Arthritis

Chronische Polyarthritis

Arthritis (chronische Polyarthritis): von Arthritis befallene Hände eines Patienten
Arthritis befällt vorwiegend die kleinen Gelenke der Hände. (nebari - Fotolia.com)
Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters Rheuma

Die chronische Polyarthritis (umgangssprachlich Arthritis) ist die häufigste entzündliche rheumatische Erkrankung: Sie befällt vorwiegend die kleinen Gelenke der Hände und des vorderen Fußes.

Durch den Entzündungsprozess kann es zu einer unterschiedlich ausgeprägten Zerstörung der einzelnen Gelenke bis hin zu einer vollständigen Versteifung kommen. Die ersten Symptome sind Gelenkschmerzen, eine eingeschränkte oder erschwerte Beweglichkeit und besonders in den Morgenstunden eine Gelenksteifigkeit, die über Stunden andauern kann. Während bei der Polyarthritis das gestörte Immunsystem wesentlich an der Entstehung von Entzündungen im Körper beteiligt ist, handelt es sich bei der Arthrose primär um eine Abnützung der Gelenke ohne entzündliche Ursachen, wobei beim Verlaufe der Erkrankung entzündliche Phasen hinzukommen.

Überblick

Häufigkeit von Arthritis

In Österreich sind ungefähr 80.000 Menschen an chronischer Polyarthritis erkrankt, Frauen sind 3-mal häufiger betroffen als Männer und am häufigsten tritt die Krankheit zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf. Die Erkrankung wird - zwar selten - auch bei Kindern und Jugendlichen als eine Form der juvenilen idiopathischen Arthritis festgestellt.

Wie entsteht Arthritis?

Die chronische Polyarthritis ist eine schmerzhafte chronische Gelenksentzündung. Die Ursachen dafür sind noch nicht ausreichend erforscht. Genetische Veranlagung und Virusinfektionen können das Immunsystem aber dahingehend beeinflussen, dass es sich gegen den eigenen Körper richtet (Autoimmunerkrankung) und Gelenkstrukturen bzw. Organgewebe angreift: Bestimmte Botenstoffe, sogenannte Zytokine beeinflussen die Abwehrreaktion und lösen eine Entzündung aus. Die wichtigsten Zytokine sind Tumor-Nekrose-Faktor Alpha (TNF-Alpha) und Interleukin 1 und insbesondere Interleukin 6. Für die medikamentöse Therapie ist das Wissen um diese Botenstoffe und ihr zerstörerisches Wirken sehr wichtig. Dadurch konnten Wirkstoffe gefunden werden, die in diese entzündlichen Abläufe direkt eingreifen können, so genannte Biologika.

Der Krankheitsbeginn ist meist schleichend über Wochen, aber auch ein plötzlicher Beginn ist möglich. Die geschwollenen Gelenke sind überwärmt und in der Regel nicht gerötet. Neben den Gelenken können auch die Sehnenscheiden und Schleimbeutel befallen werden.

Am Krankheitsgeschehen können auch Gefäße, Haut, Augen, die Lunge, das Brustfells, der Herzbeutel, das Nervensystem und die Nieren beteiligt sein, dies ist meist ein Hinweis für einen aggressiven Verlauf.

Tritt beispielsweise die Hauterkrankung "Schuppenflechte" gemeinsam mit einer Gelenksentzündung auf und zeigt diese typische radiologische Veränderungen, so spricht man von einer Psoriasis Arthritis.

Symptome einer Arthritis

Typische erste Beschwerden sind Gelenkschmerzen, die in Ruhe, also z.B. während der Nacht auftreten. Betroffen sind kleine Grund- und Mittelgelenke der Finger, der Zehen sowie die Handgelenke, die Schmerzen können symmetrisch an beiden Händen oder Füßen auftreten. Die Gelenke sind geschwollen, überwärmt und fühlen sich sehr warm an. Morgens sind die Gelenke oft steif, die Beweglichkeit verbessert sich nur langsam, einfache alltägliche Handgriffe wie Waschen und Anziehen werden zur Tortur bzw. unmöglich.

Betroffene berichten auch, dass es ihnen große Schwierigkeiten bereitet, den Schraubverschluss eines Glases zu öffnen oder die Finger zu einer Faust zu ballen. Ein noch so leichter Händedruck kann große Schmerzen verursachen (Begrüßungsschmerz). Die Gelenksbeschwerden können vielfach von Schwitzen, Erschöpfung, Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme begleitet sein.

