Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)

Hyperaktive Kinder tun sich oft sehr schwer sich zu konzentrieren. (mikemols - Fotolia.com)

Das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) betrifft etwa eines von 20 Kindern. Schwierigkeiten, sich lange zu konzentrieren, ruhig sitzen zu bleiben und abzuwarten, bis man an der Reihe ist gehören zu den Symptomen von ADHS.

Die Gründe für das Ausbrechen des Syndroms liegen in den Genen und dem dadurch gestörten Haushalt an Botenstoffen im Gehirn. Probleme in der Familie können den Verlauf negativ beeinflussen.

Übersicht

Häufigkeit von ADHS

Zwischen 2 und 7 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind von ADHS betroffen, 1 bis 3 Prozent so stark, dass eine psychotherapeutische und/oder medikamentöse Behandlung notwendig ist. Bei Buben ist die Hyperaktivität stärker im Vordergrund als bei Mädchen (Verhältnis 5:1), bei Mädchen äußert sich ADHS eher über Unaufmerksamkeit und Verträumtheit. (Verhältnis zwischen Buben und Mädchen: 2:1).

Die Diagnose ADHS wird nach einer Befragung von Eltern und Lehrkräften, einer fachärztlichen Untersuchung sowie einer Reihe von psychologischen Tests gestellt. Für die Behandlung können Psychotherapie, Ergotherapie und Psychoedukation eingesetzt werden. Bei einem Teil der Betroffenen ist auch ein Einsatz von Medikamenten notwendig.

Ursachen/Symptome/Verlauf von ADHS

Mehrere Faktoren tragen zur Entwicklung von ADHS bei:

  • Genetik: Dass Aufmerksamkeitsstörungen bis zu einem gewissen Grad vererbbar sind, ist bereits wissenschaftlich erwiesen. Dabei gibt es kein einzelnes Gen, das bei ADHS verändert ist - Veränderungen bei mehreren Genen müssen auftreten, damit die typischen Symptome auftreten.
  • Neurotransmitter: Die bei ADHS veränderten Gene bewirken unter anderem, dass die Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter) nicht in gewohnter Art und Weise ausgeschüttet werden. Dopamin und Noradrenalin zählen zu denjenigen Neurotransmittern, deren Haushalt gestört ist.
  • Gehirn: Im Gehirn von Kindern mit ADHS lassen sich diese Veränderungen nachzeichnen - es kommt zu einer genetisch bedingten Verzögerung der Hirnentwicklung. So ist z.B. das Frontalhirn davon beeinträchtigt: Dieses ist für die exekutiven Funktionen (u.a. Aufmerksamkeitssteuerung, Setzen von Zielen, Impulskontrolle) zuständig, die bei Kindern mit ADHS eingeschränkt sind.
  • Familie: Schlechte Erziehungspraktiken, ein instabiles familiäres Umfeld, Streit und Stress in der Familie sind zwar keine Ursachen von ADHS, beeinflussen aber den Schweregrad der Symptome und den Verlauf negativ.

Zudem gibt es einige Risikofaktoren für die Entwicklung von ADHS vor der Geburt: Wenn die Mutter in der Schwangerschaft raucht, Alkohol trinkt oder virale Infektionen hat, erhöht sich beim ungeborenen Kind das Risiko für ADHS.

Die drei Kernsymptome von ADHS sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Beispiele für die Symptome sind:

Unaufmerksamkeit

Kindern und Jugendlichen fällt es schwer…

…lange aufmerksam zu bleiben

…zuzuhören

…Einzelheiten zu beachten (Flüchtigkeitsfehler)

