Welttag Down-Syndrom: Sprachentwicklung fördern

Welttag Down-Syndrom: Sprachentwicklung fördern: Schild für Welttag Down-Syndrom
Zum 9. Mal findet heuer der Welt Down-Syndrom Tag am 21. März statt. (© Julia Wild)
Das Down-Syndrom ist keine Krankheit, sondern eine Variante des "Menschseins". Das betont Logopädin Susanne Meixner im Gespräch mit gesund.at - anlässlich zum Welttag des Down-Syndroms am 21. März - und erklärt, wie wichtig die sprachliche Förderung ist, um die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern mit Trisomie 21 voll auszuschöpfen.

Mithilfe der Logopädie und anderer Berufsfelder (Kinderkrankenpflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Frühförderung, Sonderpädagogik) kann es gelingen, die Kinder trotz der genetischen Veranlagung auf ein selbstständiges Leben mit wenigen Einschränkungen vorzubereiten. Ursächlich für das Down-Syndrom ist das Chromosom 21, das statt 2-mal, auf Grund einer Laune der Natur, 3-mal vorhanden ist, daher der Name Trisomie 21. Diese Chromosomenvariante ist für das typische Erscheinungsbild mit den schräg stehenden Augen, dem flachen Gesicht, einer geringeren Muskelspannung und  Verzögerungen in der Entwicklung von Motorik und Sprache verantwortlich.

Sprachförderung für Kinder mit Down-Syndrom

Viele Jahre arbeitet Logopädin Susanne Meixner bereits mit Menschen, besonders mit Kindern mit Down-Syndrom und stellt klar: "Sie sind ganz besondere und liebenswerte Persönlichkeiten, die für ihre Entwicklung Unterstützung brauchen. Ich bin gegen den Begriff Morbus Down, da Morbus mit dem Begriff Krankheit gleichzusetzen ist. Es ist aber keine Krankheit sondern eine Variation des Menschen".

gesund.at: Was für Unterschiede gibt es in der sprachlichen Entwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom im Vergleich zu Kindern ohne den Gendefekt?

Susanne Meixner: "Kinder mit Down-Syndrom zeigen eine verzögerte Sprachentwicklung. Das variiert aber von Mensch zu Mensch. Wie bei allen Kindern sind manche mehr und manche weniger 'sprach-begabt'. Eltern haben üblicherweise angeborene Verhaltensweisen Kommunikation und Sprache zu fördern, bei Kindern mit Trisomie 21 stoßen sie irgendwann an ihre Grenzen, weil die Reaktion des Babys und Kleinkindes nicht entsprechend erfolgt. Da sollte dann die Logopädie einsetzen, damit die Eltern nicht aufgeben, sondern bewusst sprachförderndes Verhalten einsetzen. Die Unterschiede in der Entwicklung beruhen größtenteils auf den anatomischen Verschiedenheiten. Die Kinder haben generell eine geringere Muskelspannung, viele auch einen angeborenen Herzfehler und tun sich deshalb z.B. schon als Baby beim Trinken an der Brust schwer, schlafen schnell ein und werden nicht satt. Zu diesem Zeitpunkt ist eine Stillberatung und Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme sehr empfehlenswert, die von Stillberatern aber auch von speziell ausgebildeten Logopäden angeboten wird. Die Nahrungsaufnahme des Säuglings ist ein motorisches Training der Mundmotorik, das für die spätere Sprachentwicklung wichtig ist. Auch das erste Lächeln und das Babyplaudern setzen meist später ein und der Spracherwerb ist in der Folge verzögert. Aber Kinder mit Trisomie 21 müssen die gleichen Schritte der Sprachentwicklung durchleben, nur setzen diese später als bei anderen Kindern ein."

gesund.at: Welche Sprachförderungsmöglichkeiten gibt es, wann sollte damit begonnen werden?

Susanne Meixner: "Bei Babys kann bereits mit Frühförderung gestartet werden. Die Frühförderer kommen zu den Familien nachhause und helfen mit Tipps bei alltäglichen Problemen und der Entwicklungsförderung des Kindes. Da die Sprache beim Spielen am einfachsten und natürlichsten gefördert wird, reicht es oft, wenn im Alter von 4 bis 5 Jahren logopädische Betreuung hinzukommt. Ohne Frühförderung ist dies allerdings schon im Alter von 2,5 bis 3 Jahren sinnvoll. Anfangs reichen häufig einige Termin alle 3 Monate aus, um das Kind in seiner Sprachentwicklung zu unterstützen. Später haben sich wöchentliche Einheiten als günstig erwiesen, um am Ball zu bleiben."

gesund.at: Was kann man mit der Sprachtherapie bei Kindern mit Trisomie 21 erreichen?

