Anthroposophische Medizin

Massage gehört genauso zu einer umfassenden Behandlung wie Gesprächs- und Gestalttherapie. (Jeanette Dietl - Fotolia.com)

Die anthroposophische Medizin geht auf den Naturwissenschaftler und Philosophen Rudolf Steiner (1861-1925) zurück. Er wollte die rein naturwissenschaftliche Medizin um eine geisteswissenschaftliche Sichtweise auf den Menschen erweitern.

Nach dieser Auffassung unterteilt er den Menschen in vier Anteile: den physischen Körper, den Äther- oder Lebensleib, den Astral- oder Seelenleib und das Ich als geistiges Zentrum. Nur wenn diese vier Bereiche harmonisch zusammenarbeiten, ist der Mensch gesund. Bei einem Ungleichgewicht wird er krank. Ziel der Behandlung ist daher, diese vier Bereiche durch medikamentöse Therapieformen und künstlerische Therapie wieder in die richtige Balance zu bringen.

Überblick

Wem nützt die anthroposophische Medizin?

Die anthroposophische Medizin kann ergänzend zur Schulmedizin bei allen Erkrankungsformen angewandt werden. Häufige Indikationen sind allergische Erkrankungen, rheumatischen Beschwerden, Erkrankungen der Verdauungsorgane, Hautkrankheiten sowie psychischen Erkrankungen und insbesondere das Erkrankungsspektrum der Kinderheilkunde.

Die Misteltherapie bei Krebs stellt das bisher bestuntersuchte komplementärmedizinische Therapieverfahren dar und kann eine wertvolle Ergänzung im Behandlungsspektrum darstellen.

Wie wirkt die anthroposophische Medizin?

Bei der anthroposophischen Medizin gibt es vier Bestandteile:

  • Körperliche Organisation oder Stoffleib: dazu zählen messbare Werte wie Gewicht, Größe und Laborwerte
  • Lebensorganisation oder Ätherleib: umfasst alle Lebensprozesse wie z.B. Atmung, Wachstum und Fortpflanzung
  • Empfindungsorganisation oder Astralleib: beschreibt alle psychischen Prozesse und Emotionen wie Lust, Freude und Kummer
  • Ich-Organisation oder Ich-Leib: meint die Bereiche Bewusstsein, Individualität und Selbstbewusstsein

Nach der anthroposophischen Theorie stellt sich Gesundheit ein, wenn ein Gleichgewicht innerhalb dieser vier Teile herrscht. Krankheit entsteht dementsprechend bei einem Ungleichgewicht und ist nach anthroposophischer Sicht nicht nur ein körperliches Problem, sondern immer auch ein seelisch-geistiges.

Eine rein körperliche Behandlung durch symptomatisch wirkende Medikamente, könnte demnach zwar Schmerzen lindern. Es würde aber nicht die auslösenden tieferen Krankheitsursachen berücksichtigen und somit nicht zu ganzheitlicher Gesundheit führen. Dafür müsse Wohlbefinden neben der körperlichen, auch auf der seelischen und der geistigen Ebene erreicht werden.

Damit dieses Gleichgewicht hergestellt wird, bedient sich die anthroposophische Medizin pflanzlicher, tierischer und mineralischer Medikamente. Sie werden mit speziellen pharmazeutischen Verfahren zu Heilmitteln verarbeitet. Ziel der Methode ist, die Selbstheilungskräfte anzuregen. Ergänzt wird die Behandlung durch künstlerische Therapien wie beispielsweise Mal- und Musiktherapie oder Heileurhythmie.

