Essstörungen

Dünne Frau hält sich die Jeans weg
Aus Angst vor dem Dicksein und aus Furcht vor dem Dickwerden entwickelt sich ein gestörtes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme ( juefraphoto - Fotolia.com)

Essstörungen zählen zu den häufig vorkommenden psychosomatischen Erkrankungen. Dabei haben Magersucht (Anorexie), Ess-Brechsucht (Bulimie) und Binge-Eating, sprich Heißhungerattacken eines gemein: Die Gedankenwelt der Betroffenen dreht sich ausschließlich um das Thema Essen - aus Angst vor dem Dicksein und aus Furcht vor dem Dickwerden. 

Je nach Form wird das gestörte Essverhalten mit zwanghaften Systemen aus Essen, Hungern, selbst herbeigeführtem Erbrechen, exzessiver Bewegung und Medikamenteneinnahme kontrolliert. Folgeschäden sind vor allem auf Ebene des Herz-Kreislaufsystems zu erwarten. Vielfach stützt sich die Therapie auf ein interdisziplinäres Behandlungsmodell aus medizinischen und psychotherapeutischen Maßnahmen.

Wie verbreitet sind Essstörungen?

Essstörungen treten vor allem bei jungen Frauen auf. Der Frauenanteil an Betroffenen liegt bei über 90 %. Etwa 30 % aller Mädchen in Österreich zeigen ein kritisches Essverhalten, gut die Hälfte davon ist untergewichtig. Insgesamt geht man von über 200.000 Österreicherinnen aus, die zumindest einmal in ihrem Leben an einer Essstörung erkranken. Je nach Form können unterschiedliche Altersgipfel definiert werden, in denen vermehrt Anzeichen einer Essstörung auftreten. Bei der Magersucht liegt der Altersgipfel zwischen 14 und 18 Jahren, bei der Ess-Brechsucht zwischen 16 und 18 Jahren. Jeder 4.te Österreicher leidet an Übergewicht. Adipositas an sich zählt jedoch nicht zu klassischen, psychosomatisch bedingten Essstörungen.

Erwähnenswert in Zusammenhang mit Essstörungen ist die hohe Dunkelziffer. Das bedeutet: Viele, an Essstörungen erkrankte Personen werden statistisch nicht erfasst.

Welche Formen von Essstörungen gibt es?

Magersucht, Ess-Brechsucht und Binge-Eating zählen zu den am häufigsten vorkommenden Essstörungen. Die zentralen Symptome dieser Essstörungen vermischen sich manchmal oder fließen ineinander über. Als markantestes Merkmal aller Essstörungen gilt die zwanghafte Beschäftigung mit dem Essen.

Magersucht (Anorexie, Anorexia nervosa): Von Magersucht spricht man, wenn der BMI unter 17,5 liegt. Das extrem niedrige Körpergewicht wird absichtlich durch Hungern, zwanghaftes Kalorienzählen und exzessive körperliche Belastung herbeigeführt. Obwohl die Betroffenen oft erschreckend dünn sind, fühlen sie sich dick - sie leiden unter einer Körperschemastörung. Typisch ist auch eine ausgeprägte Angst vor dem Zunehmen. Die mögliche Suche nach Selbstbestätigung und Anerkennung mündet nicht selten in Zwängen und Einsamkeit.

Ess-Brechsucht (Bulimie, Bulimia nervosa): Im Gegensatz zu Magersüchtigen sind Menschen mit Ess-Brechsucht häufig normalgewichtig. Gleich ist ihnen die panische Angst vor dem Zunehmen, was man auch als "Gewichtsphobie" umschreiben kann. Menschen mit Bulimie erleben wiederholte Episoden von Heißhungerattacken, in denen in kurzer Zeit Unmengen an Essen verschlungen werden. Während des Essens fühlen sich die Betroffenen euphorisch, danach ernüchtert und manchmal auch depressiv. Um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken, ergreifen Menschen mit Bulimie ungesunde Maßnahmen wie selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Abführmittel- und Entwässerungsmittel (Laxantien und Diuretika) strenge Fastenkuren oder übermäßige körperliche Aktivität.

Unterformen der Magersucht

Weder Orthorexia nervosa, noch Anorexia athletica sind als eigenständige Krankheitsbilder erfasst. Vom Krankheitsbild ähneln sie der Magersucht.