Folgende Beschwerden können auf eine chronische Polyarthritis deuten:

  • Grund- und Mittelgelenke der Hände: In den Grund- und Mittelgelenken (nicht jedoch Endgelenken) kommt es zu Schwellungen und Schmerzen, bevorzugt an den Fingern, den Handgelenken, in den Ellenbogen, in den Knie-, Sprung oder Mittelfußgelenken
  • Symmetrisches Auftreten: Es sind die Gelenke der linken und rechten Körperhälfte gleichzeitig und gleichermaßen betroffen.
  • Dauer: Mehrere Gelenke sind gleichzeitig betroffen, die Schmerzen und Schwellungen dauern länger als sechs Wochen. Schmerzen bestehen Tag und Nacht, die chronische Polyarthritis "schläft" nicht!
  • Morgensteife der Gelenke: Sie kann eine Stunde oder länger dauern. Dieses Symptom gilt als sicheres Diagnosezeichen.
  • Entzündungen der Sehnenscheiden bzw. der Schleimbeutel: Die Greiffunktion der Hand ist beschränkt. Eine Sehnenscheidenentzündung wird oft als Fehlbelastung fehlgedeutet.
  • Größere Gelenke: Im Laufe der Zeit werden auch größere Gelenke befallen
    (Knie, Hüfte, Schultergelenke), es können sich auch die Schleimbeutel, z.B. am Ellbogen entzünden.
  • Rheumaknoten: Bei zirka der Hälfte der Patienten treten Rheumaknoten unter der Haut oder um Gelenke auf - häufig an der Rückseite der Vorderarme, in der Nähe der Handgelenke.
  • Augenerkrankungen: Bei Kindern zeigt sich oft eine Entzündung der Regenbogenhaut.

Verlauf von Arthritis

Der Verlauf der Arthritis ist individuell unterschiedlich. Sie kann sich schlagartig verschlechtern oder in Schüben auftreten. Unbehandelt schreitet die Entzündung fort und greift auch auf größere Gelenke über. Durch die Entzündung kommt es zu einer Verstärkung der Gelenkinnenhaut und zu einer vermehrten Produktion von Gelenksflüssigkeit mit Ausbildung einer Schwellung. Aus dieser verdickten Gelenkinnenhaut entsteht aggressives Gewebe, welches Knochen und Knorpel zerstört.

Unter großen Schmerzen wächst die Gelenkinnenhaut in das Gelenk, auch Knochengewebe wird angegriffen, all diese Prozesse verformen die Gelenke immer stärker bis sie schließlich unbeweglich werden. Die Entzündung kann auch auf Organe wie Augen, Herz, Lunge oder Haut übergreifen, Osteoporose ist eine häufige Begleiterkrankung.

Diagnose von Arthritis

Für die Diagnose der rheumatoiden Arthritis sind je nach Stadium der Erkrankung klinische Befunde (Schmerzen, Schwellungen), Laboruntersuchungen, ein Röntgen bzw. eine Magnetresonanztomographie und ein Gelenkultraschall nötig:

Laboruntersuchungen

Die Blutwerte zeigen häufig eine erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) und ein erhöhtes C-reaktives Protein (CRP) an. Diese beiden erhöhten Entzündungsparameter weisen lediglich darauf hin, dass eine Entzündung im Körper vorliegt und nicht, dass die Gelenke entzündet sind. Im Blut oder in der Gelenksflüssigkeit lassen sich auch die so genannten Rheumafaktoren nachweisen. Diese Antikörper richten sich gegen das körpereigene Eiweiß. Der Nachweis eines Rheumafaktors ist ein Baustein in der Diagnosekette und nicht der alleinige Beweis dafür, dass eine Arthritis vorliegt. Eiweiß-Antikörper lassen sich auch mit Hilfe eines speziellen Labortests, dem CCP-Tests, feststellen. Dieser Test ist genauer und weniger fehlerhaft als der Rheumafaktor-Test.

Gelenksveränderungen im Röntgen

Das Röntgen zeigt typische Gelenksveränderungen, wie Defekte im Bereich der Knochen und der Knorpel. Doch ein negatives Röntgen schließt eine Erkrankung nicht aus, denn bei frühen Stadien der Arthritis ist ein Röntgenbild oft noch unauffällig, Gelenksentzündungen lassen sich mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) wesentlich früher diagnostizieren. Ein Gelenkultraschall ermöglicht ebenfalls Entzündungen der Gelenkinnenhaut frühzeitig aufzuzeigen.

Therapie von Arthritis

Die wichtigsten Behandlungsziele sind:

  • Schmerzen lindern
  • die Entzündung stoppen
  • die Beweglichkeit der Gelenke erhalten

Wichtig ist dabei, verschiedene Therapiemöglichkeiten (Medikamente, physikalische Therapie, Heilgymnastik, Ergotherapie) zu kombinieren.

