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Dr. Rosa Aspalter

Health literacy - Zu viel des Guten?

Dr. Rosa Aspalter ist Bloggerin bei gesund.at. (Agnes Stadlmann)

Unter dem Begriff "Health literacy" wird das Wissen um Gesundheit und Krankheit verstanden. Es bedeutet "Gesundheitskompetenz", die Fähigkeit, Entscheidungen im Alltag zu treffen, die für die Gesundheit förderlich sind bzw. zu mehr Gesundheit beitragen.

Dazu zählt das Lesen und Verstehen von Gesundheitsinformationen, zu wissen, wie man zu diesen Informationen kommt und Behandlungsanleitungen auch zu folgen.

Gesundheitsbelesenheit

Ich übersetze den Begriff "literacy" aber immer auch sehr gerne ganz wörtlich, nämlich mit "Belesenheit". Das umfasst ein weites Spektrum: von einem umfassenden Gebildetsein bis zur eher negativ verstandenen "Angelesenheit". Gleichzeitig steckt hier im Englischen auch noch das Wort "Alphabetisierung" drinnen. Wir haben es ganz richtig mit "Gesundheitsanalphabeten" und "gesundheitslesefähigen" Menschen zu tun. So bunt stellt sich meine Sammlung an Patienten auch dar. Das Spektrum reicht von völliger Ahnungslosigkeit - ein Patient mit einem Hauttumor so groß wie eine Pobacke wundert sich darüber, dass er einen Tumor hat - über ein einfaches Grundverständnis mit der Bereitschaft, neue Informationen aufzunehmen bis zur unselektierten "Überbelesenheit". Diese zeigt sich in bizarren Wünschen: Patienten möchten nicht nur bestimmte Vitamine bestimmt haben, sondern auch die ganzen metabolischen Zwischenstufen.

Gesundheitskompetenz

Diesen Begriff habe ich für das "vernünftige Mittelfeld" reserviert. Gesundheitskompetente Menschen verstehen die Informationen des Arztes leichter, auch die von Krankenschwestern oder Apothekern oder von Versicherungen. Und ein gesundheitskompetenter Mensch weiß vor allem, wann er zum Arzt gehen muss. Interessanterweise geht hier "Gesundheitsbildung" auch stark mit "Schulbildung" einher. Das Verstehen medizinischer Informationen ist stark von der Lesefähigkeit abhängig. Eine Studie des amerikanischen Gesundheitsversorgers Medicaid hat ergeben, dass Personen mit einer Lesestärke auf dem Niveau unter der dritten Schulstufe viermal höhere Gesundheitskosten verursachen als Patienten mit durchschnittlichen Lesefähigkeiten.

Befunde sollten eine Konsequenz haben

Notwendige Befunde sollten erhoben werden. Aber nicht alles, was im Blut bestimmt werden kann, ist nützlich für die Praxis. Manches ist interessant für die Wissenschaft, für Genetiker. Manchmal sind Befunde im Serum nicht aussagekräftig genug über die Wirkung vor Ort, im Gewebe, wo die Substanz tatsächlich benötigt wird. Und gegeben auch den Fall, dass der Serumwert tatsächlich brauchbar ist, um sich ein Bild über die Versorgungslage machen zu können, dann ist noch immer die Frage, ob sich die Befundanforderung lohnt. Hat es eine Konsequenz, wenn man den Laborwert kennt? Kann dann behandelt werden? Oder geht es eher um die Befriedigung der Neugier?

Der goldene Mittelweg

Überbefundung strapaziert nicht nur die Gesundheitsbudgets, sondern auch die eigenen Nerven. Daher sollte ein guter Mittelweg gefunden werden. Gesundheitsbelesene reagieren rascher und gelangen rascher zu erforderlichen Behandlungen und vermeiden so eigenes Leid und noch teurere Behandlungen. Aber überspitzen Sie die Belesenheit nicht zur Besessenheit, zu der Vorstellung, dass alles untersucht werden muss, was untersucht werden kann.  

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