, z.B. durch Benützen derselben Zahnbürste, desselben Bestecks oder durch Küssen. Aber auch ein schwaches Immunsystem, das mit der Bakterienabwehr überfordert ist, kann Ursache einer Infektion sein. Die Bakterien überleben in Zahnzwischenräumen, wo man sie mit der Zahnbürste schwer entfernen kann. Im weiteren Verlauf bilden sich Zahntaschen, wo sich die Bakterien absetzen und vermehren. Stoffwechselprodukte der Parodontitis-Keime greifen das Zahnfleisch an und verursachen eine Entzündung (Gingivitis).

Hinweise auf Parodontitis bzw. Karies

Parodontitis

Karies

 

Weiße Flecken an den Zähnen

Mundgeruch 

Kein Mundgeruch

schmerzlos

dauerhafter Schmerz

Gerötetes Zahnfleisch

 

Zahnfleisch fehlt zwischen den Zähnen 

der Zahn ist hitze- bzw. kälteempfindlich

Zahnfleischbluten beim Putzen

 

Tiefe Zahntaschen

 

Zahnhälse liegen nach und nach frei 

in der Folge entsteht ein Loch im Zahn

Veränderte Zahnstellung beim Aufeinanderbeißen 

bei fortschreitender Erkrankung bilden sich dunkle Flecken 

Zähne sind locker 

  

Eiteraustritt

im fortgeschrittenen Stadium: geschwollene Backe, Eiterbildung durch Eindringen der Bakterien in den Wurzelkanal 

Stadium 1

Üblicherweise ist das um den Zahn liegende Gewebe ("Parodont"), wie etwa das Zahnfleisch, im gesunden Zustand hellrosa und gut durchblutet. Es blutet nicht, wie etwa beim Zähneputzen oder beim Biss in einen Apfel. Zahnfleischbluten jedoch ist das erste Stadium einer Entzündung, doch in dieser Phase ist eine Parodontitis noch gut behandelbar.

Stadium 2

Werden diese Symptome jedoch übersehen, schreitet die Zahnfleischentzündung fort. Symptome dafür sind gerötetes, geschwollenes und empfindliches Zahnfleisch, das nicht mehr straff am Zahn anliegt. Möglicherweise treten während des Putzens und der Zahnzwischenraum-Reinigung Blutungen auf, ein Zeichen, dass die Entzündung in den Zahnzwischenräumen liegt. In diesem frühen Stadium einer Zahnfleischerkrankung kann der Schaden wieder völlig behoben werden, da der Knochen und das Bindegewebe, die den Zahn in seiner Position halten noch nicht betroffen sind.

Stadium 3

Bleiben die genannten Symptome unentdeckt, dringen sie in den Zahntaschen bis zum Kieferknochen vor und zerstören seine wichtige Funktion, nämlich die Zähne zu halten. Sie beginnen locker zu werden, zu wackeln und fallen im schlimmsten Fall aus. Je nach Aggressivität des Erregers und Alter des Betroffenen beträgt die Zeitspanne zwischen ersten Symptomen und Knochenabbau  etwa 5 Jahre, der Knochen kann den Zahn nicht mehr halten, er fällt aus.

Parodontitis ist jedoch eine Erkrankung, die nicht nur die Zähne betrifft. Die Stoffwechselprodukte der Bakterien können über den Blutstrom auch zu anderen Organen (z.B. Herz und Gehirn) gelangen und Gefäße schädigen. Parodontitis ist daher auch ein Risikofaktor für Herzinfarkt oder Schlaganfall und kann Diabetes verstärken. Weiters kann die veränderte Hormonsituation von Schwangeren in Kombination mit einer Parodontitis-Infektion zu Frühgeburten führen.

Parodontitis-Erreger können mithilfe eines Bakterientests nachgewiesen werden. Der Zahnarzt kann Zahnfleischschwund in einer Routineuntersuchung feststellen.

Diagnose

Einmal jährlich sollte eine Routineuntersuchung beim Zahnarzt am Programm stehen. Er kann eine Parodontitis leicht und schmerzfrei feststellen. Dazu wird eine Sonde benutzt, die den Spielraum zwischen festem Zahn und Zahnfleisch misst. Dieser Unterschied sollte nicht mehr als 2 bis 3 mm betragen. Dieses Maß kann freilich von Zahn zu Zahn schwanken, wenn ein Zahn von Parodontitis betroffen ist, heißt das nicht, dass alle Zähne erkrankt sind. Der Zahnarzt kann aufgrund der Blutungsneigung feststellen, wo es mögliche "Krankheitsherde" gibt und wie eine erfolgreiche Therapie ablaufen muss.

