Schreibabys

Baby schreit - Vielleicht ist es ein Schreibaby?
(Ilka Burckhardt - Fotolia.com)
Alle Babys schreien - das ist völlig normal. Selbst glückliche, gesunde Babys schreien täglich zwischen einer und 3 Stunden. Manche Babys aber schreien noch mehr - und alle Versuche der Eltern helfen nicht, das Kind zu beruhigen.

Sie werden als Schreibabys betitelt und können Mutter und Vater in die totale Verzweiflung treiben. Spätestens dann sollte man sich Hilfe in speziellen Einrichtungen - Schreiambulanzen oder auch Babycareambulanz genannt - holen. Außerdem kann man sich in Expertenhand sicher sein, dass keine organischen Ursachen für das viele Schreien vorliegen. Das ist jedoch nur selten der Fall. Die meisten Schreibabys sind einfach nur besonders sensible Geschöpfe, die noch von den vielen neuen Eindrücken auf unserer Welt überfordert sind.

Ab wann gilt ein Baby als Schreibaby?

20 % aller Neugeborenen schreien extrem viel und werden daher als Schreibabys bezeichnet. Als Abgrenzung zu normalem Schreien gilt die "Dreier-Regel": Schreien von mindestens 3 Stunden pro Tag, an mehr als 3 Tagen in der Woche und über den Zeitraum von 3 Wochen hinaus. Typischer Weise beginnt das von Experten als "exzessives Schreien" bezeichnete Baby-Gebrüll in der 2. Lebenswoche und endet im 4. Monat. Meist hört sich das exzessive Schreien sehr schrill an.

Bauchschmerzen sind meist nicht die Ursache

Oft stecken keine organischen Ursachen hinter dem vielen Schreien. Nur bei den wenigsten Kindern sind Verdauungsprobleme, Milcheiweiß-Unverträglichkeit, Säure-Reflux (Sodbrennen) oder andere Erkrankungen die Ursache für das viele Weinen. Experten wissen heute: Blähungen und Bauchkrämpfe entstehen durch das Luftschlucken beim Schreien und nicht umgekehrt. Trotzdem wird das exzessive Schreien häufig immer noch als "Dreimonatskolik" bezeichnet - wahrscheinlich wegen seiner typischen Verlaufsform zwischen der 2. Lebenswoche und dem 4. Lebensmonat. Experten verwenden diesen irreführenden Begriff nicht mehr.

Schreibabys sind meist überreizt

Die meisten Schreibabys sind überfordert: Ihnen fehlt noch die Fähigkeit, im richtigen Moment abzuschalten. Experten sprechen von frühkindlichen Regulationsstörungen, einer Unreife in der Selbstberuhigungsfähigkeit und der Schlaf-Wach-Regulation. Dadurch nehmen Schreibabys mehr auf, als sie verarbeiten können. Zudem haben sie eine sehr niedrige Reizschwelle - dadurch sind Schreibabys sehr sensible Geschöpfe. Dinge, die "normale Neugeborene" kalt lassen, erschrecken die kleinen Sensibelchen schon. Durch all diese Faktoren finden Schreibabys außergewöhnlich schwer in einen regelmäßigen Tages-Schlaf. Wenn sie dann übermüdet und überdreht sind, fangen sie schrill an zu schreien.

Stress in der Schwangerschaft eine Ursache

Studien haben gezeigt, dass Säuglinge eher zu Schreibabys werden, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft besonderen Belastungen ausgesetzt waren: etwa übermäßige Ängste um das Ungeborene, Mobbing und Stress am Arbeitsplatz, Paarkonflikte oder der Tod eines geliebten Menschen. Schüttet die Mutter vermehrt Stresshormone aus, sind die Kinder später leichter irritierbar. Das Ungeborene nimmt teil - an schönen, aber auch schwierigen Zeiten.

Tipps für den Umgang mit Schreibabys

Schreibabys brauchen sehr viel Unterstützung zur Beruhigung und Regulation. Sie bedürfen eines Nachreifungsprozess. Ihn können Eltern durch den richtigen Umgang mit dem Kind unterstützen:

Regelmäßiger Tagesrhythmus

Die konsequente Einhaltung einer Tagesstruktur mit regelmäßigen Schlafenszeiten schützt das Baby vor Überreizung. Der Tag sollte nach dem Motto "Weniger ist mehr" geplant werden. In den ersten 3 Lebensmonaten sind eineinhalb Stunden Wachzeit das Maximum für ein Neugeborenes. In der Wachzeit werden Sie Ihr Baby füttern, wickeln und sich vor allem auch mit ihm liebevoll unterhalten, es massieren und streicheln, um die Bindung zu unterstützen. Das gibt dem Kind Sicherheit und hilft den Eltern, dass kleine Geschöpf nicht nur als „brüllendes Etwas“ wahrzunehmen. Wickeln, füttern und spielen soll möglichst ruhig ablaufen. Und nochmal, weil es so wichtig ist: Halten Sie die Schlafenzeiten möglichst ein. Versuchen Sie Ihr Kind nach ca. eineinhalb Stunden wieder hinzulegen. Selbst wenn das Kind dann schreit, kann es ein neuer Reiz sein, wenn Sie Ihr Baby wieder hoch nehmen. Manchmal hilft einfach das immer gleiche Liedchen, ein tiefer Ton vom Vater oder eine beruhigende Hand.

