Neurosen

Ängste, Phobien und depressive Verstimmungen sind die häufigsten Symptome

Menschenmenge
Ängste vor Menschenmengen, eine verzehrte Wahrnehmung, Zwänge - all das fällt unter den Begriff Neurose (Philippe Geenen - Fotolia.com)

Neurosen sind psychische Störungen, bei denen keine körperlichen Ursachen vorliegen. Zu den häufigsten Symptomen zählen Ängste, Phobien und depressive Verstimmungen, aber auch körperliche Symptome (z.B. Lähmungen) können auftreten.

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud befasste sich intensiv mit Neurosen und führte diese auf frühkindliche Konflikte zurück. Neurosen sind von Psychosen abzugrenzen, bei denen der Bezug zur Realität verlorengeht. Die Störungsbilder werden in Angststörungen, Zwangsstörungen, Dysthymia, hypochondrische sowie dissoziative Störungen eingeteilt. Von neurotischen Störungen sind rund 6 -10 % aller Menschen betroffen. Psychotherapeutische Verfahren (z.B. Verhaltenstherapie, Psychoanalyse) werden zur Behandlung eingesetzt, manchmal auch Medikamente.

Überblick

Häufigkeit von Neurosen

Ungefähr 6 -10 % sind von neurotischen Störungen betroffen. Nicht immer sind die Symptome von Dauer: Bei 80 -95 % aller Menschen treten einmal im Leben neurotische Symptome auf, die sich aber nicht zu einer psychischen Störung auswachsen. Frauen sind häufiger von neurotischen Störungen betroffen als Männer.

Ursachen/Symptome/Verlauf von Neurosen

Sigmund Freud, der den Begriff Neurose zwar nicht erfunden, aber maßgeblich geprägt hat, führte die Ursache von Neurosen auf frühkindliche Konflikte zurück. Diese Konflikte umfassen Traumata, sonstige kritische Lebensereignisse (z.B. Todesfälle, Scheidung der Eltern) und Störungen der Sexualentwicklung. Diese schlummern im Unbewussten und sind laut Freud Ursache für das Auftreten der Neurose, bei der sich das unverarbeitete Problem auf etwas anderes verschiebt - so deutete Freud die Angst vor Schlangen zu Angst vor Sexualität um, da die Schlange dem männlichen Sexualorgan ähnelt.

Die Frage nach der Ursache von Neurosen wird in der Psychoanalyse völlig anders beantwortet als in der Psychiatrie, da die Aufklärung frühkindlicher Konflikte aus medizinischer Sicht nicht relevant ist. Aufgrund dessen unterscheiden sich die beiden Disziplinen auch in der Behandlung von neurotischen Störungen stark.

Während in der Psychoanalyse nach Sigmund Freud nach wie vor frühkindliche Konflikte als Ursache für neurotische Störungen gehandelt werden, sind es aus der Sicht anderer Theorien (z.B. Lerntheorie) erlernte Fehleinschätzungen, die zu unpassenden Reaktionen gegenüber der eigenen Umwelt (z.B. Angst vor Schlangen) führen. Generell ist es bei psychischen Störungen so, dass eine Veranlagung für diese vererbt werden kann, aber auch kritische Lebensereignisse und die allgemeine Fähigkeit mit Belastungen umzugehen das tatsächliche Auftreten von psychischen Störungen bestimmen.

Neurosen können sich in Form von folgenden seelischen Beschwerdebildern äußern:

  • Ängste
  • Zwänge
  • Depressive Verstimmungen
  • Entfremdungserlebnisse (z.B. man fühlt sich nicht mehr wie man selbst oder die Umgebung/Situation fühlt sich nicht real an)
  • Hypochondrie (Angst, krank zu sein bzw. zu werden)

Die körperlichen Symptome beziehen sich auf Organstörungen (z.B. Reizdarmsyndrom, Lähmungen), die nicht auf tatsächlichen körperlichen Problemen basieren. Eng damit im Zusammenhang ist das zur Zeit Freuds geschaffene Konzept der Hysterie, bei der ebenfalls körperliche Störungen ohne organische Ursache auftreten.

Daneben definierte Freud noch Charakterneurosen, bei denen bestimmte "neurotische" Persönlichkeitszüge im Vordergrund stehen (z.B. die Selbstverherrlichung beim narzisstischen Charakter).

Nachfolgend werden die gängigen Bezeichnungen für die psychischen Störungen und ihre Entsprechungen aus der Neurosenlehre angeführt:

Psychische Störung

Entsprechende Neurose

Beschreibung

Angststörung

Angstneurose

Angst, die nicht auf bestimmte Situationen begrenzt ist, z.B. Panikstörung, generalisierte Angststörung.

Depersonalisations- und Derealisationssyndrom/
Entfremdungssyndrom

Neurotisches Depersonalisationssyndrom

Wahrnehmung, Gefühle, Körperempfindungen und Gedanken werden nicht als dem Ich zugehörig empfunden (Depersonalisation) bzw. wird die Umwelt nicht richtig wahrgenommen (Derealisation).

Dissoziative Störung, Konversionsstörung

Hysterische Neurose (auch: Konversionsreaktion)

Körperliche Symptome (z.B. Lähmungen) treten aufgrund von seelischen Konflikten auf bzw. sind Wahrnehmungen, Erinnerungen, Vorstellungen und Gefühle nicht an die Realität angepasst.

Dysthymia

Depressive Neurose (auch: neurotische Depression)

Chronische depressive Verstimmung, die aber nicht so stark ausgeprägt ist, um als (leichte bis mittelgradige) depressive Störung klassifiziert werden zu können.

