Die Macht der Stimme

Die Macht der Stimme: 2 Frauen sprechen über Blechdosen-Schnurtelefon miteinander.
Wie wir von anderen als Persönlichkeit bewertet werden, hängt zum Teil auch von unserer Stimme, von der Sprechdynamik und dem Stimmklang ab. (pio3 - Fotolia.com)

Hat Stimme wirklich etwas mit Stimmung zu tun? Ja, sagen Experten, schließlich ist die Stimme ein Teil unserer Persönlichkeit. 

Der Stimmklang kann auch über Sympathie und Antipathie entscheiden, kann Macht oder Unterwürfigkeit signalisieren, kann Wohlgefühl oder Missmut auslösen. Das hat sicher schon ein jeder von uns erlebt: Wir begegnen einem feschen Mann, einer hübschen Frau erstmals und sind optisch beeindruckt - tadelloses Äußeres, volles Haar, tolle Figur. Dann macht er oder sie den Mund auf - flapsige Stimme eines Pubertierenden, schrille Piepsstimme, er nuschelt oder quäkt. Und in der Sekunde schlägt Sympathie in Ablehnung oder zumindest Reserviertheit um. Wir sind irritiert, weil Stimme und Aussehen nicht zusammenpassen, weil etwas nicht stimmig ist.

Überblick:

Stimme und körperliche Reaktionen

Zum anderen rufen schrille Stimmen in den meisten Menschen Unbehagen hervor. Hohe Töne lösen in uns immer Gefühle aus. Sie stressen uns innerlich, haben Alarmsignal-Charakter. Nicht umsonst weisen Folgetonhorn von Rettung oder Polizei hohe, schrille Töne auf.

Was Stimmen mit uns machen

Die Gefühlsübertragung durch die Stimme geht noch einen Schritt weiter: Wird etwas mit viel Anspannung vorgetragen, so übernehmen wir diese Anspannung vom Sprecher. Die Stimme berührt uns seelisch, lässt nicht nur unsere Ohren, sondern auch unsere Gefühle nicht kalt. Ja, sogar körperliche Reaktionen können Töne hervorrufen.

  • Lebendige Stimme: lässt den Puls ansteigen und regt den Kreislauf an.
  • Gepresste, nervöse Vortragsstimme: blockiert die Atmung der Zuhörer.
  • Schwunglose und monotone Stimme: macht müde.

Nicht nur: Wenn einer mit schwacher, dünner Stimme etwas vorträgt, gehen wir davon aus, dass ihm das Thema ziemlich egal ist. Stimme macht also auch Meinung!

Der Frosch im Hals

Wie wir von anderen als Persönlichkeit bewertet werden, hängt zum Teil auch von unserer Stimme, von der Sprechdynamik und dem Stimmklang ab. Der Mehrabian-Formel, wonach der Gesprächserfolg zu 38 % von der Stimme, zu 55 % vom Aussehen und nur zu 7 % vom Inhalt beeinflusst werde, können einige Experten nicht ganz zustimmen (der US-Verhaltensforscher Albert Mehrabian behauptete solches aufgrund einer Studie in den 1970er Jahren).

Stimme und Job

Die Reaktion auf die Stimme hängt interessanterweise auch mit der Bildung zusammen: Je höher diese ist, desto wichtiger wird die Stimme. Bei über 50-jährigen Akademikern entscheidet die Stimme immerhin zu 56 %, ob einer auf Anhieb sympathisch oder unsympathisch ist. Apropos Akademiker, Stichwort Job: Was glauben Sie, für wie viel Prozent aller Beschäftigten ist die Stimme nicht irgendein, sondern ein entscheidender Erfolgsfaktor? Die richtige Antwort lautet: 30 %.

Und wenn zwei denselben Job wollen, bekommt ihn eher der mit der guten Stimme - also jemand, der klar, kräftig, deutlich und motiviert spricht.