Elemente der anthroposophischen Medizin sind neben den Heilmitteln aus dem Naturreich unter anderem:

Eurythmietherapie

Eine rhythmische Bewegungstherapie, die stehend, liegend oder sitzend durchgeführt werden kann

Rhythmische Massage

Massageform mit rhythmisch-fließenden Streich- und Drückbewegungen, die Durchblutung und Energiefluss im Gewebe anregen soll, um so den Heilungsprozess zu unterstützen

Künstlerische Therapien

Durch die schöpferische Therapie sollen die Patienten zu aktivem Handeln angeregt werden

Sprachgestaltung

Mit künstlerischer Gestaltung der Sprache durch die Stimme, durch die gezielte Lautbildung mit Vokalen und Konsonanten erfolgt die Sprecherziehung, um das Ich-Gefühl und die Willensbildung zu stärken

Therapeutisches Malen

Das seelische Erleben wir durch Farben, Zeichnungen und Bilder angesprochen. Verkrampfungen und eine emotionale Starre sollen dadurch gelöst werden

Musiktherapie

Der Klang der Musik soll sich regulierend auf Atem- und Herzrhythmus sowie den Muskeltonus auswirken und das seelische Erleben anregen

Plastisches Gestalten

Aus Ton, Holz, Sand, Gips und Stein werden Formen gestaltet. Dabei lernt der Betroffene bewusst mit seinen schöpferischen Fähigkeiten umzugehen und wird so angeregt, auch in Lebenskrisen kreative Lösungen zu suchen

Gesprächstherapie

Mit Einfühlungsvermögen, Geduld und Interesse wird dem Betroffenen in der Gesprächstherapie zugehört, um gemeinsam den Weg für Neues und das Zurücklassen von Vergangenem zu erarbeiten

Biographiearbeit

Als Weiterentwicklung der Gesprächstherapie werden in der Biographiearbeit die wichtigen Wendepunkte und Ziele im Leben ermittelt, um neue Ausblicke und Lebensziele für die Zukunft zu entwickeln

Wann und wie lange kommt die anthroposophische Medizin zum Einsatz?

Bei der anthroposophischen Medizin geht es demnach nicht nur darum, gesund zu werden. Ziel ist es vielmehr, die vier Anteile des Menschen in Einklang zu halten, um dauerhaft gesund zu bleiben. Entsprechende Therapieformen wie pflanzliche, tierische und mineralische Medikamente sowie künstlerische Elemente werden daher nicht nur einmalig, sondern den individuellen Erfordernissen des Erkrankten entsprechend, über einen längeren Zeitraum zum Einsatz kommen.

Was können Sie zum Gelingen der Therapie beitragen?

Große Bedeutung kommt der Ernährung mit Lebensmitteln aus biologisch-dynamischem Anbau zu (Demeter-Markenzeichen). Nahrungsmittel sollten naturbelassen sein, aus lokaler Erzeugung stammen und möglichst in der entsprechenden Saison verzehrt werden.

Anthroposophische Medizin: wer therapiert?

Die Therapie kann nur von Ärzten durchgeführt werden, die nach ihrem Medizinstudium eine dreijährige anthroposophische Ausbildung absolviert haben, in der sie sich auch mit geisteswissenschaftlichen Grundlagen auseinandersetzen. Sie werden nach erfolgreichem Abschluss von der Österreichischen Ärztekammer anerkannt und erhalten das ÖÄK-Diplom für komplementäre Medizin: "Anthroposophische Medizin".

Wo liegen die Grenzen der Therapieform?

Der ganzheitliche Therapieansatz ersetzt bei einer ernsten Erkrankung daher nicht die Mittel der wissenschaftlich etablierten Schulmedizin. Gehen Sie bei Beschwerden aller Art daher rechtzeitig zu Ihrem Hausarzt, der Sie je nach Symptomatik zu einem Spezialisten überweisen kann.

Kosten & Krankenkasse

Die gesetzlichen Krankenkassen beteiligen sich meist nicht an den Kosten einer anthroposophischen Behandlung. Eine Ausnahme ist die Misteltherapie bei Krebs, die oft bewilligt wird. Viele private Krankenversicherungen haben die anthroposophische Medizin hingegen in ihrem Leistungsumfang enthalten. Lassen Sie sich im Vorfeld über den zu leistenden Eigenanteil der Behandlungskosten aufklären.

  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Mag. Silvia Feffer-Holik
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Dr. Harald Siber

Allgemeinmediziner und Facharzt für Innere Medizin, Wien

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Quellen

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