Phytotherapie: Die Heilkraft der Pflanzen

Das MINI MED Studium widmet sich im Frühjahrssemester 2013 mit einem Themenschwerpunkt den Heilkräften der Natur. Diese rücken zunehmend wieder in den Fokus von Medizin und Forschung: Die moderne Phytotherapie nützt die Heilkraft der Pflanzen und stützt s

Lange bevor Schulmedizin und Naturwissenschaft ihre dominierende Rolle entwickelten, waren es die Schamanen, Medizinmänner, Kräuterhexen und in der Folge die mittelalterlichen Klöster, [...]

Lange bevor Schulmedizin und Naturwissenschaft ihre dominierende Rolle entwickelten, waren es die Schamanen, Medizinmänner, Kräuterhexen und in der Folge die mittelalterlichen Klöster, die sich mit ihrem umfangreichen Wissen um Heilung und Wohlergehen bemühten. In der modernen Phytotherapie gewinnen die pflanzlichen Wirkstoffe wieder mehr an Bedeutung.

Die Pflanzenheilkunst ist wohl die älteste bekannte Heilmethode und deshalb auch wichtiger Bestandteil sowohl der westlichen wie auch traditioneller Medizin. Ob traditionelle europäische Medizin (TEM), die traditionelle chinesische Medizin (TCM), die japanische Kampoo-Medizin oder das indische Ayurveda – alle behandelten Verletzungen und Erkrankungen mit Heilpflanzen.

 
Univ.-Prof. Dr. Kubelka (Bild: MINIMED/Tadros)

Die moderne Phytotherapie unterscheidet sich wesentlich von der traditionellen Pflanzenheilkunde. Sie folgt naturwissenschaftlich Grundsätzen und  geht von einer Dosis-Wirkung-Beziehung aus. Krankheitsbilder werden ähnlich definiert wie in der klassischen Schulmedizin. Viele Schulmediziner sehen in ihr eine sinnvolle und wirksame Ergänzung des Behandlungsspektrums. Die Qualität der angewendeten Arzneimittel ist mit medizinisch-naturwissenschaftlichen Methoden überprüfbar. Während in früheren Zeiten die Wirkung, je nach Erntejahr gewissen Schwankungen ausgesetzt war, ist dies heute nicht mehr der Fall. Phytopharmakons unterliegen dem Arzneimittelgesetz – kontrollierte Bedingungen und standardisierte Verfahren beim Anbau garantieren konstante Qualität und Wirkstoffkonzentration: „Durch die Einhaltung medizinisch-naturwissenschaftlicher Grundsätze unterscheidet sich die Phytotherapie von anderen Behandlungsformen, bei denen ebenfalls Pflanzen verwendet werden, wie etwa Homöopathie oder Bachblütentherapie. Sie ist deshalb nicht als „Alternativmethode“ zu betrachten, sondern soll dort, wo ihr Einsatz „rational“ und gerechtfertigt ist, in der Hand des Arztes oder bei der Selbstmedikation unter Beratung durch den Apotheker, zur Anwendung kommen.“, sagt Univ. Prof. Dr. Wolfgang Kubelka vom  Institut für Pharmakognosie an der Universität Wien.

Pflanzlich bedeutet nicht harmlos

Auch wenn ein Heilmittel aus pflanzlichen Substanzen hergestellt wird, empfiehlt sich dennoch Vorsicht im Umgang damit. Die natürliche Herkunft darf nicht darüber hinweg täuschen, dass es sich um Medizin handelt. Die Wirkstoffe sind äußerst intensiv und nur in bestimmten Dosen verträglich. Im Gegensatz zum deutschen Arzneimittelgesetz, kennt das österreichische Gesetz den Begriff des Phytopharmaka nicht. Es wird nicht unterschieden, ob ein Mittel pflanzlichen Ursprungs ist oder nicht. Einzig die medizinische Wirkung zur Krankenversorgung  ist ausschlaggebend. Dieser Umstand verdeutlicht, dass es sich bei pflanzlichen Heilmitteln, in ausreichend hoher Konzentration, um Medizin handelt, die entsprechend unter das Arzneimittelgesetz fällt und mit einer Zulassungsnummer (Z.Nr.) versehen ist. Das „Gütesiegel Arzneimittel“ verschafft den PatientInnen zudem Sicherheit und Gewissheit, dass es sich bei dem pflanzlichen Präparat um ein hochwertiges und wirksames Mittel handelt. Es findet sich auf jeder Packung und ist der „Beweis“ für die Wirksamkeit.

Präparate die im Handel erhältlich sind und über keine Zulassungsnummer verfügen, haben eine zu geringe Konzentration an Wirkstoffen in sich und fallen daher unter das Lebensmittelgesetz. Ihre Wirkung ist medizinisch-wissenschaftlich nicht bestätigt.

