Die häufigsten Fußballverletzungen

Die häufigsten Fußballverletzungen: Fußballer liegt nach Sturz auf dem Rasen und hält sich das Schienbein.
Fußball ist eine Kontaktsportart - Spieler stoßen zusammen und ziehen sich dabei häufig Verletzungen zu. (massimhokuto - Fotolia.com)
Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters Fit mit Fußball

Spaß und Kampfgeist stehen bei einem Fußballmatch im Vordergrund - doch häufig passieren die häufigsten Fußballverletzungen mitten im Spiel: die Achillessehne reißt oder der Meniskus wird verletzt.

Fußball ist ein abwechslungsreicher und spannender Sport, vor dem TV, aber vor allem auf dem Spielfeld. Doch so oft Tore fallen, so oft gibt es schmerzverzerrte Gesichter von Fußballspielern zu sehen. Viele Blessuren heilen zum Glück ohne bleibende Schäden ab, ein "Fußballerknie" kann den Sportler z.B. jedoch zu einer längeren Auszeit zwingen. gesund.at hat mit Unfallchirurgin Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl über die häufigsten Fußballverletzungen gesprochen.

gesund.at: Welche Sportverletzungen sind für Fußballer besonders typisch?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl: 

Die Verletzungen beim Fußball stellen gemeinsam mit den Skiverletzungen in Österreich einen sehr hohen Anteil an behandlungspflichtigen Verletzungen dar. Mittlerweile sind auch Mädchen und Frauen viel häufiger betroffen als früher. Beim Fußball sind die unteren Extremitäten, also die Beine und Füße, natürlich häufiger in Mitleidenschaft gezogen als die oberen.

Von Verletzungen am meisten betroffen sind:

gesund.at: Was passiert bei diesen Verletzungen?

Knie

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Die meisten Verletzungen passieren am Kniegelenk durch den plötzlichen schnellen Richtungswechsel als sogenanntes "Rotationstrauma". Dabei kann es zum Kreuzbandriss und Meniskusverletzungen kommen, auch die Seitenbänder und Knorpel können lädiert sein. Nicht selten muss operiert werden, die Verletzungen führen zu längerer Rehabilitationsdauer (Anmerkung der Redaktion: "Fußballerknie") und setzen nach erfolgreichem Eingriff auch ein hohes Maß an Qualität und Disziplin in der Physiotherapie voraus.

Sprunggelenk

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Sehr oft kommt es durch das typische "Überknöcheln" auch zu Verletzungen des Bandapparates am Sprunggelenk. Nicht selten reißt auch die Achillessehne. Es kommt zu einem plötzlichen, hörbaren "Plopp" und der Fußballer hat das Gefühl von hinten einen Tritt gegen die Achillessehne bekommen zu haben. In Wahrheit ist die Achillessehne  - die kräftigste Sehnen des Körpers - gerissen.

Sehnenriss

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Viel häufiger als bei anderen Sportarten kommt es zum Riss der Quadriceps- und  Patellasehne, welche die Ansätze der Oberschenkelstreckmuskulatur am Kniegelenk darstellen. Der Muskelfaserriss  ist eine, wenn auch zumeist harmlosere und nicht operationspflichtige Verletzung, die im Bereich der Oberschenkel- oder Wadenmuskulatur auftreten kann. Dennoch wirft sie den Athleten für mehrere Wochen aus der Bahn und sollte völlig auskuriert werden. Weiteres können durch Stürze auch Verletzungen an den oberen Extremitäten (Arme, Schultern etc.) passieren. Dabei kommt es zumeist zum Bruch der handgelenksnahen Speichen, Verrenkungen des Schulter- oder Schultereckgelenkes und Schlüsselbeinbrüchen.

Kopfverletzungen

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Beim "Kopfball" kommt es auch zu Verletzungen im Gesicht und am Schädel, die von der "Platzwunde" bis zu Nasenbein- oder Jochbogenbruch sowie Gehirnerschütterung reichen.

Zahlreiche blaue Flecken und Prellungen durch den harten Zweikampf können mit Schonung, Auflegen von Coolpacks, Kompressionsverbänden und Hochlagerung schnell gelindert werden.

