Pubertät: Grenzen sprengen

2 pubertierende Mädchen, 1 Bursch hängen kopfüber von einer Couch
Mädchen kommen heute in Durchschnitt mit 9 Jahren, Burschen mit etwa 10 Jahren in die Pubertät. (pressmaster - Fotolia.com)

Peinliche Eltern, null Bock auf Schule, heute Sinnkrise - morgen emotionaler Höhenflug. Die Pubertät ist für viele Jugendliche eine konfliktgeladene Zeit und jedes scheinbar noch so kleine Problemchen birgt Zündstoff für Zoff.

"Schuld" daran sind hormonelle und psychische "Umbauprozesse", die vom jungen Gehirn gesteuert werden. Eltern, die meinen, mit Druck, Kritik oder gar gut gemeinten Ratschlägen durch diese Zeit steuern zu können, haben schlechte Karten. Doch das Wissen um Veränderungsprozesse und die ganz normalen seelischen Befindlichkeiten von Frau Tochter, Herrn Sohn, kann die friedliche Koexistenz möglicherweise fördern.

Achtung Baustelle

Wir bitten um Ihr Verständnis: Wegen Umbauarbeiten kann es vorübergehend zu Beeinträchtigungen kommen! Im Kopf, im Körper, im Geist von Jugendlichen in der Pubertät. Und diese erreichen Kinder heute schon weit früher als vor 150 Jahren.

Mädchen kommen heute in Durchschnitt mit 9 Jahren, Burschen mit etwa 10 Jahren in die Pubertät, erste körperliche Veränderungen können sichtbar werden. Statistiken aus 1860 zeigen, dass Mädchen mit 17 ihre erste Regelblutung hatten (Menarche), heute liegt das schon bei 10 Jahren. Bei Burschen tritt die erste Spermarche (der erste Samenerguss) etwa zwischen 9 und 15 Jahren.

Frühe körperliche Reife

Grund für diesen früheren Eintritt sehen Forscher heute in der besseren Ernährungssituation. Um die pubertären Umbauarbeiten zu bewältigen, braucht der Körper einen Fettanteil von etwa 17 %, erst dann ist er - zumindest theoretisch - imstande, eine Schwangerschaft zu bewältigen. Daher setzt die Regel erst ab diesem Zeitpunkt ein.

Untersuchungen zeigen weiters, dass beispielsweise untergewichtige Mädchen oder Leistungssportlerinnen später in die Pubertät kommen, Übergewichtige eher früher. Das heißt allerdings nicht, dass Mädchen, die körperlich reif sind, auch emotional und intellektuell diesen Reifeprozess hinter sich haben, diese Entwicklung hinkt nach. Dennoch haben die Mädchen biologisch die Nase vorne: Sie entwickeln sich körperlich etwa zwei Jahre früher als Burschen und machen mit etwa 10 Jahren einen Wachstumsschub durch, der bei Burschen mit etwa 12 Jahren eintritt.

Sensible Lebensphase

Ein charakteristisches Merkmal dieser Lebensspanne ist das hohe Konfliktpotenzial mit den Eltern. Doppelt so viele weibliche wie männliche Jugendliche wollen ihr Aussehen verändern. Burschen wünschen sich einen leistungsstarken, Mädchen einen attraktiven Körper. Forschungsergebnisse zeigen, dass auch das Selbstvertrauen von Mädchen mit Beginn der Pubertät eher abnimmt als bei Burschen.

Es ist eine sehr sensible Lebensphase und viele Krankheiten, wie Depression, Menstruationsbeschwerden, Übelkeit und Essstörungen können in dieser Phase auftreten.

Der Körper als Projektionsfläche

Wenn der Körper startklar ist, schüttet der Hypothalamus Signale aus: es kann losgehen, lautet die hormonelle Botschaft an die Hypophyse. Sie sendet Botenstoffe aus, wie das luteinisierende Hormon (LH) und das follikelstimulierende Hormon (FSH). In den Eierstöcken wird Östrogen, in den Hoden Testosteron produziert. Infolge der erhöhten Hormonproduktion wachsen die ersten Haare an den Genitalien und unter den Achseln.

Hinzu kommt, dass Youngsters in dieser Phase auch kräftig wachsen, etwa 9 bis 10 Zentimeter pro Jahr. Dies alles ist Auslöser für eine psychische Initialzündung, die meist die Fragen aufwirft: Bin ich Kind oder schon Erwachsener? Wie wirke ich auf andere? Bin ich doof? Selbstzweifel und falsche Selbsteinschätzung, Weltschmerz, null Bock und dennoch tausende Visionen.

