Heilgymnastik

Heilgymnastik: Patient baut Muskel auf
Bei der Heilgymnastik sollen Muskeln aktiviert und die Mobilität verbessert werden. (WavebreakmediaMicro - Fotolia.com)

Die Heilgymnastik ist ein Teilbereich der Physiotherapie, bei der Prinzipien der Mechanik eingesetzt werden, um einen therapeutischen Nutzen zu erzielen.

So etwa wird Energie in Form von Bewegung, Zug oder Druck angewendet, um auf Muskeln und Gewebe einzuwirken, Schmerzen zu lindern oder Beweglichkeit wieder zu erlangen. Dazu werden leichte Bewegungs- oder Dehnübungen durchgeführt und neue Bewegungsmuster erlernt. Heilgymnastik wird vor allem bei Wirbelsäulen-  oder Gelenkserkrankungen, nach Operationen oder in der Rehabilitation verordnet.

Wem nützt die Heilgymnastik?

Heilgymnastik hilft in erster Linie bei Betroffenen,

Was passiert bei der Heilgymnastik?

Im Zuge der Heilgymnastik werden bestimmte Dehn- und Streckübungen ausgeführt, aber auch neue Bewegungsmuster erlernt und Muskelpartien gestärkt. Ziel ist es, mobile Einschränkungen sowie Schmerzen zu verringern und den Betroffenen zu mehr Beweglichkeit zu verhelfen. Weiters sollen Haltungsmuster erlernt werden, die den Körper mit möglichst wenig Energieaufwand in eine stabile Position bringen, die eine korrekte aufrechte Haltung ermöglichen.

Durch die Verbesserung des Stoffwechsels in Muskeln, Knorpeln, Knochen und Gelenken können mithilfe der Heilgymnastik Schmerzen reduziert werden (z.B. Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Nackenschmerzen). Bewegung trägt auch zu einer Verbesserung verschiedener Funktionen bei, wie etwa der Gelenke im Falle von Gelenksersatz. Kontinuierliches Training verbessert die Lebensqualität von Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, verbessert den Gang und beugt riskanten Stürzen vor.

Im Rahmen der Heilgymnastik werden verschiedene spezielle Techniken angewendet, die auf das jeweilige Krankheitsbild abgestimmt sind. Beispiele dafür sind:

Post-isometrische Relaxationstechniken (PIR)

Diese Technik kommt vor allem bei Schmerzen, Fehlhaltungen und bei unbeweglichen Gelenken zum Einsatz. Dabei werden verkürzte Muskeln immer wieder angespannt und entspannt: Dadurch wird das Gelenk über den Muskel aktiv mobilisiert. In einer Übungssequenz wird beispielsweise bei eingeschränkter Funktion des Schultergelenks (z.B. bei Arthrosen) der Arm des Betroffenen bis zur schmerzhaften Position geführt, in der Folge wird der Muskel gegen den (sanften) Widerstand des Therapeuten für etwa 10 Sekunden angespannt. Dann folgt eine Entspannungsphase. Die Übung zielt darauf ab, einen Bewegungsspielraum zu gewinnen.

Propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation (PNF)

Diese Methode nützt das Prinzip des Zusammenspiels von Nervenzellen und Muskeln. Eine Stimulation der Nerven wirkt sich auf die Muskelspannung aus. Diese soll aktiviert oder normalisiert werden und damit die Beweglichkeit und Koordination der Muskeln fördern. Als "Propriozeptoren" bezeichnet man Rezeptoren in den Muskeln bzw. im Muskel-Sehnen-Übergang, die uns Informationen geben, in welcher Position sich unsere Körperteile befinden. Bei der Behandlung stimuliert der Therapeut durch manuelles Drücken diese Rezeptoren. Die Nerven leiten den Impuls "Bewegung" an die Muskeln weiter. Diese Möglichkeit der Bewegung, die durch den Druck des Therapeuten möglich geworden ist, ist für den Betroffenen ein Erfolgserlebnis und zugleich eine Motivation, den Bewegungszuwachs durch Übung zu steigern.

Manuelle Techniken (nach Maitland, Kaltenborn et al.)

Speziell geschulte Therapeuten erkennen Bewegungsstörungen an den Gelenken, Beinen, Armen oder an der Wirbelsäule oder lokalisieren den Ausgangspunkt von Kopfschmerzen, Schwinden und Verspannungen. Mit neurodynamischen Techniken und Muskeldehnungen können diese Beschwerden behandelt werden. Geht beispielsweise ein Schmerz vom Kniegelenk aus, führt der Therapeut kurze, rhythmische aber schonende  Bewegungen mit dem betroffenen Bein in verschiedenen Gelenksstellungen aus. Ist der Schmerz auch von Gelenkssteifigkeit begleitet, kann der Therapeut durch sanfte Zug- und Drucktechniken nach mehreren Übungen eine schmerzlose Mobilisation ermöglichen, die von Übung zu Übung einen immer größeren schmerzfreien Bewegungsspielraum erlaubt.

