Kaufsucht überwunden: Die Shopping-Diät

Kaufsucht überwunden: Die Shopping-Diät: Person in Einkaufsstraße, Buch von Nunu Kaller zur Shopping-Sucht
Kaufsucht ist ein zwanghaftes und überaus starkes Verlangen Dinge zu kaufen, die man nicht braucht. (Johannes Hloch, KIWI (Montage))

Raus aus der Kaufsucht: Nunu Kaller hat es geschafft und ein Buch darüber geschrieben - Ein Ratgeber, wie man dem Problem entschwinden kann.

Haben sie das Bedürfnis ständig shoppen zu gehen, obwohl ihr Kleiderschrank eigentlich schon aus allen Nähten platzt? Gehen Sie Shoppen, wenn Sie frustriert sind oder sich von einer unangenehmen Sache ablenken wollen? Das alles können Anzeichen für eine beginnende Kaufsucht sein. "Kaufsucht ist ein zwanghaftes und überaus starkes Verlangen Dinge zu kaufen, die man eigentlich nicht braucht", erklärt die Psychotherapeutin Angela Trojan.

Überblick:

Kaufsucht: Eine Konsumsucht

"Wenn ich darüber nachgedacht habe, wann ich das letzte Mal shoppen war, war das nie länger als 14 Tage her", erzählt Nunu Kaller, während sie sich die Hände an einem Kamillentee wärmt. Als ihr bewusst wurde wie verschwenderisch ihr Konsumverhalten war, beschloss sie für ein Jahr auf Shopping-Entzug zu gehen. In der heutigen Zeit ist das Thema Kaufsucht ein zunehmendes Problem. "Im Nachhinein betrachtet, denke ich schon, dass ich konsumsüchtig war. Aber das Shoppen fehlt mir heute nicht mehr. Ich bin clean! Obwohl ich schon ein oder zwei Mal nach dem Projekt zur Belohnung shoppen war." erzählt Nunu und lacht herzlich dabei.

Kaufsucht: Typisch für Süchte ist zwanghaftes Verhalten

Wie andere Süchte kennzeichnet sich auch die Kaufsucht durch zwanghaftes Verhalten. Konsumsucht ist jedoch oft schwieriger zu diagnostizieren als andere Süchte. Das liegt zum einen daran, dass sich, anders als zum Beispiel bei einer Alkoholsucht, die Persönlichkeit durch eine Konsumsucht nicht verändert. Zum anderen ist Konsum sozial akzeptiert und vor allem aus wirtschaftlicher Sicht auch erwünscht. "Bei einer Kaufsucht ist der Leidensdruck nicht in körperlichen Symptomen gegeben, sondern in der Schuldenfalle oder der Einsamkeit - Was wiederum dazu führt, den Weg in ein Geschäft zu machen." so Trojan. Menschen die an einer Kaufsucht leiden, kaufen Dinge nicht, weil sie sie brauchen, sondern aufgrund eines inneren Zwangs. Durch das Kaufen bekommen sie ein positives Gefühl aber auch das Selbstwertgefühl wird dadurch gehoben. "Man braucht diesen Kick dann immer öfter" berichtet Nunu.

Eine Kaufsucht wird meist erst erkannt, wenn dieser Kick ausbleibt. "Meistens wird die Diagnose einer Kaufsucht erst dann gestellt, wenn trotz des Kaufs einer großen Menge an Produkten keine Befriedigung eintritt. Die Dinge werden nach dem Kauf meist achtlos weggelegt, versteckt und bleiben unbeachtet. Es werden aber nicht nur die gekauften Waren versteckt, auch die Sucht wird versteckt - vor anderen und auch vor sich selbst. Der Patient isoliert sich." erklärt Angela Trojan. Was die Psychotherapeutin beschreibt sind zum Teil auch die Auslöser für Nunus Entscheidung zur Shopping-Diät gewesen.

