Richtlinie für experimentelle Therapien

Riskante Heilversuche

Bern (APA/sda) - Wenn Ärzte mit ihrem Latein am Ende sind, können sie experimentelle Therapien in sogenannten Heilversuchen einsetzen. Dies kann für die Patientin riskant sein, ist gesetzlich aber nicht geregelt.

Nun hat die Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) Richtlinien dazu herausgegeben. Ärztinnen dürfen bei schwerstkranken Patienten mit deren Zustimmung Therapien einsetzen, die nicht dem anerkannten Standard entsprechen. Diese individuellen Heilversuche sind ein letzter Ausweg. Kritiker bemängeln, dass die fehlende gesetzliche Regelung ehrgeizige Ärzte immer wieder dazu verleite, an Patienten ohne deren Wissen zu experimentieren.

Nachdem das Thema nicht vom neuen Humanforschungsgesetz geregelt wird, das seit 1. Januar 2014 in Kraft ist, forderte das Parlament 2011 in einer Motion vom Bundesrat, die aktuelle Regelung von Heilversuchen aufzuzeigen.

Nun legt die SAMW mit den Richtlinien "Abgrenzung von Standardtherapie und experimenteller Therapie im Einzelfall" eine Handlungsanweisung für Ärzte vor. Solche Richtlinien werden laut SAMW in der Regel in die Standesordnung der Ärzteverbindung FMH aufgenommen und sind dadurch für deren Mitglieder verbindlich.

Im Laufe der Arbeiten habe sich gezeigt, dass die Herausforderung nicht sei, Forschung von Nicht-Forschung abzugrenzen, schrieb die SAMW am Mittwoch. Vielmehr gehe es darum, Kriterien festzulegen, wann eine Therapie Standard und wann sie experimentell ist. Beide können im Rahmen von Forschungsprojekten angewendet und weiterentwickelt werden.
Die neuen Richtlinien halten fest, dass sich eine Standardtherapie auf aktuell gültige fachliche Empfehlungen stützt oder - falls diese fehlen - der Praxis anerkannter Expertinnen entspricht. Eine experimentelle Therapie hingegen weicht von der Standardtherapie ab oder wird bei deren Fehlen eingesetzt.

"Die Durchführung einer experimentellen Therapie ist mit erhöhten Sorgfaltspflichten verbunden", schreibt die Akademie. Ein Arzt oder eine Ärztin müsse nachvollziehbare Gründe für deren Einsatz haben. Nur die Patienten selbst könnten entscheiden, ob sie eine Therapie auf sich nehmen wollten, die mit unklaren Risiken verbunden ist.

Die Erfahrung zeige, dass die "informierte Zustimmung" nicht immer gegeben ist. Die neuen Richtlinien definierten nun die Begriffe und informierten Ärzte und Patienten über Rechte und Pflichten, die bei der Anwendung von experimentellen Therapien im Einzelfall - ausserhalb von Forschungsprojekten - zu beachten sind.

Dazu gehören neben der Zustimmung auch die Überprüfung der Einzeltherapie durch ein Expertengremium sowie eine sorgfältige Kosten-Nutzen-Abwägung. Die Akademie gibt zudem auch Empfehlungen an Politik, Spitäler und Pharmaindustrie ab, die die Umsetzung der Richtlinien unterstützen sollen.

  • Autor
  • Erstellungsdatum

Quellen