Burnout-Syndrom

Burnout-Syndrom könnte bis zu 1,5 Millionen Österreicher betreffen.

Burnout-Syndrom: abbrennende Wunderkerzen
Burnout: Jeder 5. Österreicher fühlt sich ausgebrannt. (victoria p. - Fotolia.com)
Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters Burnout
Müde, abgeschlagen, antriebs- und lustlos, einfach ausgebrannt: Über das Phänomen Burnout klagt etwa jeder 5. Österreicher, 1,5 Millionen sind Burnout-gefährdet.

Der gefürchtete Zustand des Ausgebranntseins kommt nicht über Nacht, sondern entwickelt sich schleichend in verschiedenen Stadien. Der Körper ermüdet aufgrund komplizierter chemischer Vorgänge schon viel früher als die ersten Stresssymptome sichtbar sind. Der verstärkte Griff zu "Stresspuffern" wie Alkohol oder Zigaretten ist ein Alarmzeichen dafür, dass das Lebenstempo möglicherweise im oberen Drehzahlbereich liegt und ein Zusammenbruch naheliegend ist.

Was ist Burnout?

Der Begriff "Burnout" ist mehr als 30 Jahre alt und entspringt den Forschungen amerikanischer Wissenschafter. Er beschrieb ursprünglich den Zustand von Menschen, die sich zu sehr für ihre Aufgabe engagieren, und sich in der Folge oft lustlos, müde, "ausgebrannt" fühlen. Bis heute gibt es keine einheitliche Beschreibung für diesen Zustand. Die Wissenschaft kennt heute mehr als 160 Definitionen, die den Begriff "Burnout" zu erklären versuchen. Während in den 1970er-Jahren in erster Linie Menschen in Sozialberufen, in der Folge auch in Gesundheitsberufen, als Burnout-gefährdet galten, bezieht sich der Begriff heute auf die gesamte Arbeits- und Privatwelt. Burnout entsteht durch sich wiederholende Stresssituationen. Der Betroffene ist nicht mehr in der Lage, sich nach einer Stressbelastung zu regenerieren, er gerät in eine "Stressspirale", aus der man ohne professionelle Hilfe auch kaum mehr hinaus findet. Hält diese Dichte an Belastungen an, führt sie letztlich zum Burnout, also zum völligen "Ausgebranntsein".

Burnout verläuft in Phasen

Freudenberger und North haben ein Phasenmodell entwickelt, das 12 Stadien von Burnout beschreibt.

  • Stadium 1: Der Zwang, sich selbst zu beweisen
  • Stadium 2: Verstärkter Einsatz
  • Stadium 3: Subtile Vernachlässigungen eigener Bedürfnisse
  • Stadium 4: Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen
  • Stadium 5: Umdeutung von Werten
  • Stadium 6: Verstärkte Verleugnung der auftretenden Probleme
  • Stadium 7: Rückzug
  • Stadium 8: Beobachtbare Verhaltensänderung
  • Stadium 9: Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit
  • Stadium 10: Innere Leere
  • Stadium 11: Depression
  • Stadium 12: Völlige Burnout-Erschöpfung

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) hat 2012 ein Positionspapier erstellt, das im Wesentlichen 3 Dimensionen von Burnout-Beschwerden beschreibt:

  • Emotionale Erschöpfung
  • Zynismus/Distanzierung/Depersonalisation
  • Verringerte Arbeitsleistung

1. Die emotionale Erschöpfung

Betroffene fühlen sich überfordert und ausgelaugt, die körperlichen und psychischen Reserven sind nahezu aufgebraucht. Müdigkeit, Abgeschlagenheit und ein dauernder Energiemangel sind typisch für diese Erschöpfung. Betroffene, die sich in dieser Spirale befinden, sind meist auch unfähig, sich zu entspannen. In der Folge treten Schlafstörungen auf, hinzu kommen körperliche Beschwerden, charakteristischerweise Rücken- und Kopfschmerzen oder Probleme mit dem Magen-Darm-Trakt. Aufgrund des geschwächten Allgemeinzustandes sind diese Menschen auch anfällig für Infekte.