Reizabschirmung

Weil Schreibabys so schnell in die Überforderung kommen, ist es wichtig, Reize für das Kind zu minimieren. Muten Sie einem Schreibaby nicht auch noch viele Tapetenwechsel oder ständigen Besuch zu. Überprüfen Sie zuhause, ob bestimmte Dinge das Baby überfordern könnten - etwa Mobiles überm Bettchen, blendendes Licht, der laufende Fernseher oder das Radio. Ist das Kind beim Hinlegen schon überreizt, streicheln sie ihm beim Einschlafen sanft die Äuglein, um es von weiteren Reizen abzuschirmen.

Pucken

Ein weiteres Mittel, das vielen Schreibabys hilft zur Ruhe zu kommen ist der Pucksack. Pucken ist eine uralte Wickelmethode, die Neugeborenen Bewegungsgrenzen setzt. Dem Neugeborenen vermittelt dieses Umhülltsein ein Gefühl wie zuletzt in Mamas Bauch; es fühlt sich geborgen. Pucken reduziert erwiesenermaßen die Schreineigung in den ersten 8 Lebenswochen. 99 % der Schreibabys sind motorisch extrem unruhig. Schnellen die Ärmchen hoch - Moro-Reflex genannt -, weckt sich das Kind selbst auf.

Enges Betten

Oft hilft Schreibabys auch schon enges Betten - dann ist es ebenfalls eher wie im Mutterleib. Die Begrenzung unterstützt zudem eine gleichbleibende Position des Babys. Die braucht es über etwa 20 Minuten, damit das Gehirn zur Ruhe kommt. Deshalb das Baby nach dem Zubettbringen für mindestens 20 Minuten nicht wieder hochnehmen - auch wenn es schreit.

Beim engen Betten unbedingt auf dicke Decken, vor allem aus Synthetik verzichten, damit dem Kind nicht zu heiß wird. Überhitzung des Babys fördert das Risiko des Plötzlichen Kindstods. Immer auf gute Belüftung achten.

Hilfe in Schreiambulanzen

Solche Experten-Tipps in der Realität umzusetzen, fällt den meisten Eltern jedoch mehr als schwer. Wenn ein Baby schreit, sobald man es hinlegt, nimmt jede Mama ihr Kleines wieder hoch. Der Mutterinstinkt lässt uns das nicht aushalten. Bis das Kind seinen Rhythmus gefunden und gelernt hat, sich selbst zu regulieren, brauchen Eltern deshalb Anleitung und Unterstützung! 96 % aller Mütter von Schreibabys haben ein Erschöpfungssyndrom, weil solch ein Kind eine außergewöhnliche Belastung ist. Zögern Sie nicht, Kontakt zu sogenannten Schreiambulanzen aufzunehmen.

Dort wird gemeinsam mit den Eltern erarbeitet, welche individuellen Hilfen die Familie zur Entlastung braucht. Zudem lernen sie über die Besonderheiten ihres Babys: Schreibabys sind schwerer zu lesen als andere Neugeborene. Eltern müssen die Signale ihres besonderen Kindes erst richtig deuten lernen. So haben Schreibabys z.B. oft übergroße, weit aufgerissene Augen. Das wird schnell als Interesse fehlinterpretiert, bedeutet aber, dass das Kind schon total überreizt ist. Auch Schlaftagebücher, in denen die Eltern Schlafphasen, Füttern, Spielen, Herumtragen, Quengeln und Schreien für einige Tage notieren, zeigen auf, wann das Kind in die Phase der Überreizung kommt. Die gilt es dann zu vermeiden.

Auch Psychologen stehen Schreibaby-Eltern in Spezialambulanzen zur Verfügung. Denn oft ist ihr Selbstwertgefühl am Boden, weil sie denken, versagt zu haben. Oder sie verstehen sich selbst nicht mehr, weil Wut und Aggressionen hochkommen. Doch das ist ganz normal, wenn ein Baby seine Eltern durch stundenlanges Schreien völlig zur Verzweiflung bringt. Für solche Situationen haben einige Schreiambulanzen auch eine Krisen-Hotline oder halten andere Notfallnummern bereit. Denn den Eltern können leicht die Nerven durchgehen: Schreibabys sind gefährdeter als andere Neugeborene, das sogenannte "Shaken-Baby-Syndrom" zu erleiden.

Babys niemals schütteln!

Ohne Schreien geht das Schlafen-Lernen bei Schreibabys leider meist nicht. Wenn Eltern dann auch nur für eine Sekunde die Nerven durchgehen, kann das schlimm enden: Exzessives Schreien ist der häufigste Grund für ein Schütteln des Säuglings. Das Baby kann dadurch Hirnblutungen davontragen: Schwere Behinderungen und Erblindung sind häufige Folgen des Shaken-Baby-Syndroms. Kommen Wut und Verzweiflung hoch, sollten die Eltern ihr Kind an einem sichern Ort ablegen - auch wenn es dann noch mehr schreit. Gehen Sie weg vom Baby und beruhigen sich erst selbst möglichst vollständig. Das gelingt am besten, wenn Sie tief ein- und ausatmen, Holen Sie sich eventuell schnelle Hilfe über ein Krisentelefon. Erst, wenn Sie sich wieder ganz im Griff haben, können sie zu ihrem Baby zurückgehen und es wieder auf den Arm nehmen.

Weiterführende Informationen

  • Autor
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Hebamme

Johanna Sengschmid

Quellen