Hörgeräte

Frau hat Hörgerät hinter dem Ohr
Ein modernes Hörgerät kann unterschiedliche Defizite ausgleichen und fein auf verschiedene Lebenssituationen abgestimmt werden. (ODG - Fotolia.com)
Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters Schwerhörigkeit

Rund 90 % aller Sinneswahrnehmungen werden über das Gehör aufgenommen. Eine Hörverminderung oder Schwerhörigkeit schränkt die Betroffenen daher sehr stark ein, vor allem in der Kommunikation und im sozialen Leben.

Eine Vielzahl von Hörgräten steht zur Auswahl, die weit mehr bewirken, als nur den Schall auf "laut" zu verstärken. Für alle Gerätetypen und Lösungen aber gilt: Völlig kompensieren können sie einen Hörverlust nicht, das "neue Hören" muss erlernt werden und erfordert Zeit und Geduld während der individuellen Anpassung, die mindestens 6-12 Monate dauern kann. Auch für Kinder stehen spezielle Hörgeräte zur Auswahl, bei entwicklungsverzögerten Sprachstörungen werden diese aber nicht eingesetzt.

Wem nützt eine Therapie mit Hörgerät?

Betroffene mit einem Hörschaden sollten möglichst früh mit einem Hörgerät versorgt und therapiert werden, denn das Gehirn kann die Fähigkeit verlieren, Geräusche oder Sprache zu verarbeiten. Das Hören ist auch an die geistige Leistungsfähigkeit gekoppelt, daher ist der rasche Ausgleich eines beginnenden Hörverlustes z.B. im fortschreitenden Alter wichtig. Schwerhörigkeit kann plötzlich auftreten, oft entwickelt sie sich aber schleichend und wird daher von den Betroffenen erst spät wahrgenommen oder übergangen. Aber auch für Tinnitus-Betroffene bringt ein Hörgerät Vorteile: Es macht Sprache und Klänge hörbar und lässt oftmals gleichzeitig die typischen Tinnitus-Geräusche in den Hintergrund treten.

Kinder mit angeborener oder erworbener Hörstörung sollten möglichst früh mit einem Hörgerät versorgt werden. Dabei spielen je nach Alter neben der medizinischen Indikation auch Kriterien wie Stabilität, Hörqualität und Handhabung eine wichtige Rolle.

Nicht jede Art von Hörverlust kann durch ein Hörgerät ausgeglichen werden, der HNO-Facharzt bestimmt die Ursachen und geeigneten Therapien. Grundsätzlich eignet sich eine Therapie für Betroffene, die eine der 3 Arten von Hörschwäche aufweisen:

  • Schallleitungsschwerhörigkeit: Die mechanische Weiterleitung des Schalls durch Außenohr und Mittelohr zu den Nervenzellen im Innenohr ist gestört. Der Hörverlust erstreckt sich relativ gleichmäßig über alle Frequenzen. Große Lautstärken werden gut gehört.
  • Schallempfindungsschwerhörigkeit: Die Störung liegt im Bereich des Innenohres oder der Hörbahn zum Gehirn. Oft werden nur bestimmte Frequenzen schlecht gehört, vor allem höhere Frequenzen.
  • Kombinierte Schwerhörigkeit (sehr häufig): Sowohl die Schallleitung als auch die Empfindung sind gestört, die Gewichtung der beiden Grundbeeinträchtigungen kann unterschiedlich ausfallen.

Andere Ursachen eines Hörverlustes, wie zum Beispiel Störung der zentralen Verarbeitung des Gehirns durch eine Hirnverletzung oder durch psychische Störungen werden anders therapiert.

Was passiert bei einer Therapie mit Hörgerät?

Nach umfangreichen Tests und Diagnose durch den HNO-Facharzt und dessen Verordnung einer Hörgeräteversorgung wird die Auswahl und Anpassung der Hörhilfe von einem Hörgeräteakustiker durchgeführt. Der Akustiker führt ebenfalls mehrere Hörtests durch und klärt, welche Hörsituationen für den jeweiligen Patienten wichtig sind. Danach richtet sich die Auswahl und Einstellung des Hörgerätes.

Es gibt über 1.500 zugelassenen Hörgeräte auf dem Markt, daher sollte jeder Betroffene mehrere Hörgeräte jeweils für mehrere Tage im Alltag testen. Vor der endgültigen Entscheidung sollten zumindest 3 unterschiedliche Hörgeräte ausprobiert werden. Diese sogenannte vergleichende Hörgeräteanpassung ist Standard.