2. Zynismus/Distanzierung/Depersonalisation

Wurde vor Ausbruch der Erschöpfung die Arbeit noch als wesentlicher positiver Faktor gesehen, ändert sich diese Sichtweise im Zuge einer zunehmenden Erschöpfung: Frustration schleicht sich ein und führt zu einer Distanzierung von der Arbeit. Verbitterung, Schuldzuweisungen und eine Abwertung der eigenen Tätigkeiten oder der Arbeit der Kollegen entsteht, in der Folge entwickelt sich ein Zynismus, der sich häufig auch gegen die Arbeitskollegen (oder Familienmitglieder, Freunde) richtet. Im schlimmsten Fall tritt ein Gefühlsverlust auf, eine Depersonalisation, der Betroffene ist plötzlich unsensibel und "asozial".

3. Verringerte Arbeitsleistung

Betroffene fühlen sich ausgelaugt und zweifeln an der Qualität, Kreativität ihrer Arbeit und schreiben dies einem negativen Arbeitsumfeld zu. Sie sind nicht mehr in der Lage, dieselbe Arbeitsleistung wie bisher zu bringen. Das andauernde Gefühl, belastet zu sein, führt dazu, dass Betroffene ihre Arbeitsleistung verringern. Mehr noch: Es herrscht die Vorstellung, dass bei einer Änderung der negativen Arbeitsbedingungen (weniger Arbeit, mehr Anerkennung, andere Aufgaben etc.) auch das eigene seelische Gleichgewicht wieder hergestellt wäre.

Definitionen von Freudenberger et al. verweisen zwar darauf, dass Burnout an sich keine Erkrankung ist; andererseits wird der Zustand "aus der Balance" von schweren Krankheitssymptomen wie Konzentrationsstörungen, Depression, Angstzuständen und mitunter auch Suizidgefahr begleitet.

Wie kann man Burnout messen?

Häufig werden Beschwerden mit dem Maslach-Burnout-Inventar (MBI) anhand von 25 Kriterien erfasst. Eine wissenschaftlich fundierte Möglichkeit der Messung bieten die internationalen Diagnosekriterien psychischer Erkrankungen (International Classification of Diseases, ICD-10), messbar sind im Zuge dessen jedoch weder Konzentrationsstörungen noch depressive Stimmungen oder eine bestehende Suizidgefahr.

Die DGPPN plädiert für eine Zusammenschau, bei der dynamische Zusammenhänge in die Diagnose mit einfließen. So müssen beispielsweise Bedingungen am Arbeitsplatz oder in der Familie ebenso in die Diagnose einbezogen werden wie bereits bestehende Erkrankungen.

Daraus ergibt sich nachstehende vierstufige Betrachtung:

  1. Vorübergehende Arbeitsüberforderung: Ungewöhnliche Situationen, Aufgaben oder Herausforderungen bringen mitunter "schlaflose Nächte" mit sich. Der Körper reagiert mit Anspannung, Nervosität, Schlafproblemen etc. Sind diese Überforderungen vorübergehend, d.h. kann sich der Betroffene in Stresspausen wieder normal regenerieren, sollte man nicht von "Burnout" sprechen, da bewältigbare Prozesse keine Krankheitszustände hervorrufen.
  2. Längerfristige Arbeitsüberforderung: Dauern die oben beschriebenen Zustände mehrere Wochen bis Monate an und hat der Betroffene keine Möglichkeit, sich zu regenerieren, kommt es zu dauerhafter Erschöpfung, Leistungsminderung und vegetativen Störungen. In diesem Fall spricht man von "Burnout". Die Gründe dafür sind unterschiedlich, wie etwa tatsächlich unbewältigbare Aufgaben, mangelnde Anerkennung, fehlende Abgrenzung, Perfektionismus, überhöhter Selbstanspruch u.v.m.
  3. Auslöser psychischer oder somatischer Erkrankungen: Eine Arbeitsüberforderung in Kombination mit einer ICD-10-Erkrankung, wie z.B. Depression, Alkoholmissbrauch oder Angststörungen, kann ein entscheidender Risikofaktor für die Manifestation einer psychischen oder somatischen Erkrankung sein. So etwa können z.B. gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit, Müdigkeit als Hauptsymptom auftreten. Werden sie von Zusatzsymptomen wie Schuldgefühlen, Schlafstörungen, verminderter Konzentrationsfähigkeit oder Appetitlosigkeit begleitet, kann dies zur Entstehung von depressiven Episoden führen.
  4. Krankheiten als Ursache: Burnout-ähnliche Beschwerden treten u.a. auch in Folge von Erkrankungen wie chronischem Schmerz, Krebs, Psychosen, Schilddrüsenerkrankungen oder Multipler Sklerose auf. Die Betroffenen haben das Gefühl der Überforderung und können mitunter "normal" bewältigbare Arbeitsprozesse aufgrund ihrer Grunderkrankung nicht bewältigen.