Medizinische Trainingstherapie (MTT)

Auf ärztliche Anweisung wird ein Trainingsplan erstellt, der Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit trainiert. Ein Trainingsprogramm wird individuell auf die Bedürfnisse und das Krankheitsbild des Betroffenen zugeschnitten und bezieht auch Trainingsgeräte mit ein. Bei Übergewicht, Diabetes, Osteoporose, Rückenschmerzen, Bluthochdruck oder zur Steigerung der Leistungsfähigkeit ist dies ein probates Konzept. Die Übungen werden an speziellen Trainingsgeräten, wie etwa Geräten mit Seilzügen, Gummibändern oder mit Hanteln oder Zugbändern durchgeführt. Um beispielsweise das Zervikalsyndrom zu bekämpfen, eignet sich eine Übung, die man am Boden liegend ausführt. Über die Stirn wird ein links und rechts vom Körper fixiertes elastisches Zugband geführt. Die Stirn drück nun nach oben - gegen den Widerstand des Bandes, und so oft wiederholt, solange Schmerzfreiheit gegeben ist. Durch diesen Widerstand werden die Nackenmuskeln gestärkt.

Bobath

Diese Methode geht davon aus, dass das Nervensystem nach neurologischen Erkrankungen (z.B. Schlaganfall, Lähmungen) lernfähig ist. Der Betroffene lernt mithilfe des Therapeuten "vergessene" Bewegungen und Haltungen zu vollführen, die sich im Laufe der Therapie "verinnerlichen". Ziel ist es, Betroffenen zu einem autonomen Leben zu verhelfen. So etwa neigen Betroffene dazu, die nach neurologischen Erkrankungen (z.B. Schlaganfall) an einer Lähmung einer Körperregion leiden, dass sie diese Funktion mit der anderen Körperhälfte kompensieren. Der Therapeut setzt hier an und leitet einen Lernprozess des Gehirns ein, der die "vergessenen" Bewegungsmuster wieder herstellt. Das wird dank der lebenslangen Lernfähigkeit des Gehirns möglich, die bis dato nicht aktivierten Nervenzellen "organisieren" sich neu und ermöglichen eine zusehende Mobilität des Betroffenen.

Vojta

Bei dieser Therapie ist der Betroffene in Rücken-, Bauch- oder Seitenlage. Der Therapeut stimuliert durch Druck oder Zug bestimmte Reflexzonen am Körper. Dadurch gelangen Reize über das Zentralnervensystem und lösen zwei Arten von Reflexen aus: Entweder der Betroffene dreht sich unwillkürlich um oder vollzieht Kriechbewegungen. Es kommt zum "Wiedererlernen" motorischer Abläufe. Die Therapie aktiviert dabei die Muskeln über das Zentralnervensystem und wird u.a. bei Erkrankungen der Wirbelsäule, Muskelerkrankungen, Lähmungen, Bewegungsstörungen oder angeborenen Koordinationsstörungen angewendet. So etwa können bestimmte Punkte bzw. Rezeptoren im Bereich des Rumpfes durch Druck des Therapeuten aktiviert werden. Die Reizleitung erfolgt über das Rückenmark, dort wird ein bestimmtes Bewegungsmuster in Gang gesetzt, das sich - je nach Intention des Therapeuten - auf die Gangsicherheit oder auf ein stabiles Stehen des Betroffenen auswirkt.

Was müssen Sie nach der Heilgymnastik beachten?

Wichtig ist es, dass Sie nach der Therapie eventuell auch selbständig weiter trainieren und wieder erlernte Bewegungsmuster in den Alltag integrieren.

Wer führt die Heilgymnastik durch?

Gemäß dem Bundesgesetz über die Regelung der gehobenen medizinisch-technischen Dienste (MTD-Gesetz) sind Therapeuten des gehobenen physiotherapeutischen Dienstes befugt, entsprechende Behandlungen auf ärztliche Anweisung durchzuführen. In Österreich ist dafür eine 3-jährige Fachausbildung (Fachhochschule, Fach-Akademie) vorgesehen.

Was können Sie zur Heilgymnastik beitragen?

Je aktiver Sie sich in der Therapie einbringen, desto besser sind Ihre Erfolgschancen. Sie sollten sich bewusst machen, dass Eigeninitiative und Durchhaltevermögen gefragt sind.

Wo liegen die Grenzen der Heilgymnastik?

Basis für den Therapieerfolg ist, dass der Betroffene in einem guten Allgemeinzustand ist. Bei fortgeschrittenen Herzerkrankungen, Krankheiten an den inneren Organen, Lähmungen oder Multipler Sklerose ist der Therapie eine Grenze gesetzt.

Kosten & Krankenkasse

Die Kosten für Heilgymnastik werden von den Sozialversicherungsträgern übernommen, wenn sie bei einem Vertragspartner (Krankenhaus, Klinik-Ambulanzen und physikalische Institute, freie Physiotherapeuten) nach ärztlicher Überweisung erfolgt. Bei Instituten, die keinen Versicherungsvertrag haben, beteiligen sich die Kassen mit einem Kostenzuschuss.

Fragen an den Arzt

  • Ich hatte eine OP nach einem Bandscheibenvorfall. Wann soll ich mit der Heilgymnastik beginnen?
  • Wie lange soll ich Heilgymnastik machen?
  • Wie lange dauert eine Einheit der Heilgymnastik?
  • Ich möchte die Übungen auch zuhause machen. Kann ich dabei etwas falsch machen?
  • Welche Technik der Heilgymnastik ist geeignet für mich?

Medizinischer Experte

Prof. Hans Holdhaus

IMSB Austria – Olympiazentrum Südstadt, Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung

Maria Enzersdorf (NÖ)

Website

Quellen

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