Kaufsucht: Shopping-Diät für ein Jahr

"Zu welchen Schuhen passt der neue Rock?", diese Frage zu beantworten erschien Nunu Kaller einfacher als sich über den Gesundheitszustand eines geliebten Menschen Sorgen zu machen. Shoppen war für sie Trost, Ablenkung, Belohnung und Beruhigung zugleich. "Ich hab die neu gekauften Sachen dann immer schon vor meinem Freund versteckt. Schnell in den Kasten damit, bevor er merkt, dass ich schon wieder einkaufen war. Gemerkt hat er’s natürlich trotzdem an den ganzen Plastiksackerln, die in der Küche herumlagen. Er hat immer gesagt: "Nunu du bist nicht konsequent!"
Während eines Urlaubs hat sie dann beschlossen ein Jahr lang nicht shoppen zu gehen. Nunu identifizierte die Inkonsequenz beim Shoppen als Schwäche und wollte sich und allen anderen beweisen, dass sie doch konsequent sein konnte. Dann ist Nunu tatsächlich für ein Jahr lang nicht mehr einkaufen gegangen.
Trojan gibt Tipps für Menschen die merken, dass sie an einer Kaufsucht leiden könnten. "Im Großen und Ganzen geht es darum wieder zu lernen, verantwortungsvoll mit Konsum umzugehen." Sie sollten:

  • so rasch wie möglich offen mit einer Vertrauensperson reden
  • eventuell einer Selbsthilfegruppen beitreten
  • ein Tagebuch und ein Haushaltsbuch führen
  • niemals eine Kreditkarte einstecken
  • vorm Einkaufen einen Einkaufszettel schreiben und sich strikt daran halten

Kaufsucht: Wann psychotherapeutische Hilfe nötig wird

All diese Tipps können helfen, das Problem alleine in den Griff zu bekommen. Auch Nunu hat es ohne fremde Hilfe geschafft sich von ihren Zwängen zu befreien. "Viele schaffen es aber nicht alleine Ihre Kaufsucht in den Griff zu bekommen." erklärt Trojan und sie nennt auch einen möglichen Grund dafür: "Verzicht verursacht bei Menschen, die an einer Kaufsucht leiden das Gefühl von Benachteiligung. Sie haben oft das Gefühl Opfer zu sein – 'ständig muss ich auf etwas verzichten'."

Psychotherapeutische Hilfe sollten Sie sich holen,

  • wenn der Zwang einzukaufen unaufhörlich zunimmt
  • wenn es zu Kontrollverlust kommt
  • wenn der psychische Leidensdruck so groß wird, dass Sie damit nicht mehr zurecht kommen
  • bei einem depressiven Zustand
  • bei Rückzug von Freunden und wenn die Isolation zunimmt
  • bei Schlafstörungen
  • bei Nervosität

Die Dauer einer Therapie hängt davon ab, wie verfestigt sich die Krankheit hat und nicht zuletzt davon, wie weit der Patient dazu bereit ist sich auf die Therapie einzulassen. "Oftmals dauert eine solche Therapie zwei Jahre und mehr", so Trojan.

"Bei der Behandlung von Kaufsucht trägt eine Psychotherapie dazu bei, den geringen Selbstwert zu stärken und aufzubauen. Gemeinsam mit dem Therapeuten arbeitet der Patient daran, Zwänge zu erkennen und anders mit ihnen umzugehen als bisher. Mit tiefenpsychologischen Methoden oder Verhaltenstherapie wird Ursachenforschung betrieben. In einer Psychotherapie wird das Selbstbewusstsein des Patienten so gestärkt, dass er  auf gesunde Weise mit sich zufrieden ist und keine äußeren Materialien mehr braucht um seine Bedürfnisse zu befriedigen." erklärt Trojan.

Nunu hat es ohne fremde Hilfe geschafft ihre beginnende Kaufsucht in den Griff zu bekommen. In diesem einen Jahr hat sich eine ganze Menge in ihrem Leben verändert. „Ich habe meinen Roten Faden gefunden. In diesem einen Jahr ohne shoppen habe ich mein Thema gefunden, das woran es mir Spaß macht zu arbeiten. Und das ist unglaublich schön und befriedigend.“ sagt sie. Sie hat ihre Kniffe durchschaut und verstanden warum sie früher so viel shoppen war.