…Aufgaben zu Ende zu bringen

…sich länger geistig anzustrengen

Dazu kommen…

…Vergesslichkeit

…Verlieren von Gegenständen

…leichte Ablenkbarkeit

Hyperaktivität

Kinder und Jugendliche…

…können nicht ruhig sitzenbleiben, zappeln

…stehen häufig auf

…können nicht ruhig spielen

Impulsivität

Kinder und Jugendliche…

…können schwer abwarten, bis sie an der Reihe sind

…reden übermäßig viel

…antworten, bevor die Frage zu Ende gestellt ist

…unterbrechen oder stören andere

Aus jeder der Symptomgruppen muss eine bestimmte Anzahl von Verhaltensweisen beobachtet werden, bevor von ADHS gesprochen wird. Die Symptome müssen vor dem 7. (bzw. in neuerer Fassung vor dem 12.) Lebensjahr aufgetreten sein und über sechs Monate hinweg andauern. Außerdem müssen sie in mindestens zwei Lebensbereichen (z.B. in der Schule, zu Hause, bei Freizeitbeschäftigungen…) bemerkbar sein.

Etwa 1/3  der Kinder braucht nur eine vorübergehende Behandlung während der Pubertät, ein weiteres Drittel braucht im Erwachsenenalter keine Behandlung mehr und ist kaum beeinträchtigt - lediglich das letzte Drittel der betroffenen Kinder und Jugendlichen braucht auch im Erwachsenenalter eine Therapie.

Unbehandelt ist die Prognose schlecht: Es drohen u.a. erhöhte Unfallgefahr im Straßenverkehr, sozialer Abstieg, Drogensucht und Straffälligkeit. Instabile familiäre Verhältnisse und negative Eltern-Kind-Beziehungen tragen zu einem schwerwiegenderen Verlauf von ADHS bei. Auch welche anderen Erkrankungen bzw. psychischen Störungen vorliegen und wie stark diese ausgeprägt sind, beeinflusst den Verlauf von ADHS.

Diagnose von ADHS

Bevor die Diagnose ADHS gestellt wird, werden von den Kindern und Jugendlichen selbst, aber auch von Eltern und Lehrkräften verschiedene Informationen eingeholt. Kombiniert eingesetzt werden:

  • Verhaltensbeobachtungen (vor allem bei jüngeren Kindern)
  • Fragebögen, die an Eltern und Lehrkräfte gerichtet sind
  • Psychologische Tests, die z.B. Intelligenz, Aufmerksamkeitsleistung und Impulsivität der Kinder und Jugendlichen erheben

Bei der Erstellung der Diagnose achten die Ärzte und Psychologen auch darauf, welche Form der ADHS vorliegt. Beim Mischtypus liegen sowohl Unaufmerksamkeit, als auch Hyperaktivität/Impulsivität vor. Es gibt aber auch Formen, bei denen Kinder vorwiegend unaufmerksam sind (bei Mädchen häufiger) oder vorwiegend hyperaktiv/impulsiv (bei Buben häufiger).

Wenn keine Hyperaktivität auftritt, wird von ADS statt ADHS gesprochen. Daneben gibt es noch die hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens, bei der zu den ADHS-typischen Symptomen noch aggressives und antisoziales Verhalten dazukommt.

In 60 bis 80 Prozent der Fälle haben Kinder und Jugendliche mit ADHS auch andere Beeinträchtigungen, die bei der Erstdiagnose abgeklärt werden müssen. Häufig haben Betroffene auch Störungen des Sozialverhaltens, Depressionen, Angst- oder Lernstörungen.

Therapie von ADHS

Um ADHS zu behandeln, stehen verschiedene nichtmedikamentöse und medikamentöse Therapien zur Auswahl, die häufig kombiniert werden. Bei mehr als der Hälfte der betroffenen Kinder und Jugendlichen reichen Therapien ohne Medikamente aus.