Röntgen

Ein Panoramaröntgen zeigt, wo erkrankte Stellen liegen. Ein Bissflügelröntgen zeigt im  Detail das Fortschreiten der Erkrankung.

Gen-Test

Eine neuere Möglichkeit ist, bei familiär gehäuft auftretenden Parodontitis-Erkrankungen einen Gentest durchzuführen. Dabei wird ein Abstrich aus der Mundhöhle entnommen. Anhand des Tests lässt sich feststellen, ob für den Betroffenen eine erhöhte Anfälligkeit für die Erkrankung besteht. Bei positivem Testergebnis müssen Betroffene besonders auf ihre tägliche Mundhygiene achten, bis zu 4-mal pro Jahr Kontrolltermine beim Zahnarzt wahrnehmen und halbjährlich eine Dentalhygiene-Sitzung absolvieren.

Therapie

Ziel jeder Therapie ist es, das Fortschreiten der Erkrankung zu stoppen, um einem möglichen Zahnverlust vorzubeugen. Eine Parodontal-Therapie ist jedoch weder schmerzhaft, noch aufwändig. Sie beinhaltet im Wesentlichen nachstehende Punkte:

Hygiene

Der Zahnarzt oder die Dentalhygienikerin entfernt in der ersten Sitzung alle Beläge, die Parodontitis verursachen. Er verwendet zur Entfernung von Zahnstein ein sichelartiges Instrument, man bezeichnet es als "Scaler". Mit einer Kürette hingegen - sie ist ähnlich gebaut - kann er entzündetes Gewebe aus den Zahnfleischtaschen entfernen. Nachfolgende Hygienemaßnahmen (Putzen, Reinigen mit Zahnseide, Spülungen etc.) kann man nach Absprache mit dem Spezialisten auch zuhause bequem und in aller Ruhe durchführen. Vor allem die Zahnzwischenräume bereiten oft Probleme, der Zahnarzt oder der Dentalhygieniker kann hier anleiten, wie man beispielsweise mit Zahnpasta, bürste und Zahnseide umgeht. Er reinigt zunächst die Zahntaschen. In schweren Fällen können auch Antibiotika das Fortschreiten der Entzündung verhindern. Üblicherweise führen eine konsequente Zahnpflege und –hygiene dazu, dass sich die Erkrankung in 8 bis 12 Wochen merklich zurückzieht. Sind jedoch Backenzähne betroffen, kann es sein, dass diese Maßnahmen nicht mehr ausreichend sind, in diesem Fall muss der nächste Therapieschritt in Erwägung gezogen werden, um eine Entzündungsfreiheit zu garantieren.

Kontrolle

Bei gesundem Zahnfleisch werden als Prophylaxe eine 2-malige Kontrolluntersuchung, sowie eine einmalige parodontologische Grunduntersuchung und eine Mundhygiene pro Jahr empfohlen. Risikogruppen (Gen-Test-Positive, Diabetiker) sollten bis zu 4-mal jährlich zum Zahnarzt, halbjährlich zur Mundhygiene. Liegt bereits eine Parodontitis vor, entscheidet der Zahnarzt über die nötigen Behandlungs- bzw. Nachsorge-Intervalle.

Chirurgie

Wenn die Taschentiefe über 3 mm beträgt, ist meist ein chirurgischer Eingriff sinnvoll, um das Fortschreiten der Erkrankung einzuhalten. Es kann sein, dass dazu der Kieferknochen wieder entsprechend aufgebaut werden muss. Konkret bedeutet das: das Gewebe um den Zahn, das Parodont, wird gestärkt, um einem möglichen Zahnverlust vorzubeugen.

Was Sie selbst tun können

Zahnhygiene. Neben der richtigen Zahnpflege mit gründlicher Pflege der Zähne mit Zahnbürste, -pasta und –seide (Reinigung der Zahnzwischenräume) ist im Falle von Parodontitis eine Untersuchung 3-mal pro Jahr empfohlen, bzw. eine Behandlung durch den Dentalhygieniker ratsam. Für eine Behandlung von Parodontitis und eine Vorsorge ist es übrigens in keinem Lebensalter zu spät.

Fragen an den Arzt

  • In welchem Stadium ist die Parodontitis?
  • Welche Behandlung ist für mich sinnvoll?
  • Welche Aussichten hat die Therapie und wie lange dauert sie?
  • Verwende ich die richtige Putztechnik beim Zähneputzen?
  • Wie hoch ist in meinem Fall das Risiko für Zahnverlust?

Weiterführende Informationen

Medizinischer Experte

Med.Dent.

Dr. Bernd Matschy

Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Graz

Gesundheitskompass Website

Quellen

ICD-10: K05; K05.0, K05.1, K05.2, K05.3, K05.4, K05.5, K05.6

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