Ein Hörgerät erfordert eine gewisse Zeit der Gewöhnung, und es muss durch den Akustiker angepasst und eingestellt werden. Das erfordert vom Patienten vor allem Zeit und Geduld, denn es kann einige Monate in Anspruch nehmen.

Nach der Hörgeräteanpassung sollte unbedingt der HNO-Facharzt wieder testen, ob das Sprachverständnis mit den Hörgeräten besser geworden ist oder ob Probleme auftreten. Ist dies der Fall, besteht immer noch die Möglichkeit, auf ein anderes Hörsystem umzusteigen.

Welche Hörgeräte gibt es?

Prinzipiell besteht jedes Hörgerät aus 3 Elementen

  1. Mikrofon, das den Schall aufnimmt.
  2. Elektronik, die den Schall passend aufbereitet und verstärkt.
  3. einem Lautsprecher, der den Schall an das Ohr abgibt.

Diese 3 Elemente können heute in sehr kleinen kompakten Geräten vereint werden, die komfortabel und unauffällig zu tragen sind.

Die gängigsten Gerätetypen:

  • Im-Ohr-Geräte (IO)
  • Hinter-dem-Ohr-Geräte (HdO)
  • Hinter-dem-Ohr-Geräte mit externem Lautsprecher
  • Taschenhörgeräte
  • Hörbrille
  • Knochenleitungshörgeräte
  • Implantierbare Hörhilfen

Im-Ohr-Geräte (IO)

IO-Geräte werden komplett im Ohr getragen, alle Elemente des Hörgerätes sind in ein individuell nach der Ohr- und Gehörgangsform angefertigtes Gehäuse eingearbeitet. Da diese Geräte in den Gehörgang hineinreichen und ihn passgenau abschließen, werden Eigengeräusche (Stimme, Kauen, Schritte) plötzlich laut wahrgenommen.

  • Geeignet für: Ausgleich leichter bis mittelschwerer Hörverluste.
  • Nachteil: bei notwendiger höherer Schallverstärkung könnte es zu Ton-Rückkopplungen kommen (schrilles Pfeifen), weil Mikrofon und Lautsprecher in dieser Miniaturbauweise nahe beieinander liegen. Außerdem wird der Gehörgang mehr gereizt als bei HdO-Geräten.

Hinter-dem-Ohr-Geräte (HdO)

Das eigentliche Hörgerät wird hinter dem Ohr getragen. Von dort führt ein dünner Schallschlauch durch eine maßgefertigte Otoplastik (Ohrmuschelstück) in den Gehörgang bis nahe zum Trommelfell. HdO-Geräte haben mehr Platz für die Elektronik und sind daher technisch vielseitiger auf individuelle Bedürfnisse abstimmbar. Und sie ermöglichen eine größere Verstärkung der Lautstärke ohne Rückkopplungseffekt.

  • Geeignet für: Betroffene, die im Tieftonbereich kaum Hörverluste haben, für Menschen mit höhergradiger Schwerhörigkeit. Für Säuglinge und Babys, da HdO stabil sind und guten Hörkomfort haben.
  • Nachteil: Mitunter können bei diesen Geräten Resonanzen auftreten, also das Gefühl man spricht in ein Rohr.

Hinter-dem-Ohr-Geräte mit Lautsprecher

Bei starker Schwerhörigkeit gibt es spezielle HdO mit externem Hörer (Lautsprecher). Dabei wird anstelle des Schallschlauchs ein dünner Draht zum Ohreingang geführt, an dessen Ende der Lautsprecher sitzt, was eine noch höhere Schallverstärkung ohne Rückkopplung erlaubt. Bei HdO-Geräten besteht oft auch die Möglichkeit, den Gehörgang weitgehend offen zu halten, was vor allem ein angenehmeres Hörgefühl erzeugt. Eine derartige "offene Versorgung" ist allerdings nur dann angezeigt, wenn der Tieftonbereich kaum vom Hörverlust betroffen ist. Eine sofortige Anpassung ist möglich, während bei geschlossener Versorgung ein Abdruck des Gehörgangs angefertigt und eine Otoplastik (maßgefertigtes Kunststoffteil) hergestellt wird.

  • Geeignet für: Menschen mit höhergradiger Hörstörung.
  • Nachteil: Bei offener Versorgung können durch die Schallschlauchleitung allerdings auch störende Resonanzen auftreten (wie wenn man durch ein Rohr spricht).

Taschenhörgeräte

Diese wurden ab den 1950er-Jahren entwickelt und sind die erste Bauform elektronischer Hörgeräte. Sie bestehen aus einem smartphonegroßem Steuergerät, das in der Kleidung getragen wird, und einem verkabelten Ohrhörer.