Karrierebremsend für Frauen kann auch eine schrille oder Piepsstimme sein: Man verbindet damit Inkompetenz, Unsachlichkeit, wenig bis kein Durchsetzungsvermögen. Frauen mit tieferer Stimme gelten hingegen als kompetenter, durchsetzungsfähiger. Tatsache ist: In den letzten Jahrzehnten sind weibliche Stimmen um einige Hertz tiefer geworden. Das hängt ganz sicher auch mit dem neuen Frauenbild zusammen: Jungmädchen-Stimmen finden im Business wenig Anklang, Frauen mit derlei Klang werden weniger ernst genommen.

Stimme und Sex

Die Stimme ist aber auch ein sekundäres Geschlechtsmerkmal. Ihre Rolle bei der individuellen und sexuellen Selbstidentifikation des Menschen ist alles andere als unbedeutend. Und während vor allem im künstlerischen Bereich gerne mit Sex und Stimme gespielt wird, geht die Realität noch viel weiter. Männer mit tiefer Stimme haben im Schnitt mehr Nachwuchs als Männer mit hoher Stimme. Mit tiefer Stimme verbindet man Maskulinität. Und weil das für Frauen erwiesenermaßen sexuell attraktiver ist, haben Männer mit tiefer Stimme auch mehr Partnerinnen. Was sie aber nicht haben: eine bessere Sperma-Qualität.

Die Sexualhormone spielen auch bei der weiblichen Stimme eine Rolle: Vor allem zu Zeiten der Menstruationsblutung verändert sich die Stimme. In diesen Tagen durften Sängerinnen im 19. Jahrhundert an einigen Opernhäusern nicht auftreten, weil ihre Stimme nicht so gut war, weil sie nicht so hoch hinauf kamen und Töne nicht so gut halten konnten. Die Pille gleicht solch hormonbedingte Stimmungs- und Stimmschwankungen heutzutage aus.

Stimme und Stimmung

Unsere Stimme ist aber auch so etwas wie ein Stimmungsbarometer, ein Spiegel der Seele. Sind wir gut gelaunt und fröhlich, ist das genauso hörbar, wie wenn wir traurig, nervös, böse oder angespannt sind. Gefühle verändern unseren Stimmklang, wir säuseln, wenn wir verliebt sind, die Stimme kann auch schmerzverzerrt oder weinerlich sein, wir haspeln, wenn wir stark nervös sind, wir sprechen mit furchterregender Stimme, zischen, wenn wir wütend sind und sind sprachlos - vor Kummer oder Überraschung. Jubelstimmung indes bringt Kraft und Resonanz in unsere Stimme.

Die Stimme ist also durchaus Seismograph unserer Gefühle. Selbst, wenn wir am Telefon betont höflich auf irgendeine Beschwerde oder Anschuldigung reagieren, wird ein verärgerter Unterton uns eiskalt demaskieren. Der Ton macht die Musik, wussten schon unsere Urgroßeltern.

Stimme und Stress

Aber nicht nur der Stimmklang, auch die Sprechdynamik kann zum "Verräter" werden. Nervosität und Anspannung beispielsweise gehen oft mit schnellem Redefluss einher. Vor allem Frauen neigen dazu, in Stresssituationen schneller zu sprechen. Wer Zuhörer damit überschüttet und zu schnell spricht, wird wenig Gehör finden: Der Zuhörer hat das Gefühl, er muss mit dem Tempo des Vortragenden mithalten, ist unangenehm berührt, geht innerlich auf Distanz und hört nicht mehr zu. Der Zuhörer will es bequem haben, ist über Unstimmigkeiten in der Stimme verstimmt und driftet weg.