  • Orthorexia nervosa: Der Begriff setzt sich aus "orthos" (richtig) und "orexis" (Appetit) zusammen. Orthorexia nervosa bedeutet demnach krankhaftes Gesund-Essen. Die Betroffenen sind oft mehrere Stunden damit beschäftigt, die Nährwerte und den Vitamin- und Mineralstoffgehalt von Lebensmitteln zu berechnen. Ungesunde Lebensmittel lösen Ängste aus. Mit der Zeit verringert sich die Liste an "erlaubten" Lebensmitteln, wodurch Mangelerscheinungen auftreten können. Wie bei vielen anderen Essstörungen tritt auch bei der orthorexia nervosa eine übermäßige Essensfixierung auf. Aus diagnostischer Sicht ist sie dennoch keine eigenständige Essstörung. Die orthorexia nervosa ist im Grenzbereich der Zwangsstörungen einzusiedeln.
  • Anorexia athletica: Die Anoroxia athletica ist ebenfalls nicht als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. Sie tritt jedoch häufig als Begleitsymptom einer Essstörung auf. Kennzeichen der Anorexia athletica ist die bewusste Verringerung des Körpergewichts, um eine bestimmte sportliche Leistung zu erreichen. Die Gewichtsreduktion erfolgt entweder durch strikte Diät oder durch andere gewichtsreduzierende Maßnahmen wie exzessives Trainieren oder übermäßiges Entwässern. Ein gehäuftes Vorkommen findet man in Sportarten bei denen ein niedriges Körpergewicht ein Leistungsfaktor ist, beispielsweise im Klettersport und bei Schispringern.
  • Heißhungerattacken (Binge eating disorder): Binge Eating Disorder ist eine durch Essattacken gekennzeichnete Essstörung. Charakteristisch ist, dass die Essanfälle mit einem Gefühl des Kontrollverlusts einhergehen. Das bedeutet: Menschen mit dieser Essstörung können nicht kontrollieren, was und wie viel sie essen. Obwohl kein physiologischer Hunger vorliegt, essen die Betroffenen oft bis zu einem unangenehmen Völlegefühl. Nach dem Essen sind sie mit Schuld- und Ekelgefühlen konfrontiert. Der Unterschied zu Ess-Brechsucht ist das ausbleibende Purging-Verhalten. Heißt: Die Betroffenen fasten nicht und führen kein Erbrechen herbei, um die Essattacke wieder zu kompensieren.
  • Nicht näher definierte Essstörungen (Eating Disorder Not Otherwise Specified = EDNOS): Darunter fallen jene Essstörungen, welche nicht alle Diagnosekriterien einer spezifischen Essstörung erfüllen. Beispiele dafür: Obwohl eine Frau sämtliche Kriterien der Magersucht erfüllt, kommt es zu keinem Ausbleiben der Regelblutung. Oder: Es werden große Nahrungsmengen gekaut, jedoch vor dem Hinunterschlucken ausgespuckt.

Was sind die Ursachen von Essstörungen?

Essstörungen können als Sprachrohr für einen tiefer liegenden, psychischen Konflikt angesehen werden. Der Ausbruch der Krankheit beruht dabei nie auf einer alleinigen Ursache. Viel eher kann man von einem komplexen Ursachengeflecht ausgehen, das zu Essstörungen führt.

Prädisponierende Persönlichkeitsmerkmale: Personen mit Essstörungen stellen oft hohe Ansprüche an sich selbst. Perfektion wird groß geschrieben, Kritik von außen wirft sie schnell aus der Bahn. Die Patienten haben ein hohes Harmoniebedürfnis und wollen alle um sich herum zufrieden stellen - Konflikten gehen sie gerne aus dem Weg. Nahezu alle Betroffenen haben ein geringes Selbstwertgefühl und ein mangelhaft ausgeprägtes Körpergefühl gemein.

Gesellschaftliche und soziale Einflussfaktoren: Das gesellschaftlich vorgegebene und medial untermauerte Schlankheitsideal spielt bei der Entstehung von Essstörungen eine große Rolle. Schlanksein ist an positive Attribute wie Attraktivität, Anerkennung und Glück gekoppelt. Gerade junge Mädchen und Frauen, die sich in einer Entwicklungs- und körperlichen sowie emotionalen Übergangsphase befinden, sind für diese Botschaften sehr empfänglich.Auch unter 10 Jährige erleben die Kluft zwischen Ist und Soll als bedrückend, was dazu führt, dass bereits Volksschulkinder ihren Körper als zu dick wahrnehmen und mit Diäten beginnen. Identitätsprobleme verschärfen die Problematik zusätzlich.

Familiäre Einflussfaktoren: Wirft man einen Blick auf die Herkunft, so fällt auf, dass Essstörungen oft in Familien gedeihen, die nach außen zu "perfekt" wirken. Der Schein trügt aber, denn nicht selten werden Konflikte zugunsten einer erzwungenen Harmonie "unter den Teppich gekehrt". Häufig müssen die Betroffenen schon im Kindesalter Verantwortung übernehmen. Stärke, Leistung und Selbstbeherrschung, sprich ein Nichtzugstehen von Schwäche werden dabei überidealisiert. Manchmal ist auch sexueller Missbrauch ein Thema - er kann aber nicht bei allen Menschen mit Essstörungen in ursächlichen Zusammenhang gebracht werden.