  • Geeignet für: Sie werden nur noch selten eingesetzt, vorwiegend bei Menschen mit an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit, sehr alte Menschen können durch die Baugröße gut damit umgehen; keine Rückkoppelungsgefahr.
  • Nachteil: Das Rascheln der Kleidung am Mikrofon ist hörbar.

Hörbrille

Die Hörgerätetechnik ist in den Bügeln einer Brille untergebracht, Technik und Möglichkeiten sind vergleichbar mit HdO-Geräten. Ausgestattet mit neuester digitaler Hörgeräte-Technologie findet die Hörbrille wieder mehr Verbreitung.

  • Geeignet für: Betroffene, die Seh- und Hörschwächen mit einem kombinierten Gerät verbinden möchten bzw. wenn Probleme im Gehörgang vorliegen.
  • Nachteil: Aufgrund des eingeschränkten Platzangebots nur für kleine Verstärker geeignet, daher nicht für hochgradige Hörstörungen.

Knochenleitungshörgeräte

Bei besonderen Erkrankungen des Ohres, starken anatomischen Anomalien des Gehörganges oder sonstigen medizinischen Gründen, die eine Versorgung mit HdO-Geräten nicht erlauben, werden Knochenleitungshörsysteme eingesetzt. Dabei wird der Schall als Vibration über den Knochen hinter dem Ohr (Mastoidknochen) zum Innenohr geleitet. Knochenleitungshörgeräte werden meist in Brillenbügel eingebaut oder können als Taschenhörgerät mit einem Knochenleitungshörer an einem Kopfbügel oder Stirnband getragen werden. Knochenleitungshörer können auch implantiert und direkt im Knochen verankert werden.

  • Geeignet für: Menschen, die keine konventionellen Hörgeräte tragen können oder bei Schalleitungsschwerhörigkeit.
  • Nachteil: Die Möglichkeiten des Richtungshörens sind eingeschränkt.

Implantierbare Hörhilfen

Implantierbare Hörhilfen wie zum Beispiel Cochlea-Implantat, Schädelknochen-, Mittelohr- oder Hirnstamm-Implantate sind keine Hörgeräte im herkömmlichen Sinn. Ihre Funktion unterscheidet sich von gängigen Hörgeräten, indem die Signalübertragung nicht den Umweg über einen Luftschlauch macht, sondern direkt auf das Innenohr oder den Hörnerv überträgt.

  • Geeignet für: Menschen, die keine konventionellen Hörgeräte tragen können, allerdings muss der Hörnerv funktionsfähig sein.
  • Nachteil: Aufwändigere Anpassung und Gewöhnung, Risiken eines operativen Eingriffs.

So wirkt ein Hörgerät

Ein modernes Hörgerät kann unterschiedliche Defizite ausgleichen und fein auf verschiedene Lebenssituationen abgestimmt werden.

Die wichtigsten Funktionen:

  • Schallpegel regeln (laut/leise)
  • Nur bestimmte Frequenzbereiche verstärken, in denen der Betroffene schlechter hört
  • Umgebungsgeräusche erkennen, filtern und unterdrücken

Je nach Lebenssituation und Bedürfnissen erarbeitet der Hörgeräte-Akustiker zusammen mit dem Betroffenen eine optimale Feinabstimmung der Elektronik des Gerätes.

Auf vielen Geräten können mehrere wählbare "Programme" eingestellt werden, für unterschiedliche Situationen wie z.B. Vortrag, Einzelgespräch, Gruppengespräch, Musik, Arbeitsplatz, Telefonieren, Kaffeehaus etc.

Wann und wie lange kommt die Therapie zum Einsatz?

Ein Hörgerät wird lebenslang getragen, da sich die Hörleistung üblicherweise nicht verbessert. Andererseits erlernt der Betroffene mit dem Hörgerät ein "neues Hören", an das er sich im Laufe der Therapie gewöhnt.

Wer therapiert?

Bei Schwerhörigkeit ist die erste Anlaufstelle der Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen. Er erstellt eine umfassende Diagnose, um welche Art, Intensität und Ursache es sich im Falle von Schwerhörigkeit handelt. HNO-Facharzt und Audioakustiker arbeiten eng zusammen. Der Hörgeräteakustiker empfiehlt auf Basis der ärztlichen Diagnose, welches Gerät zur Auswahl steht und passt dieses an. Nach einer etwa 1-monatigen Gewöhnungszeit untersucht der HNO-Arzt nochmals, ob Gerät, Einstellung etc. der Indikation angepasst sind.