Als unbequem und unangenehm werden von Menschen folgende Stimmvarianten empfunden:

  • schrille Piepsstimme
  • schnell reden
  • zu tief und brummig reden
  • große Spannung in der Stimme
  • keine Pausen
  • monotones Reden
  • keine Betonung
  • unordentliche Aussprache
  • Atemlosigkeit
  • häufige Ähs

Reden als Machtspiel

Schnelles Reden kann aber auch etwas über die Stellung beispielsweise in einem Betrieb aussagen - Chefs eilen nie, Ranghöhere nehmen sich Zeit und Raum, etwas mitzuteilen. Sie haben es nicht notwendig, etwas schnell anzubringen. Notwendig hätten das freilich auch Rangniedrigere nicht, aber sie drücken ihre Unsicherheit oft in Husch-Husch-Sätzen aus. Schnell, schnell, man will nicht so viel Zeit für sich in Anspruch nehmen. Der Stimmgebrauch sagt also auch etwas über die Hierarchie in einer Firma aus, Reden kann so zum Machtspiel werden. Freilich geht es da nicht nur um das Redetempo, die Lautstärke hat schon auch ein Wörtchen mitzureden. Wobei: Laut alleine ist zu wenig, Brüllen bringt vielleicht Aufmerksamkeit, aber nicht unbedingt Respekt und Sympathie. Dazu gehört Wohlklang, dazu gehört eine warme Stimme, die uns positiv berührt. Solchen Menschen hört man gerne zu.

Wenn Ihnen niemand zuhört

Apropos: Gehört zu werden, ernst genommen zu werden ist für das Selbstwertgefühl außerordentlich wichtig. Stellen Sie sich vor, Sie erzählen etwas und niemand hört Ihnen zu. Passiert das nur ein-, zweimal, wird das vielleicht noch keine Auswirkungen haben, ist das Nicht-Gehört-Werden jedoch mehr oder weniger die Norm, knabbert das schon mächtig am eigenen Selbstbewusstsein. Wenn Sie durchs Sprechen keine Verbindung schaffen können, wenn niemand auf Sie reagiert, kann das für das Ego bedrohlich werden. Man sagt dann nicht, "meine Argumente werden nicht gehört", sondern "ich werde nicht gehört" - und das ist die ganze Person.

Ein und dieselbe Stimme gibt es nicht zwei Mal

Letztlich macht uns auch unsere Stimme unverwechselbar - laut Forschern der TU Berlin gibt es tatsächlich keine zwei Menschen mit derselben Stimme.

Die Bedeutung der Stimme lässt sich auch am Sprachgebrauch ermessen. Wenn wir von "dem Organ" sprechen, sprechen wir weder von Nieren noch Herz, "das Organ" des Menschen ist seine Stimme. Und wie sagte einst Sokrates: "Sprich, damit ich dich sehe." Nicht zu vergessen Prof. Higgins, der in "My Fair Lady" meint: "Wenn man einem Menschen eine neue Stimme gibt, gibt man ihm auch einen neuen Charakter."

Tipps für eine gesunde Stimme

  • Rauchverzicht
  • Genügend trinken
  • Nicht oder wenig sprechen, wenn man müde oder heiser ist
  • Und freilich kann man seine Stimme auch mit speziellen Übungen verbessern, die weit über den Gebrauch der Sprechwerkzeuge hinausgehen: von der Stimmklang-Massage über Bewegung und duschen bis zur Stimmschulung in Stimmtrainingsseminaren

Die Stimme ist übrigens auch deswegen trainierbar, weil wir meist nur einen Teil unseres potenziellen Klangspektrums verwenden - aus Gewohnheit, aus Vernachlässigung, weil wir es verlernt haben, alle Möglichkeiten unserer Stimme auszuschöpfen.

Weiterführende Informationen

  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Mag. Carmen Hiertz, BA
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Ingrid Amon

Expertin für Stimm- & Sprechtechnik

Website

Quellen

  • Interview mit Ingrid Amon
  • Interview mit Arno Fischbacher
  • Interview mit Priv. Doz. Dr. Markus Gugatschka
  • Die Macht der Stimme, I. Amon, 5. Auflage, Redline Wirtschaftsverlag, Wien, 2007
  • Geheimer Verführer Stimme: Erfolgsfaktor Stimme. 77 Antworten zur unbewussten Macht in der Kommunikation, A. Fischbacher, 2. Auflage, Junfermann Verlag, Paderborn, 2008

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