35 „Heilkaiser“ in der Pflanzenwelt

Roter Sonnenhut (Bild: cc Jordan Meeter)

Die Heilkraft der Pflanzen kommt bei der Behandlung vieler verschiedener leichterer Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen zum Einsatz. Beispielsweise bei Halsentzündungen oder Magen-Darm-Infekten, aber häufig auch als  ergänzende Therapie zur klassischen Schulmedizin. Einige Pflanzen sind wahre „Heilkaiser“ und spielen ob ihrer besonderen Wirkung eine wesentliche Rolle: So werden dem Roten Sonnenhut und der Holunderblüte vorbeugende Wirkung bei beginnenden Erkältungskrankheiten zugeschrieben, weil sie das Immunsystem stärken. Salbei, Kamille, Enzian, Wermut, Tormentillwurzel, Artischocke, Schafgabe, Kümmel und Käsepappel wirken bei Befindlichkeitsstörungen im Verdauungstrakt entzündungshemmend, krampflösend, blähungstreibend oder gegen Durchfall. Die Erkrankungen der Atemwege, beispielsweise Reizhusten und Halsentzündungen, sind besonders häufig und werden erfolgreich mit Eibisch, Thymian, Isländischer Flechte, Anis, Latschenkiefer und Sonnentau behandelt. Bei Steinleiden im Urogenitaltrakt und Harnleiterentzündungen kommen Birke, Hauhechel, Schachtelhalm und Wacholder zum Einsatz. Gutartige Vergrößerungen der Prostata können mit Weidenröschen und Sägepalme behandelt werden. Bei der altersbedingt weitverbreiteten  Herzmuskelschwäche und dem damit auch einhergehenden niedrigen Blutdruck wird Weißdorn verabreicht. Bei Krampfadern hilft Rosskastanie. Ginko empfiehlt sich bei Durchblutungsstörungen und fördert auch das Denkvermögen. Knoblauch wirkt vorbeugend gegen Arteriosklerose. Bei prämenstrualen Beschwerden schaffen Mönchspfeffer und Nordamerikanisches Wanzenkraut Linderung. Ringelblume und Arnika sind bewährte Heilpflanzen bei Hautschädigungen.

Baldrian (Bild: Tom Lund)
Baldrian (Bild: cc Tom Lund)

Aber auch im Feld psychischer oder psychosomatischer Störungen findet die Pflanzenheilkunde Anwendung. So können leichte bis mittelschwere Depressionen mit Johanniskraut behandelt werden. Bei nervösen Störungen wie Schlaflosigkeit oder Einschlafstörungen empfiehlt sich die Indikation von Hopfen, Baldrian oder Melisse.

Von den 500.000 Pflanzenarten auf der Erde werden derzeit rund 70.000 für die Behandlung von Krankheiten genützt. Intensive Forschungstätigkeit sorgt dafür, dass es täglich mehr werden. So entdeckten australische Forscher erst kürzlich, dass der Wirkstoff Ingenol-Mebutat im Saft des Garten-Wolfsmilchgewächses, wirksam gegen weißen Hautkrebs eingesetzt werden kann. Bei schweren Erkrankungen wie Krebs, Infektionskrankheiten oder Bluthochdruck kann die moderne Phytotherapie aber unterstützend eingesetzt werden. Leider ist jedoch nicht gegen jede Erkrankung ein Kraut gewachsen – Heilpflanzen sind keine Wunderpflanzen.

Vorträge zur Phytotherapie beim MINI MED Studium

In weiten Teilen Österreichs ist noch immer viel überliefertes Wissen um die Wirkung von Heilpflanzen aus der traditionellen Volksmedizin vorhanden. Das MINI MED Studium befasst sich im Rahmen eines Themenschwerpunkts im Frühjahrssemester mit der Phytotherapie. An zwölf Standorten zwischen Wien und Vorarlberg werden mehrere Vorträge zum Thema „Dagegen ist ein Kraut gewachsen – Pflanzen als Heilmittel in der Phytotherapie“  angeboten. Die nächsten Vorträge zum Thema:

03.04.     St. Pölten, Kulturhaus Wagram - Univ.-Prof. Dr. Andrea Zauner-Dungl, Mag. Claudia Krist-Dungl
04.04.     Salzburg, SALK - Dr. Barbara Vockner / Mag. Karin Buchart
06.05.     Villach, Rathaus - Dr. Ilse Triebnig
07.05.    Eisenstadt, Wirtschaftskammer - Mag. pharm. Dr. Astrid Obmann
15.05     Linz, Neues Rathaus - Mag. pharm. Dr. Astrid Obmann
23.05.     Graz, Med. Universität - Univ.-Prof. Dr. Ulrike Holzer
06.06.     Amstetten, Rathaussaal - Mag. Ulrike Grosser-Schmidt
11.06.     Mistelbach, Stadtsaal - Mag. pharm. Dr. Astrid Obmann
12.06.     Lienz, Kolpinghaus - Dr. Elisabeth Baumgartner-Freudenschuss
18.06.    Innsbruck, Frauen-Kopf-Klinik - Univ.-Prof. Dr. Hermann Stuppner
19.06.     Wolfurt, Cubus - Mag. pharm Rudolf Pfeifer