Susanne Meixner: "In der sprachlichen Förderung geht es erst einmal darum, die Kinder zur Laut- oder Wortbildung zu animieren. Anfangs werden es vielleicht nur Geräusche (z.B. Miau für die Katze) oder Gesten und Gebärden sein, die eine erste Kommunikation ermöglichen. Die persönlichen Interessen des Kindes, wie ein bestimmtes Spielzeug oder ein Thema müssen berücksichtigt werden, um die Aufmerksamkeit des Kindes zu wecken und den Wortschatz spielerisch zu erweitern. Es wichtig, das Kind als Gesprächspartner  anzuerkennen, sprachliche Äußerungen zustimmend zu bestätigen, dem Kind Zeit lassen zu reagieren und nicht sofort für es zu sprechen. Der Alltag bietet den Eltern unendlich viele Möglichkeiten, Handlungen und Erlebnisse sprachlich zu begleiten, aber man darf nicht vergessen auf sprachliche Äußerungen des Kindes zu warten. 'Abwarten' ist das Zauberwort in der frühen Sprachförderung.  Wenn schließlich die Verbesserung der Aussprache, der Grammatik und des Satzbaues notwendig ist, muss eine gewisse Konzentrationsfähigkeit von Seiten des Kindes gegeben sein. Hier muss man den richtigen Zeitpunkt mit Unterstützung der Logopäden abwarten.“

gesund.at: "Bringt" es etwas, auch bei älteren Kindern noch mit einer Therapie zu starten?

Susanne Meixner: "Ja, es bringt definitiv etwas mit älteren Kindern oder sogar Erwachsenen, die wenig oder keine logopädische Therapie im Kindesalter bekommen haben zu arbeiten. Zuletzt hatte ich z.B. eine 21-jährige Frau in Therapie, die ich als Kind betreute und die damals leider nur geringe Fortschritte machte. Ich schaffte es nicht ihr Interesse am Sprechen zu wecken. Nun als Erwachsene konnte ich mit ihr an der Aussprache arbeiten und sie hat ihr Verweigerungsverhalten überwunden. Das ist nämlich häufig eine große Herausforderung in der Logopädie bei Kindern mit Down-Syndrom: Viele Kinder haben einen sehr starken Willen. Wenn sie keine Lust haben, sind sie sehr konsequent in ihrer Verweigerung. Aber die Arbeit mit den Kindern bereitet mir große Freude -  sie sind freundlich und sehr herzlich im Umgang mit anderen Menschen."

gesund.at: Was können Eltern zusätzlich tun, um die logopädischen Maßnahmen zu stützen?

Susanne Meixner: "Eltern sollten gut auf das Gehör der Kinder achten. Haben sie z.B. Schnupfen hören nicht mehr so gut. Das wirkt sich dann negativ auf die Sprachentwicklung aus. Eine regelmäßige Kontrolle beim HNO-Arzt gehört deswegen dazu. Das Maß aller Dinge ist liebevolle aber konsequente Erziehung und Geduld.  Davon müssen Eltern von Kindern mit Trisomie 21 jede Menge mitbringen."

gesund.at: Werden Therapien zur Sprachförderung von der Krankenkasse bezahlt?

Susanne Meixner: "In Institutionen wie Entwicklungsambulatorien oder bei Logopäden mit Kassenvertrag erhalten Kinder eine kostenlose Betreuung, wählen Eltern einen freiberuflichen Logopäden erstattet die Kasse einen Teil der Kosten zurück."

Welttag Down-Syndrom - Aufmerksamkeit für Menschen mit Trisomie 21

Zum 9. Mal findet heuer am 21. März der Welttag des Down-Syndroms statt. In allen österreichischen Bundesländern wird an diesem Tag offensiv, in Wien z.B. mit Infoscreens in U-Bahn, Bus und Straßenbahn, auf die Erkrankung aufmerksam gemacht. Sinn und Zweck des Welt Down-Syndrom Tages ist es, Menschen mit Down-Syndrom und deren Geschichten zu thematisieren und die Bevölkerung hinsichtlich der Förderungsmöglichkeiten speziell für Kinder mit Down-Syndrom zu sensibilisieren.

Weiterführende Informationen

Medizinischer Experte

Susanne Meixner

Logopädin

Quellen

  • Interview mit Logopädin Susanne Meixner, am 18.03.2014 in Wien
  • Down-Syndrom Österreich (20.03.2014)
  • Sprachförderung bei Kindern mit Down-Syndrom, E. Wilken, 10. Auflage, W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart, 2008