Biologische Einflussfaktoren: Durch Fehlregulierungen im Gehirn - beispielsweise durch ein Geburtstrauma ausgelöst - kommt es zu Störungen im Hunger-Sättigungsmechanismus. Die Folge: manche Hormone, die an die Nahrungsaufnahme gekoppelt sind, werden nicht mehr freigesetzt. Das wiederum führt entweder zu einer vermehrten oder einer verringerten Nahrungsaufnahme.
Auch Veränderungen im Neurotransmitterhaushalt kommen als Ursache in Frage. Zu den Neurotransmittern zählen unter anderem die "Glückshormone" Serotonin und Dopamin. Bei Menschen mit Essstörungen ist der Serotonin- und Dopaminspiegel erniedrigt.
Diskutiert werden auch genetische Komponenten. Die genauen Wirkungsmechanismen sind hier wissenschaftlich jedoch noch nicht vollständig erforscht.

Diäten als Auslöser: Vielen Essstörungen geht häufig eine Diät voraus, die ab einem bestimmten Zeitpunkt außer Kontrolle gerät und eine Eigendynamik annimmt. Speziell dann, wenn sich die Gedanken nur mehr um das Essen und Nicht-Essen drehen, ist Vorsicht geboten.

Welche Auswirkungen haben Essstörungen?

Die Folgen von Essstörungen sind von der jeweiligen Form abhängig. Sowohl bei Magersucht als auch bei Bulimie kommen allgemeine Schwäche, Müdigkeit, Schlaflosigkeit und verminderte Leistungsfähigkeit häufig vor. Typisch ist auch das Ausbleiben der Regelblutung bei jungen Mädchen und Frauen, welches auf den gestörten Hormonhaushalt zurückzuführen ist. Aufgrund einer Unter- oder Fehlernährung erhält der Körper nicht alle wichtigen Nährstoffe. Dadurch kann sich die Funktion von Geweben, Zellen und Organen einschränken. Die allgemeine Muskelabnahme kann bis zum Herzen übergreifen. Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen sind die Folgen. Wird eine Essstörung nicht rechtzeitig behandelt, kann sie im schlimmsten Fall auch tödlich verlaufen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Bei vielen anderen Suchterkrankungen stellt Verzicht einen Teil des Behandlungskonzeptes dar. Nachdem die Nahrungsaufnahme lebensnotwendig ist, geht es bei der Therapie von Essstörungen nicht um das Weglassen der "Droge Essen". Viel mehr steht das Erlernen eines neuen Umgangs mit der Nahrungszufuhr im Vordergrund. Je nach Essstörungsform und je nach Krankheitsstadium stehen unterschiedliche Therapiemethoden zur Verfügung. Eine Vernetzung und ein Informationsaustausch des Fachpersonals bzw. der verschiedenen therapeutischen Maßnahmen (Psychotherapie, Arzt) sind für einen Therapieerfolg zielführend.

Psychotherapeutische Maßnahmen: Die bei Essstörungen zur Anwendung kommenden psychotherapeutischen Behandlungsmethoden unterscheiden sich voneinander vor allem in Punkto Richtung und Inhalt. Bei der Verhaltenstherapie liegt der Fokus auf der Veränderung des eigenen Essverhaltens. Auch wird dabei eine neue Einstellung zum Körper und zum Umgang mit dem sozialen Umfeld erlernt. Psychodynamische Therapiekonzepte richten den Schwerpunkt auf die Bewusstwerdung von Entstehungsbedingungen. Nachdem Essstörungen nie gänzlich ident verlaufen, sollte die Wahl der passenden Therapiemethode individuell entschieden werden.

Medizinische Betreuung: Die medizinische Kontrolle kann eine Psychotherapie nicht ersetzen. Insbesondere bei schweren Krankheitsverläufen kann ist sie jedoch begleitend dazu erforderlich. Eine Einschätzung des körperlichen Zustands ist wichtig, um typische Begleit- und Folgeschäden wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Störungen, Akne und Verdauungsstörungen einzugrenzen. Die Gewichtsstabilisierung ist Teil des medizinischen Behandlungskonzepts.

Stationäre Behandlung: Bei akuter Gesundheitsgefährdung ist ein stationärer Klinikaufenthalt erforderlich. Dasselbe gilt, wenn die Patienten Abstand von der vertrauten Umgebung brauchen. Das ist manchmal notwendig, um neue Verhaltensmuster verinnerlichen zu können. Manche Kliniken bieten eine teilstationäre Behandlung an. Das bedeutet: Die Betroffenen kommen nur untertags in die Klinik und leben ansonsten in ihren normalen Wohnverhältnissen.

  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Mag. Silvia Feffer-Holik
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Mag.a Dr. Andrea Michaela Ferge

Ernährungswissenschafterin Trainerin in salutogenem Verhalten bei Adipositas und Übergewicht

Website

Quellen

ICD-10: F 50

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