Höheres Risiko bei Schwangerschaft mit Buben?

Höheres Risiko bei Schwangerschaft mit Buben?: Babybauch
Schon im frühen Entwicklungsstadium zeigen sich genetische Veränderungen in der Plazenta. (drubig-photo - Fotolia.com)
Der Plazenta auf der Spur: Einer neuen Studie zufolge gehen Schwangerschaften mit Buben häufiger mit Komplikationen einher, als jene mit Mädchen.

Forscher der Medizinischen Universität Graz sind jetzt auf Zusammenhänge zwischen dem Geschlecht des Babys und dem Erkrankungsrisiko im Mutterleib gestoßen. Die Krux liegt in der Plazenta, die sich durch das Geschlecht des ungeborenen Kindes beeinflussen lässt. Studienleiter A.o. Univ.-Prof. Dr. phil. Gernot Desoye spricht mit gesund.at über die wichtigsten Erkenntnisse der Studie und erklärt, warum das Risiko mit einem männlichen Fötus in der Schwangerschaft höher ist, als mit einem weiblichen.

Die Funktion der Plazenta

Die Plazenta, auch als Mutterkuchen oder Fruchtkuchen bezeichnet, hat eine besonders wichtige Rolle im Mutterleib während einer Schwangerschaft. Sie versorgt den Fötus mit Nährstoffen, entsorgt seine Exkremente und regelt den Gasaustausch, also die Aufnahme von Sauerstoff und die Abgabe von Kohlendioxid. Die Plazenta hat zusätzlich auch hormonelle Aufgaben und nimmt Einfluss auf das Immunsystem der werdenden Mutter. 

Laut den Forschern der Studie hat das Geschlecht des Babys Einfluss auf die Plazenta. Männliche Föten haben ein höheres Sterblichkeitsrisiko und Komplikationen in der Schwangerschaft treten häufiger auf, als wenn ein Mädchen unterwegs ist. Das Baby ist zusätzlich gefährdeter, wenn die Mutter an Diabetes oder Adipositas leidet. Wie unterschiedlich Zellen aus der Plazenta von männlichen und weiblichen Föten sind und welche Rolle außerdem die Gene in den Zellen der Plazenta spielen, erklärt A.o. Univ.-Prof. Dr. phil. Gernot Desoye im Gespräch mit gesund.at:

gesund.at: Was wollten Sie mit Ihrer Studie zeigen?

A.o. Univ.-Prof. Dr. phil. Gernot Desoye: "Grundsätzlich haben wir unsere Studie der Plazenta gewidmet. Wir wollten wissen, was in der Plazenta abläuft und warum es nach Komplikationen in der Schwangerschaft oft zu Langzeitfolgen wie Diabetes oder Gehirnentwicklungsstörungen für das Kind kommt. Schon während der Schwangerschaft werden Programme im Fötus 'eingeschalten', die wie eine Art Langzeitgedächtnis alles speichern. Wir konnten dabei feststellen, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen den Zellen aus der Plazenta einer Schwangerschaft mit einem Buben und denen mit einem Mädchen in dieser Programmierung gibt."

gesund.at: Wie sah das Setting der Studie aus, wie sind Sie vorgegangen?

A.o. Univ.-Prof. Dr. phil. Gernot Desoye: "Wir haben sowohl Trophoblastzellen als auch Endothelzellen aus unterschiedlichen Mutterkuchen entnommen, kultiviert, also vermehrt, um Untersuchungen anstellen zu können. Die Trophoblasten verbinden den Embryo mit der Mutter, die Endothelzelen kleiden die Gefäße aus. Beide repräsentieren die Oberflächen der Plazenta. Anschließend haben wir die Expression aller Gene die das menschliche Genom umfasst, in diesen Zellen gemessen." 

gesund.at: Was konnten Sie anhand dieser Genliste erkennen?

A.o. Univ.-Prof. Dr. phil. Gernot Desoye: "Nachdem wir die Übersetzung all dieser Gene zusammen hatten, konnten  wir einen Vergleich zwischen den Proben aus der Plazenta von männlichen und weiblichen Föten anstellen. Dabei fiel auf, dass Unterschiede bestehen. Wir fragten uns: Welche biologischen Prozesse regulieren diese Gene, die solche Verschiedenheiten zeigen?"

gesund.at: Wovon sind männliche Föten während einer Schwangerschaft nun öfter betroffen?

A.o. Univ.-Prof. Dr. phil. Gernot Desoye: "Die Einwirkung der Plazenta auf das mütterliche Immunsystem ist noch wenig erforscht. Was man weiß ist, dass das Kind einerseits durch das Immunsystem der Mutter vor Infektionen geschützt wird, andererseits hindert die Plazenta es aber auch daran, das Kind wie eine Art Fremdkörper abzustoßen. Vermutlich beeinflusst das Geschlecht des Kindes die Gene in der Plazenta, Buben werden während der Schwangerschaft nämlich häufiger 'verloren' als Mädchen. Männliche Föten sind auch öfter von Schwangerschaftskomplikationen  betroffen als weibliche.  Wir können direkt aus unsere Studie zur Plazenta nicht direkt ableiten, dass Buben während der Schwangerschaft gefährdeter sind, es geht aber aus der Fachliteratur hervor, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen, wenn es um Risken und Komplikationen im Mutterleib geht. Wir glauben nun, dass diese Differenzen schon früh festgelegt werden und dass dieser Vorgang der Programmierung der Gene in der Plazenta als fötalem Gewebe stattfindet."

gesund.at: Inwiefern muss man vorsichtiger sein, wenn man als werdende Mutter
einen Buben erwartet? Können Sie "Tipps" geben?

A.o. Univ.-Prof. Dr. phil. Gernot Desoye: "Ich würde werdenden Müttern auf jeden Fall dazu raten, besonders vorsichtig zu sein, das heißt, sie sollten vermehrt auf Ihren Lebensstil achten. Das ist bei jeder Schwangerschaft ratsam, aber bei einem männlichen Fötus könnten sich z.B. Übergewicht und Diabetes der Mutter negativer auswirken als bei einem weiblichen. Wenn die Frau schon vor der Schwangerschaft Diabetes Typ 1 oder Typ 2 hat, dann ist es wichtig, eine richtige Einstellung des Blutzuckers zu beachten. Denn wenn die Mutter zusätzlich einen Buben in sich trägt, ist die Gefahr dann höher, dass es zu Missbildungen beim Kind kommt."

gesund.at: Was bedeuten die Studienergebnisse für die künftige Forschung?

A.o. Univ.-Prof. Dr. phil. Gernot Desoye: "Die Ergebnisse haben uns gezeigt, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, die die Funktionen der Plazenta beeinflussen. Dieser Faktor muss für künftige Forschungen miteinbezogen werden. Interessant wird für uns die Erforschung von Zellen aus der Plazenta von Schwangeren mit Diabetes sein."

Weiterführende Informationen

Medizinischer Experte

Ao. Univ. Prof.

Dr. Gernot Desoye

Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe

Quellen