Die häufigsten Fußballverletzungen im Überblick

VERLETZUNG

WO?

WAS PASSIERT?

THERAPIE-MÖGLICHKEITEN

KREUZBANDRISS

Knie

„Rotationstrauma“, schnelle Richtungswechsel

Operation, Reha, Physiotherapie, Schiene

MENISKUSVERLETZUNG

Knie

„Rotationstrauma“, schnelle Richtungswechsel

Operation, Reha, Physiotherapie

ACHILLESSEHNENRISS

Sprunggelenk

Überknöcheln,

Plötzliche Anspannung der Wadenmuskeln beim Wegsprinten

Operation, Spezialschuh, Physiotherapie

PLATZWUNDEN &
GEHIRNERSCHÜTTERUNG

Kopf, Gesicht

Kopfbälle, Zusammenstöße

Schonung, Coolpacks, Nähen, ärztliche Beobachtung

gesund.at: Woran liegt das, dass ausgerechnet beim Fußball so viel passiert?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Einerseits, weil diese Sportart so weit verbreitet ist und es einfach so viele - auch Freizeit-Fußballer gibt - wo gehobelt wird, fliegen Späne! Außerdem handelt es sich beim Fußball um eine Kontaktsportart, was das Verletzungsrisiko noch zusätzlich erhöht.

gesund.at: Wer ist gefährdeter, Tormann oder Spieler?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Prinzipiell gibt es hier keine wesentlichen Unterschiede, was das Verletzungsmuster betrifft. Nachdem der Tormann jedoch weniger in den Zweikampf verwickelt ist, ist er auch etwas weniger für Verletzungen gefährdet.

gesund.at: Welche Verletzungen betreffen fußballspielende Kindern?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Kinder holen sich zum Glück zumeist eher harmlosere Verletzungen wie Prellungen und Blutergüsse zu. Durch das typische "Überknöcheln" kommt es häufiger zur Lösung der Wachstumsfuge am Außenknöchel als zu Bandverletzungen. Bei Jugendlichen ist der knöcherne Ausriss eines Teiles der Oberschenkelstreckmuskulatur am Ursprung an der Beckenschaufel häufig, da die Wachstumsfuge hier noch nicht so stabil ist und große Kräfte einwirken können. Durch Stürze passieren Wachstumsfugenverletzungen und -lösungen an der Speiche am Handgelenk.

gesund.at: Sind Ältere auf dem Fußballplatz gefährdeter als Jüngere?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Das kommt auf das biologische Alter des Fußballspielers an. Aufgrund von Vorschäden, Stoffwechselveränderungen und dem Abbau elastischer Fasern, sind die Achilles- und Quadricepssehne bei älteren Athleten gefährdeter für Risse. Ein trainierter 40-Jähriger wird aber ansonsten kein höheres Verletzungsrisiko haben als ein untrainierter 20-Jähriger. Gefährlich wird's, wenn 40- bis 50-Jährige ehemalige Fußballspieler, die mittlerweile völlig untrainiert sind, plötzlich glauben, so spielen zu können wie früher - dann passiert‘s!

gesund.at: In welchen Spielsituationen kommt es am häufigsten zu Unfällen?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Bei direktem Kontakt zwischen Spielern passieren die häufigsten Unfälle, die Verletzungen zur Folge haben. Plötzliche Richtungsänderungen -  auch ohne Fremdeinwirkung -  führen zu Knie- und Sprunggelenksverletzungen.

gesund.at: Wie lange müssen Sportler bei welcher Verletzung aussetzen?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Abhängig von der Verletzung reicht die sportliche Auszeit von wenigen Tagen bei Prellungen bis zu 6 Monaten bei komplexen Bandverletzungen oder Achillessehnenrupturen sowie nach Operationen.

gesund.at: Gibt es ein bestimmtes Training, das Verletzungen verhindern kann? Was bringen Protektoren?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Vorbereitung ist die halbe Miete, denn ein untrainierter Körper ist natürlich verletzungsanfälliger. Dies gilt für jede Sportart. Folgende Maßnahmen minimieren das Verletzungsrisiko:

