Mit Darmproblemen zum Wunderheiler?

Einfach Probleme weg pendeln? Die Lösung vieler Beschwerden ist meist viel komplexer und erfordert Mediziner. (Monika Wisniewska - Fotolia.com)

Gluten, Histamin, Fructose, Lactose und diverse Allergene - diese natürlichen und in Lebensmitteln seit jeher enthaltenen Bestandteile erfüllen immer mehr Menschen mit Angst vor negativen Auswirkungen auf ihre Gesundheit.

 Mithilfe einiger Klicks im Internet hoffen viele Betroffene schnell und einfach den Auslöser ihrer Probleme ausfindig zu machen und rasche Beschwerdefreiheit zu erreichen. "Menschen denken gerne einfach. Zwar sind wir durchaus in der Lage, komplexe Dinge durchzudenken, doch das kostet Energie und Motivation. Außerdem vermeiden wir gerne Anstrengung. Daher bevorzugen wir verkürzte und vereinfachte Meinungsbildungsprozesse," erklärt Mag. Ulrike Schiesser, Psychotherapeutin udn Expertin für Fragen im Bereich Weltanschauungen, Esoterik und Verschwörungstheorien, der Bundesstelle für Sektenfragen. Je komplexer dabei unsere Welt ist und je größer der subjektive Druck auf jeden einzelnen wird, desto einfachere Wahrheiten suchen Menschen und umso mehr sehnen sie sich nach Sicherheit.

Unverträglichkeiten verdecken die richtigen Probleme

Ernährung ist ein großes Thema, weil es jeden von uns betrifft. Der Körper hat in unserer zunehmend narzisstisch geprägten Gesellschaft eine besondere Wichtigkeit und Nahrungsaufnahme steht in Verbindung mit Kontrolle. "Ich kann die Welt um mich herum nicht steuern, aber ich kann bestimmen, was ich wann esse", lautet dabei das Motto vieler. Es wird nach Substanzen in Nahrungsmitteln gesucht, die schuld sein könnten an körperlichen und psychischen Beschwerden. Damit wird z.B. Müdigkeit und Energielosigkeit als Folge einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit etikettiert statt als Folge eines überfordernden Lebensstils – eine simple Erklärung für ein komplexes Phänomen. Denn es ist oft einfacher die Ernährung umzustellen als beispielsweise den belastenden Job zu kündigen.

Emotion vor Information

Menschen funktionieren meist nicht auf rationaler Basis. Sie werden viel stärker von ihren Emotionen gesteuert. Daher läuft Vertrauen und die Entscheidung für eine Diagnose- oder Behandlungsmethode vielfach über die persönliche Ebene. Der "Wunderheiler" aus der Nachbarschaft genießt dadurch oft größeres Vertrauen als ein Mediziner, der sich dazu auch weniger Zeit für die Sorgen und Ängste seiner Patienten nehmen kann. "Die pseudowissenschaftliche Szene erzählt Wohlfühlgeschichten mit Happy End, sie bietet persönliche Beziehung und nützt optimal Placeboeffekte. Die Idee, dass uns die Nahrungsmittelindustrie vergiftet, dass Essen selbst "giftig" ist, wird zu einer Metapher für eine toxisch erlebte Umwelt. An dieser Stelle fallen auch Verschwörungstheorien auf fruchtbaren Boden," weiß die Expertin.

Qualität hat keine einfache Antwort

In der Furcht und der Suche nach der einfachen Lösung liegt der Erfolg vieler Angebote abseits der klassischen Medizin begründet. Die meist alternativmedizinische und esoterische Szene präsentiert sich souverän, erkennt und benennt klar die Ursachen von Beschwerden und gibt meist einfache Behandlungsanweisungen. Die schulmedizinische Sprache hingegen hat viele Konjunktive. Denn Wissen bringt die Gewissheit mit sich, dass es Ausnahmen und Grenzen gibt. Im Gegensatz dazu tritt der spirituelle Heiler als übersinnlich legitimierter Erlöser auf und bedient damit den Wunsch, sich wie ein Kind jemanden anzuvertrauen, der ohne eigene Anstrengung alles in Ordnung bringt. Ärzte empfehlen aber sich nicht auf Wunderversprechungen zu verlassen und sich tiefer mit seinen Beschwerden zu beschäftigen. Liegen tatsächlich Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten oder gar Allergien vor, dann lassen sich diese auch wissenschaftlich diagnostizieren und behandeln. Auch der Weg zu einem professionellen Psychotherapeuten kann Aufklärung bringen und etwaige psychosomatische Beschwerden aufdecken.

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