Hypochondrische Störung

Hypochondrische Neurose

Extreme Besorgtheit über die eigene Gesundheit, die mit ängstlicher Selbstbeobachtung einhergeht.

Phobische Störung

Phobie (auch: Zwangsbefürchtung)

Angst vor spezifischen Situationen oder Objekten, z.B. Agoraphobie (Angst vor weiten Plätzen/Menschenmengen), soziale Phobie, Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen).

Zwangsstörung

Zwangsneurose

Wiederkehrende Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, verbunden mit Angst vor schlimmen Folgen, wenn diesen nicht nachgegangen wird.

Zudem wurden früher auch Funktionsstörungen von Organen wie Herzrasen oder Durchfall - die von den Betroffenen als körperliche Krankheit wahrgenommen werden, aber in Wahrheit psychischen Ursprungs sind - als Neurosen bezeichnet (z.B. Herzneurose, Magenneurose). Heute wird in diesem Zusammenhang von somatoformen Störungen bzw. Symptomen gesprochen.

Krankheitsverläufe von Neurosen

Die Krankheitsverläufe sind bei den verschiedenen neurotischen Störungen unterschiedlich, oft begleiten sie die Betroffenen ein Leben lang:

  • Phobien und Zwangsstörungen: Phobien und Zwangsstörungen beginnen häufig schon in der Kindheit, unbehandelt besteht die Gefahr eines chronischen Verlaufs.
  • Dysthymia: Die Dysthymia zeigt einen chronischen, oft wellenförmigen Verlauf auf, bei dem sich Phasen mit leichten Depressionen und Phasen ohne Symptome abwechseln.
  • Hypochondrische Störung: Die hypochondrische Störung verläuft ebenfalls meist chronisch, da sich die Betroffenen nur schwer davon überzeugen lassen, gesund zu sein und nicht gefährdet, von einer Krankheit befallen zu werden.
  • Dissoziative Störungen: Diese können sehr unterschiedlich verlaufen, haben oft aber einen für den Betroffenen eher ungünstigen Verlauf.
  • Depersonalisations- und Derealisationssyndrom: Dieses Syndrom ist u.a. ein Begleitsymptom von Dysthymia, Angst- und Zwangsstörungen, tritt aber z.B. auch im Rahmen von Schizophrenie, Epilepsie oder Hirntumoren auf. Die Grunderkrankungen müssen behandelt werden, für das Syndrom selbst ist keine spezifische Therapie notwendig.

Diagnose von Neurosen

Die Diagnose von neurotischen Störungen erfolgt aufgrund der Symptome, welche die verschiedenen Störungsbilder aufweisen. Zu den häufigsten Symptomen gehören Ängste, Phobien und depressive Verstimmungen. Dissoziative und Konversionsstörungen werden oft erst spät als solche diagnostiziert, da die körperlichen und seelischen Symptome weit gestreut sind.

Therapie von Neurosen

Die Behandlung erfolgt durch einen Psychiater, Psychotherapeuten oder Klinischen Psychologen. Je nach Störungsbild und Schweregrad der psychischen Störung sind andere psychotherapeutische Methoden (z.B. Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Hypnose, systemische Psychotherapie) geeignet. Die Betroffenen sollen in der Therapie lernen, besser mit ihren Ängsten, Zwängen etc. umzugehen und diese so gut wie möglich abzubauen. Teilweise sind die Einstellungen der Betroffenen (z.B. bei hypochondrischen Störungen) bereits sehr verfestigt, sodass es lange dauert, bis das Verhalten geändert werden kann. Zusätzlich können auch Medikamente (Psychopharmaka) vom Psychiater verordnet werden.

Neurosen: Was kann der Betroffene zusätzlich tun?

Es ist wichtig, sich bei dem behandelnden Arzt, Therapeuten oder Klinischen Psychologen wohlzufühlen und eine Vertrauensbeziehung aufzubauen. Ehrliche und offene Kommunikation ist hier besonders wichtig - z.B. wenn der Betroffene bei einer sozialen Phobie nicht regelmäßig Medikamente einnehmen möchte, aber für den Notfall eines dabei haben mag, muss er das dem Behandelnden gegenüber äußern. Außerdem müssen Betroffene daran arbeiten, sich selbst so anzunehmen, wie sie sind - mitsamt ihren Angst- oder anderen Störungen.

Medizinischer Experte

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin

Dr. Wolfgang Gombas

Arzt für psychosomatische Medizin, Systemischer Psychotherapeut

Gesundheitskompass Website

Quellen

  • Interview mit Dr. Wolfgang Gombas, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapeut, am 08.08.2014
  • Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V (F), WHO/H. Dilling, W. Mombour & M. H. Schmidt (Hrsg.), Verlag Hans Huber, 7. Auflage, Bern, 2010
  • Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie, V. Arolt, C. Reimer & H. Dilling, Springer-Verlag, 7. Auflage, Berlin/Heidelberg, 2011
  • Psychiatrie und Psychotherapie, M. T. Gastpar, S. Kasper & M. Linden (Hrsg.), Springer-Verlag, 2. Auflage, Wien, 2003
  • Psychiatrie – einschließlich Psychotherapie, R. Tölle & K. Windgassen, Springer Medizin Verlag, 16. Auflage, Heidelberg, 2012
  • Psychiatrie - Ein systematisches Lehrbuch, B. Vetter, Schattauer Verlag, 7. Auflage, Stuttgart, 2007
  • Die Neurosen - einst und heute, V. Faust (12.03.2015)

ICD-10: F48

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