Kaufsucht: Bewusster und gesunder Umgang mit Konsum

Nunu erzählt, dass sie heute bewusster mit Kleidung und Konsum umgeht. "Beim Shoppen achte ich heute darauf nur fair und biologisch produzierte Waren zu kaufen. Das tut nicht nur der Seele gut, sondern auch dem Körper. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass Kleidung fair produziert wurde und niemand unter der Produktion leiden musste." Das fördert auch die seelische Gesundheit.

"Ökologisch gesehen ist es aber sowieso am sinnvollsten Second Hand Kleidung zu kaufen. Das verlängert nämlich die Lebensdauer von Kleidung." erklärt Nunu und wie schick das aussehen kann beweist sie während des Interviews, denn sie trägt an diesem Tag nur Kleidung die sie in einem Second Hand Shop gekauft hat. Aber auch Tauschpartys oder Flohmärkte sind eine gute Möglichkeit diesen ökologischen Gedanken umzusetzen.

Do it yourself: Nähen und Stricken

In dem Jahr, genauer: 366 Tagen, ohne Shoppen hat sich Nunu auch in der Kleiderproduktion versucht. Sie hat begonnen Sachen selbst zu nähen und vor allem zu stricken. Dabei hat sie gemerkt, dass es eigentlich nicht möglich ist ein T-Shirt um 5 Euro zu produzieren. Im Stricken hat Nunu außerdem eine Leidenschaft gefunden. Im Moment ist sie gerade dabei sich einen neuen Schal zu stricken. "Stricken ist das neue Yoga - dem kann ich nur zustimmen." erzählt sie.

Kaufsucht: Gesünder leben durch die Shopping-Diät

"Ja“ antwortet Nunu, nachdem sie kurz darüber nachgedacht  hat, auf die Frage, ob sie denkt, sie sei heute nach diesem einen Jahr ohne Shoppen gesünder. "Einerseits bin ich seelisch gesünder, weil ich einen 'Auftrag' gefunden habe. Es ist unglaublich schön ein Thema zu haben, wo du deine Leidenschaft findest. Ich hab das Gefühl, dass ich das gefunden habe, dass ich angekommen bin. Andererseits bin ich auch psychisch gesünder, weil ich mich nicht mehr ablenke oder tröste mit shoppen.“

Wenn Nunu heute mit einer Situation überfordert ist oder wenn sie traurig ist geht sie nicht mehr shoppen, so wie früher. "Ich kann mich heute auch mal zurücknehmen und zum Beispiel einfach zwei Stunden auf dem Sofa sitzen. Der Drang nach Ablenkung ist weg. Ich höre heute viel mehr auf mich selbst. Ich überlege mir, was ich wirklich brauche. Die Ruhemomente in meinem Leben haben zugenommen. Früher saß ich vorm Fernseher mit dem Laptop auf dem Schoß und habe Online-Shops durchstöbert, heute lese ich dann halt zum Beispiel in einem Blog den ich interessant finde."

Eine wichtige Erkenntnis die Nunu aus ihrem Projekt mitgenommen hat, ist die, dass Konsum auch anstrengend ist. "Es war sehr angenehm und entspannend nicht auf jeden Trend aufspringen zu müssen. Immer mithalten zu wollen ist unheimlich stressig." Heute geht sie bewusster mit dem Thema Konsum und Kleidung um. Ihren Lebensstil empfindet sie jetzt als gesünder als vor dem Entzug. Über Nunus Erfahrungen mit dem shoppingfreien Jahr können Sie auch in ihrem Buch "Ich kauf nix!: Wie ich durch die Shopping-Diät glücklich wurde" lesen.

  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Mag. Carmen Hiertz, BA
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Psychotherapeutin

Angela Trojan

Therapeutische Schwerpunkte: Psychosomatische Erkrankungen, Persönlichkeitsentwicklung, Persönlichkeitsstörungen

Website

Quellen

  • Interview mit Nunu Kaller
  • Interview mit Angela Trojan
  • Ich kauf nix!: Wie ich durch die Shopping-Diät glücklich wurde, N. Kaller, KiWi-Paperback, 2013
  • Kaufst du noch? …oder lebst du schon? Der Weg aus der Konsumsucht, S. Speer, BoD - Books on Demand, 2. Auflage, Norderstedt, 2009

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