Zu den nichtmedikamentösen Therapien zählen:

  • Psychoedukation: Sowohl die Kinder als auch die Eltern werden in der Psychoedukation umfassend über ADHS informiert und Handlungsstrategien erarbeitet. Im Idealfall werden auch Lehrkräfte einbezogen.
  • Psychotherapie: Vor allem die Verhaltenstherapie zeigt bei der Behandlung von ADHS gute Erfolge.
  • Elterntraining: Eltern lernen, wie sie besser mit ihrem Kind umgehen können und was es braucht.
  • Ergotherapie: In der Ergotherapie werden u.a. Handlungsplanung, Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistungen gefördert.

Da es bei ADHS zu Störungen des Neurotransmitter-Haushaltes im Gehirn kommt, können diese auch mit Medikamenten behandelt werden. In der medikamentösen Therapie werden vor allem zwei Medikamentengruppen eingesetzt:

  • Stimulanzien: Wirkstoffe wie Methylphenidat und Amphetamin werden bereits seit langer Zeit zur Behandlung von ADHS eingesetzt und haben eine gute Wirksamkeit. 80 Prozent der Betroffenen sprechen auf die Medikamente an.
  • Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer: Der Wirkstoff Atomoxetin wird oft verschrieben, wenn neben der ADHS auch Substanzmissbrauch, Tics oder Angststörungen auftreten.

Vereinzelt werden auch andere Medikamente wie z.B. Antidepressiva verschrieben, die aber nicht vorrangig für die ADHS-Behandlung verwendet werden, sondern in Abstimmung auf andere vorliegende Erkrankungen.

ADHS: Was können betroffene Familien zusätzlich tun?

Für Eltern von betroffenen Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, dass sie auch selbst Anlaufstellen haben, wo sie ihre Probleme im Alltag besprechen können. Wenn die Eltern ihre Kinder gut unterstützen können, verbessert das den Therapieerfolg. Gemeinsame Rituale und klare Strukturen sind für Kinder mit ADHS besonders wichtig.

Eltern sollten außerdem immer hinter ihrem Kind stehen und gut mit der Schule zusammenarbeiten, anstatt die Schuld der Schulprobleme des Kindes bei den Lehrkräften zu suchen. Ein an das Kind angepasster Unterricht (z.B. bekommt das Kind Aufgaben, wo es sich bewegen darf, wie z.B. die Tafel zu löschen; große Aufgaben werden in kleinere Teilschritte zerlegt; Sitzplatz nicht neben dem Fenster, um Ablenkungen zu vermeiden) und eine gute Klassengemeinschaft helfen dabei, den Schulalltag für Kinder und Jugendliche mit ADHS angenehmer zu gestalten.

Fragen an den Arzt

  • Mein Kind kann nicht still sitzen bleiben, zeigt in der Schule aber gute Leistungen. Hat es ADHS?
  • Ich will meinem Kind keine Medikamente für ADHS geben. Welche anderen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
  • Ein Lehrer hat sich beschwert, mein Kind sei unaufmerksam. Zuhause habe ich das noch nie festgestellt. Muss ich das abklären lassen?
  • Mein Mann und ich streiten uns häufig. Kann das ein Auslöser für ADHS bei unserem Kind sein?
  • Wie kann ich meinem Kind helfen, damit es mit den Schulkameraden weniger Probleme hat?

Medizinischer Experte

Dr. Brigitte Hackenberg

Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapeutin

Website

Quellen

  • Interview mit. Dr. Brigitte Hackenberg, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapeutin
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). M. Döpfner, J. Frölich, G. Lehmkuhl, 2. Auflage, Hogrefe Verlag, Göttingen, 2013.
  • Praxishandbuch ADHS. Diagnostik und Therapie für alle Altersstufen. K. G. Kahl, J. H. Puls, G. Schmid, J. Spiegler, 2. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 2012
  • R. Gößler: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Jugendalter. Eine Kasuistik. In: Psychopraxis, 2014, 17, S. 9-13.
  • Interview mit B. Hackenberg, C. Kienbacher: Wird ADHS überdiagnostiziert? In: Neuropsychiatrie, 2014, 28, S. 97-99.

ICD-10: F90

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