Diagnose

Messbar ist Stress mit Hilfe der Methode des CSA (Clinical Stress Assessment). Die Methode hat der Grazer Wiss. Sepp Porta entwickelt / Uni Graz.

Stress ist eine Reaktion, die über das Limbische System und den Hypothalamus im Gehirn gesteuert wird. Nicht jeder Stress macht krank. Positiver Stress (Eustress) sorgt für die nötige Spannkraft und Leistungsfähigkeit. Bei übermäßiger Beanspruchung befindet sich der Körper in Daueralarmbereitschaft und innerlich auf Hochtouren. Dies bezeichnet man als Distress.

Während einer Stresssituation werden in unserem Körper eine Reihe biochemischer Vorgänge aktiviert. In Stresssituationen steigt z.B. der Adrenalinspiegel oder der Cortisolspiegel. Chronisch erhöhtes Adrenalin wiederum kurbelt den Zuckerstoffwechsel an, dadurch gelangt zu viel Milchsäure ins Blut, es wird sauer. Der Körper versucht, durch verstärkte Atmung die gasförmige Säure - es liegt als Kohlendioxid vor - loszuwerden. Da neben diesem Prozess auch Wasserdampf abgeatmet wird, also weniger Flüssigkeit im Körper bleibt, verdickt sich das Blut.

Ein weiteres Problem ist der hohe Energieumsatz, der durch Stress verursacht wird. Aufgrund dieses hohen Energieumsatzes nimmt das Gewebe zu viel Kalzium auf, es lagert sich in den Knochen ab und führt im ungünstigsten Fall zu Osteoporose. Außerdem wird durch den hohen Energieumsatz auch wichtiges Magnesium verbraucht. In der Folge gerät der gesamte chemische Haushalt des Körpers aus der Balance, es kommt zu Veränderungen des Mineralstoffgehalts (bedingt durch Kalzium und Magnesium).

Chemisch ist ein Burnout schon lange bevor es seine äußeren Symptome zeigt im Körper messbar, z.B. durch einen niedrigen Magnesium- oder Kalziumgehalt und einen erhöhten Milchsäureanteil im Blut. Das System beruhigt sich vielleicht wieder, doch wird der Stress chronisch, bleiben auch Adrenalin-, Noradrenalin- und Cortisolspiegel im Körper erhöht. Der nachfolgende Burnoutzustand ist vergleichbar mit Depressionen oder der Apathie nach Schockzuständen: Der Körper beschränkt seine Funktionen auf wichtige Organe, wie Leber, Herz, Niere und Hirn, um den Untergang länger hinauszuzögern.

Therapie

Stress und Burnout sind kein unausweichliches Schicksal. Eine Reihe von Spezialisten, wie Arbeitsmediziner, Stressmediziner und Fachärzte für Psychiatrie, können dabei helfen, der Stressspirale bzw. einem Burnout zu entkommen. Wichtig ist es vor allem, in bestimmten Bereichen "Ordnung" bzw. "Muster" zu schaffen.