Folgende Medikamente kommen in Kombination zum Einsatz:

Sie wirken gegen Schmerzen:

  • Analgetika: Sie beeinflussen nur den Schmerz, greifen aber nicht in den Entzündungsprozess ein, d.h. auch Beschwerden wie die Gelenkssteife werden dadurch nicht beeinflusst. Sie wirken entzündungshemmend und schmerzstillend:
  • Kortisonfreie Entzündungshemmer (nicht-steroidale Antirheumatika NSAR): Sie beeinflussen akute Entzündungsprozesse in den Gelenken, sind abschwellend und können damit auch Beschwerden wie Gelenksteife mildern. Häufig verordnete Wirkstoffe sind Diclofenac, Ibuprofen, Acetylsalicylsäure, Ketoprofen und Meloxicam. Eine neue Klasse der kortisonfreien Entzündungshemmer sind die selektiven COC-2- Hemmer (Cyclooxygtenase-2-Hemmer). Sie sind gut verträglich, weil sie sich weniger auf den Magen-Darmtrakt auswirken.
  • Kortisonhältige Medikamente (Steroide, Kortikoide): Kortison ist der stärkste bekannte Entzündungshemmer, da er die Immunreaktion bremst. Kortisonabkömmlinge (Glukokortikoide) bringen rasch Linderung, die Einnahmedauer ist begrenzt, nach dem Absetzen kommen die Beschwerden wieder zurück. Sie wirken entzündungshemmend, schmerzstillend und können direkt in den Entzündungsprozess eingreifen:
  • Langwirksame Antirheumatika (DMARDs = Disease Modifying Antirheumatic Drugs): Diese werden auch als Basismedikamente oder krankheitsmodifizierende Arzneien bezeichnet. Diese Wirkstoffe können den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen. Nur DMARDs hemmen den Entzündungsprozess an Knorpel und Knochen, sie verzögern die Gelenkszerstörung oder halten sie sogar auf. Es kann aber bis zu 6 Monaten dauern, bis die DMARDs ihre volle Wirkung entfalten, daher wird diese Phase mit kortisonfreien Entzündungshemmern überbrückt. Mögliche Wirkstoffe sind Methotrexat, Sulfasalazin, Hydroxychloroquin und Leflunomid.
  • Biologika: Biologika kommen zum Einsatz, wenn die DMARDs nicht die erhoffte Wirkung erzielen. Mit Hilfe dieser Medikamente wird auch direkt in den Entzündungsprozess eingegriffen. Sie schalten u.a. entzündungsfördernde Botenstoffe, wie die Zytokine aus bzw. reduzieren die Konzentration dieser Botenstoffe. Damit wird  das Fortschreiten der Entzündung unterbunden. Die Wirkstoffgruppen,  die verwendet werden sind so genannte TNF-alpha-Blocker, B- Zell-Antikörper, IL-6- bzw. IL-1-Rezeptor-Inhibitor oder auch selektive T-Zellen-Co-Stimulationshemmer.

Neben der medikamentösen Therapie können physikalische Anwendungen mit Kälte (bei akuter Entzündung), Wärme (in Phasen ohne Entzündungsschübe) oder Wasser, Heilgymnastik, Massagen und Elektrotherapie viel dazu beitragen, die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten.

Ist die Zerstörung des Gelenks sehr stark fortgeschritten, besteht noch die Möglichkeit eines Ersatzes. Künstliche Gelenke werden häufig im Bereich von Schulter, Knie und Hüfte eingesetzt, bei kleineren Gelenken kommt eine Versteifungsoperation zur Anwendung.

Arthritis: Was kann der Betroffene zusätzlich tun?

In schmerzfreien Phasen ist Bewegung sehr wichtig um das Immunsystem und die Muskulatur zu stärken (Sport bei Rheuma). Dabei sind gelenksschonende Bewegungsabläufe (Schwimmen, Nordic Walken etc.) ideal um die positive Wirkung zu verstärken. Einseitige Körperhaltungen und Heben von schweren Gegenständen sollten vermieden werden, es stehen viele Hilfsmittel zur Verfügung, die z.B. das Greifen im Alltag erleichtern (Ergotherapie).

Es gibt Hinweise darauf, dass sich Arthritiker mit eiweißarmer, vegetarischer Ernährung wohler fühlen, zu viel Fleisch- und Wurstwaren, Zucker, Weißmehlprodukte, Kaffee, tierische Fette und Milchprodukte können die Beschwerden hingegen verschlimmern.

Auch Omega-3-Fettsäuren können dazu beitragen, dass die Arthritis langsamer fortschreitet. Omega-3-Fettsäuren wirken im Körper als Gegenspieler zur Arachidonsäure, die Entzündungsprozesse fördert (Gicht). Omega-3-Fettsäuren kommen in Pflanzenölen wie Maiskeimöl, Leinsamenöl oder Sonnenblumen vor sowie in fettreichen Kaltwasserfischen (Makrele, Hering etc.). Fisch sollte daher mindestens 3-mal pro Woche auf dem Speiseplan stehen.

Weiterführende Informationen

Medizinischer Experte

Prim. Univ. Prof.

Dr. Franz Rainer

Leiter der Abteilung für Innere Medizin

KH der Barmherzigen Brüder Graz-Eggenberg

Gesundheitskompass

Quellen

ICD-10: M05, M06

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