  • Aufwärmen: Ordentliches Aufwärmen schützt vor Muskelverletzungen, eine gut trainierte Oberschenkelmuskulatur gibt dem Kniegelenk zusätzliche Sicherheit. Balance- und Propriozeptionstraining (Balance/Indo-Board, Kreiseln, etc.) kann Bandverletzungen bis zu einem bestimmten Grad vorbeugen, da der Körper  plötzlichen Richtungswechseln entgegensteuern kann.
  • Protektoren im Freizeitfußball: Schienbeinprotektoren schützen die stark innervierte Beinhaut - das bedeutet, dass unter dem Schienbein viele Nerven liegen, ein Tritt dagegen tut daher auch so weh.
  • Kopf- und Gesichtsschutz: Nach Schädelverletzungen tragen manche Spieler Gesichtsmasken oder wettkampftaugliche Helme.

gesund.at: Kann es zu Langzeitschäden kommen?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Selbstverständlich! Auch wenn ein Großteil der behandlungspflichtigen Verletzungen erfreulicherweise wieder völlig ausheilt, wenn sie richtig behandelt werden. Der Körper hat oft ausgezeichnete Reparationsvorgänge, wie z.B. bei unverschobenen Knochenbrüchen. In diesem Fall ist eine 3 bis 6-wöchige Ruhigstellung mit Schiene oder Gips erforderlich. Ist der Bruch jedoch verschoben, sollte er, je nach Lokalisation eingerichtet und operativ stabilisiert werden, da sonst eine Fehlstellung und damit auch Funktionseinschränkung zurück bleibt.

gesund.at: Wann muss operiert werden?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Vor allem Verletzungen am Kniegelenk müssen oft operiert werden, da z.B. ein gerissener Meniskus von alleine nicht wieder heilen kann. Der gerissene Anteil kann sich im Kniegelenk einklemmen, den Knorpel abreiben und langfristig zu Schmerzen, vorzeitiger Gelenksabnützung und Ergussneigung führen. Bei bestimmten Rissformen kann der Meniskus durch eine Kniegelenksspiegelung (Arthroskopie) jedoch wieder gerichtet werden. Dies sollte beim jungen Sportler auf jeden Fall versucht werden, da der Meniskus eine wichtige Stoßdämpferfunktion im Knie hat und nicht wieder nachwachsen kann.

Auch verletztes Knorpelgewebe hat kaum Regenerationspotential und erfordert häufig chirurgische Eingriffe. Ist das, zumeist vordere Kreuzband gerissen, fehlt ein wichtiger stabilisierender Faktor. Es kann beim Sport oder später auch im Alltag zum "Wegknicken" des Kniegelenkes kommen, was einerseits schmerzhaft ist, andererseits kann es durch diese unnatürliche Lockerheit des Knies zu weiteren Verletzungen und Abnützungen kommen.

Ein gerissenes Kreuzband beim Sportler sollte auf jeden Fall operiert werden. Dabei wird in einem minimal invasiven Verfahren (Arthroskopie) eine Kamera in das Kniegelenk eingebracht. Durch einen weiteren Zugang kann der Operateur seine Instrumente einbringen und unter Sicht das neue Transplantat positionieren, Schäden an Knorpel und Meniskus beseitigen. Zur Anwendung kommen dabei körpereigene Sehnen von der Oberschenkelinnenseite oder die Oberschenkelstrecksehnen.

gesund.at: Gibt es einen besonders interessanten Fall einer Fußballer-Verletzung, den Sie in Erinnerung haben?

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl:

Der 2-malige Riss der Patellasehne von Ronaldo: Im November 1999 zog er sich den Riss zu, feierte 4 Monate nach der Operation sein Comeback und riss sie sich Patellasehne in der 6. Spielminute erneut. Nach neuerlicher Operation und 17 Monaten Rehabilitation schaffte er es trotzdem wieder, sein altes Niveau zu erreichen und wurde zum "weltbesten Spieler" und "Europas Spieler des Jahres" gekürt.

Weiterführende Informationen

  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Mag. Silvia Feffer-Holik
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl

Fachärztin für Unfallchirurgie, Kompetenzzentrum für Gelenkschirurgie, Wiener Privatklink

www.diegelenke.at, www.unfallchirurgie-wien.at

Quellen

  • Interview mit Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl am 03.06.2014

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