  • Zeitmanagement: Ganz ohne Stress geht es im Alltag kaum. Doch ein effektives Zeitmanagement ist zugleich auch ein gutes Stressmanagement. Wichtig ist es auch, zu lernen, wie man mit Stress umgeht. Gesundheitspsychologen oder Coaches, die in diesem Bereich spezialisiert sind, helfen weiter.
  • Entspannung: Gefährlich wird eine Überlastung dann, wenn der Körper, der Geist keine Chance mehr hat, sich wieder zu erholen. Günstig ist es daher, Entspannungstechniken zu erlernen. Yoga, Tai-Chi, Qigong oder Progressive Muskelentspannung sind probate Wege, um gar nicht erst in die Stressspirale zu geraten.
  • Coaching: Eine Begleitung und Unterstützung bei schwierigen Arbeitssituationen trägt dazu bei, dass man eigene Strategien findet, besondere Fähigkeiten deutlich macht und Probleme aus einer anderen Perspektive sieht.
  • Probleme am Arbeitsplatz oder im Privatleben: Über Probleme zu sprechen, löst sie zwar meist nicht, doch erleichtert dies so manche Entscheidungsfindung. Für tiefliegende Probleme stehen Psychotherapeuten mit Rat und Tat zur Seite. Sie helfen mit, neue Perspektiven und Veränderungsmöglichkeiten zu finden. Betroffene werden angeleitet, selbst Lösungen zu entwickeln und erfahren so Hilfe zur Selbsthilfe.
  • Medizinische Behandlung: Burnout an sich ist keine Krankheit, die man behandeln kann; vielmehr führt Burnout zu einer Reihe von Begleiterkrankungen, bzw. es liegen Grunderkrankungen vor, die Burnout verursachen können. Ein Gespräch mit dem Arzt des Vertrauens ist in jedem Fall eine gute Basis, um wieder gesund und in Balance durchs Leben zu gehen.

Was Sie selbst tun können

  • Ausdauersport und moderate Bewegung bauen Stress ab und tragen dazu bei, dass man wieder "am Boden" ankommt.
  • Durchatmen: Oft genügt ein heftiges Durchatmen, bewusstes tiefes Ein- und Ausatmen entspannt.
  • Bewusste Ernährung: Stressesser kennen es: ein Stück Schokolade „für die Nerven“, eine Handvoll Chips "zur Beruhigung", ein Glas Wein "zum Runterkommen". Essen sollte jedoch ein Genuss sein, ein Ritual, das dem Körper Erholung bringt. Übrigens: Rituale, Raster und eine Rhythmisierung des Alltags sind der Feind von Stress.
  • Kein Multitasking: Eine Sache nach der anderen erledigen. Multitasking ist out - Studien zeigen, dass es zu Stresssituationen führt und an der inneren Balance rüttelt.
  • Pausen einlegen: Auch wenn es noch so schwer fällt: Der Körper braucht kurze Auszeiten. Ob eine Arbeitspause am Bildschirm oder ein Wochenende zur Regeneration, all diese Rituale erhöhen letztlich die Leistungsfähigkeit.
  • Freundschaften pflegen: Wir sind soziale Wesen, die sich gerne austauschen. Ein gesellschaftlicher Rückzug führt zu einer Verstärkung von negativen Gefühlen und oft geradewegs ins Burnout.

Fragen an den Arzt

  • Muss ich im Job eine Pause einlegen?
  • Muss ich ein Burnout mit Medikamenten behandeln?
  • Soll ich eine Psychotherapie machen?
  • Wenn ja, welcher Therapeut/welche therapeutische Richtung ist für mich geeignet?
  • Gelte ich nun als arbeitsunfähig?
  • Gewährt mir die Krankenkasse einen Kuraufenthalt?
  • Wie kann ich mir selbst helfen? (Selbsthilfegruppe? etc.)
  • Wie erkläre ich Angehörigen die Erkrankung?

Weiterführende Informationen

Medizinischer Experte

Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin

Dr. Christine Allen

ÖAK Diplome: Akupunktur, Ernährungsmedizin, Orthomolekulare Medizin, Palliativmedizin, Psychotherapeutische Medizin

Gesundheitskompass Website

Quellen

ICD-10: Z73

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