Was Sie zum Gelingen der Therapie beitragen können

Ihr Arzt sollte möglichst früh die Notwendigkeit einer Hörgeräteversorgung erkennen und mit der Therapie beginnen. Ihr Hörgerät sollten Sie konsequent und immer tragen (abgesehen von den ersten Tagen, an denen das Tragen nur für einige Stunden empfohlen wird), auch wenn es anfangs noch sehr ungewohnt ist.

Bei längerer Nichtbenützung müssen Sie mit der Gewöhnung und Anpassung wieder neu beginnen. Haben Sie Geduld, das Gehirn muss das neue Hören erst erlernen, das kann bis zu einem halben Jahr dauern. Sie können zur Unterstützung auch Hörtrainings bei Logopäden oder auch eigenständig durchführen (z.B. mithilfe von CD, Buch oder Internet). Damit unterstützen Sie sinnvoll die Gewöhnung an eine Hörhilfe und verbessern das Verstehen von Sprache. Um die Funktion des Gerätes zu erhalten, sollten Sie auf ausreichende Hygiene und Pflege achten, um Ausfälle und Reparaturkosten zu vermeiden.

Grenzen der Therapie mit Hörgeräten

Auch modernste Technik kann das ursprüngliche Hörvermögen bis heute nicht ersetzen, denn der Gehörsinn des Menschen ist komplex aufgebaut. Oberstes Ziel einer Hörgeräte-Versorgung ist immer, den Betroffenen möglichst gut und lange am sozialen Leben teilhaben zu lassen, allem voran das Verstehen von Sprache zu ermöglichen.

Sie dürfen sich allerdings nicht erwarten, durch ein Hörgerät wieder vollen Konzertgenuss zu erleben oder wie früher den Gesprächen einer Kaffeehaus-Runde folgen zu können. Auch hier hat die Technik Grenzen, denn Hörgeräte können z.B. nicht bei Kindern mit erworbenen Sprachstörungen eingesetzt werden.

Kosten & Krankenkasse

Die Preise für Hörgeräte und damit die Kosten für die Hörgeräte-Therapie sind unterschiedlich. Ein Taschenhörgerät kostet rund 700 Euro, ein HdO zwischen 700 und 1.800 Euro und ein IdO zwischen 900 und 2.000 Euro und mehr, je nach Ausführung. Die Krankenkasse kommt für jeweilige Standardausführungen (Basisversorgung) auf, je nachdem, was zur Herstellung bzw. Wiederherstellung des Kommunikationsvermögens im beruflichen und privaten Bereich erforderlich ist. Derzeit übernehmen die Krankenkassen für eine Versorgung eines Ohrs 792 Euro und für eine Versorgung beider Ohren 1.425,60 Euro.

Für eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen gelten folgende Voraussetzungen:

  • Untersuchung, genaue Diagnose und Verschreibung durch den HNO-Arzt.
  • Eine operative Hörverbesserung ist nicht möglich oder nicht erfolgversprechend.
  • Der tonaudiometrische Hörverlust beträgt mindestens 30 dB auf dem besseren Ohr in einer der Prüffrequenzen zwischen 500 und 3.000 Hz.
  • Die Verständlichkeit für Einsilber liegt bei sprachaudiometrischer Überprüfung mit Kopfhörern mit 65 dB Sprachschallpegel unter 80 %.
  • Der Patient muss willens sein, das Hörgerät regelmäßig zu tragen und in der Lage, dieses zumindest mit Unterstützung durch eine Betreuungsperson zu verwenden.

Alle 5 bis 6 Jahre (durchschnittliche Lebensdauer) besteht ein Anspruch auf ein neues Hörgerät, die Kostenübernahme beinhaltet auch eine Pauschale für Service und Reparatur während dieser Zeit und die Betreuung durch den Hörgeräteakustiker. Die Kosten für die Batterien zahlen die Krankenkassen nicht.

Fragen an den Arzt

  • Werde ich mit Hörgerät genauso hören wie früher, ohne Hörgerät?
  • Beeinträchtigt es die Therapie, wenn ich das Hörgerät bei bestimmten Anlässen nicht trage?
  • Kann ich mit einem Hörgerät auch Sport betreiben oder Schwimmen?
  • Zahlt die Krankenkasse jedes Hörgerät?
  • Warum dauert die Anpassung so lange?
  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Mag. Silvia Feffer-Holik
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Prof.

Dr. Tilman Keck

Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde

Vorstand der Abt. für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf-, Hals- und Plastische Gesichtschirurgie Krankenhaus der Elisabethinen GmbH Graz

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Quellen

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