Wachstumsschub auf allen Ebenen

Was geht bloß in deinem Kopf vor - das fragen sich ratlose Eltern angesichts der äußerlichen und psychischen Veränderungen des geliebten Kindes. Ziemlich viel, ist die wissenschaftliche Antwort. Das Gehirn ist in der Pubertät eine Riesenbaustelle und Forscher haben erkannt, dass die Umbauarbeiten in Verbindung mit hormoneller und psychischer Veränderung aus unseren einst süßen Kleinen streitsüchtige, launische Zeitgenossen machen.

Das Gehirn erlebt in dieser Zeit eine dynamische Entwicklung. An Trotzaktionen, ähnlich jenen von Zweijährigen, von heftigem Auflehnen gegen alles, was "erwachsen" ist, sind also nicht allein die Hormone schuld, sondern zu einem Gutteil die Umbauprozesse im jugendlichen Gehirn. Vor allem die Großhirnrinde erhält in den Jahren vor der Pubertät einen deutlichen Wachstumsschub. Dadurch entsteht ein großes Netzwerk von Neuronen, mit deren Hilfe Informationen verarbeitet und gespeichert werden können. Andererseits werden Verbindungen, die nicht so häufig verwendet werden, vom Denkapparat wieder gelöscht. Der Nobelpreisträger Gerald Edelmann nennt diesen Prozess "Neuronalen Darwinismus". Das jugendliche Gehirn wird erwachsen, reift zu einer Denkmaschine, die über einen effizienten Kontroll- und Speichermechanismus verfügt. Für viele Eltern kommt diese Entwicklung meist sehr überraschend und es ist schwierig, diese rational einzuordnen.

Trödeln und abhängen

Wenn forsche Mütter und Väter dann meinen: "lern doch endlich für die Schularbeit" oder "trödle nicht herum, räum lieber dein Zimmer auf" und Jugendliche möglicherweise dazu stunden- wenn nicht gar tagelang brauchen, liegt das nicht nur am Unwillen der Youngsters. Einerseits schüttet die Zirbeldrüse das Schlafhormon Melantonin in der Pubertät ein bis zwei Stunden später aus als bei Erwachsenen. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass Jugendliche noch topfit sind, wenn die älteren Herrschaften bereits bei einem Buch einnicken. Und letztlich der Grund, dass sie frühmorgens kaum aus dem Bett können.

Aber auch die Entwicklungen im Präfrontalhirn hängen damit zusammen, in dem Entscheidungen getroffen werden. Bei vielen Jugendlichen sind diese Umbauarbeiten am präfrontalen Kortex erst nach dem 20. Lebensjahr abgeschlossen. Reifungsprozesse im tiefen Gehirn etwa sind auch für die Fähigkeit verantwortlich, Folgen und Risiken von Aktionen realistisch einschätzen zu können. Emotionale Ausbrüche, unkontrollierte Reaktionen oder irrationale Argumente sind eben nicht immer nur böse gemeint.

Trotz Krise festes Fundament

Eine neue Körperlichkeit, aber auch die Neuorientierung in ihrer Umwelt sind Erklärungen für das vielfach irrationale Verhalten von Jugendlichen. Wenn Eltern also zum x-ten Mal die überlaute Musik, die Rauchschwaden aus den Junior-Gemächern oder den überquellenden Mistkübel kritisieren, sind das meist verlorene Energien. Die Pubertät kommt und geht.

Allerdings sollte man die Beziehung zum Kind nie aufgeben, nicht ganz die lange Leine lassen, sondern Halt und Sicherheit geben und das Kind so akzeptieren, wie es ist. Um eine neue Welt zu bauen, braucht es ein festes Fundament.

Gebildet wird es aus den Beziehungen zu den "Alten", zu ihren Welten und Werten, sowie aus den Beziehungen zu Gleichaltrigen und eigenen Reflexionen. Und das dauert seine Zeit...

  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Mag. Silvia Feffer-Holik
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Mag. Dr. Gerlinde Grübl-Schößwender

Sozial- u. Heilpädagogin, Dipl. Erwachsenenbildnerin

Praxis für Heilpädagogik, Lebens- und Sozialberatung, Coaching

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