"Muttermilch ist ein Wunderwerk der Natur"

Muttermilch ist ein Wunderwerk der Natur: Bernd Stahl
Dr. Bernd Stahl ist wissenschaftlicher Leiter der Milupa-Muttermilchforschung. (Milupa)
Vom ersten Tag der Schwangerschaft bis zum Ende des zweiten Lebensjahrs entwickelt sich das Leben eines Menschen in rasantem Tempo. In diesen ersten 1000 Tagen spielt die Ernährung im Allgemeinen und Muttermilch im Speziellen eine Schlüsselrolle.

Seit mehr als 30 Jahren ist man in Europas größtem und modernstem Muttermilch-Forschungszentrum im niederländischen Utrecht den Geheimnissen der Muttermilch auf der Spur. Dr. Bernd Stahl, wissenschaftlicher Leiter der Milupa-Muttermilchforschung gibt in diesem Interview spannende Einblicke in den Forschungsalltag.

Herr Dr. Stahl, seit über drei Jahrzehnten erforscht Milupa nun bereits die einzigartige Beschaffenheit der Muttermilch. Was treibt Sie dabei an?

Dr. Bernd Stahl: "Ich bin fasziniert von den vielfältigen Eigenschaften der Muttermilch. Als ausschließliche Nahrungsquelle der ersten sechs Monate gewährleistet sie, dass sich das Kind optimal entwickelt. Deshalb kann man Muttermilch zu Recht als einziges vollwertiges Nahrungsmittel für den Menschen bezeichnen. Die Muttermilch einer gesunden Frau enthält Eiweiß, Fett, Vitamine und Kohlenhydrate in perfekter Kombination. Interessant ist auch, dass sie einer besonderen Dynamik unterliegt und sich permanent nach den Bedürfnissen des Säuglings verändert. Dieses Wunderwerk der Natur besser zu verstehen, ist eine große Aufgabe für die Wissenschaft. Meine Neugierde ist noch lange nicht gestillt, denn es gilt noch viel zu entdecken und zu hinterfragen."

Woran wurde denn in den vergangenen 30 Jahren besonders intensiv geforscht?

Dr. Bernd Stahl: "Besonders intensiv und genau haben wir in den letzten Jahrzehnten das Eiweiß in der Muttermilch unter die Lupe genommen. Muttermilch enthält besonders gut verwertbare Eiweißbestandteile, die das rasche Wachstum eines Babys ermöglichen. Immerhin verdoppelt ein Säugling sein Geburtsgewicht in den ersten sechs Lebensmonaten und legt durchschnittlich zehn Längen-Zentimeter zu. Zudem finden sich in Muttermilch Eiweiße, die die Entwicklung des noch unreifen Immunsystems positiv beeinflussen. Diese so genannten funktionellen Eiweiße sind von Mutter zu Mutter verschieden. Sie schützen den Säugling besonders gegen jene Bakterien und Viren, welchen die jeweilige Familie besonders ausgesetzt ist. Mit der richtigen Weichenstellung für das Immunsystem kann auch Allergien vorgebeugt werden."

Wie kann man sich die Arbeit im Forschungszentrum konkret vorstellen?

Dr. Bernd Stahl: "Wir sind in Utrecht ein Team von 400 Mitarbeitern im Bereich Forschung und Entwicklung: Mediziner, Biologen, Chemiker und Ernährungswissenschafter, die alle unterschiedlichen Aufgaben nachgehen. Unsere Labors sind mit modernsten Geräten ausgestattet, die es uns erlauben, Muttermilch mikrobiologisch, chemisch und physikalisch zu untersuchen. So verwenden wir beispielsweise ein künstliches Darmmodell, das uns zu einem besseren Verständnis der kindlichen Verdauung einschließlich der so wichtigen Darmflora verhelfen soll."

Woher stammt die Frauenmilch, die Sie buchstäblich unter die Lupe nehmen?

Dr. Bernd Stahl: "Natürlich nehmen wir keinem Kind die Muttermilch weg. Vielmehr werden nach ausführlicher ethischer Prüfung die Muttermilchproben aus klinischen Beobachtungs-Studien verwendet in denen wir beispielsweise den Einfluss der Ernährung der Mutter auf ihre Milchzusammensetzung analysieren. Dabei ist die eingesetzte Technik so genau, dass wir für die Analyse nur kleinsten Mengen Muttermilch benötigen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen. Wir können selbst aus einem Tropfen Muttermilch enorm viel an Information gewinnen."

Welche neuen Erkenntnisse wird die Zukunft bringen?

Dr. Bernd Stahl: "Die Forschung in Utrecht ist auf alle Entwicklungsphasen in den ersten 1.000 Tagen fokussiert: Von der Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft und während des Stillens, über die Zusammensetzung der Muttermilch bis hin zur Beikost für das gestillte Baby sowie dem besonderen Nährstoffbedarf von Kleinkindern. Dabei steht die gesunde Entwicklung der Kinder im Fokus. Das Immunsystem, die Gehirnentwicklung, Allergien sowie die Verdauung und der Stoffwechsel sind die besonderen Forschungsschwerpunkte. Das übergreifende Ziel dabei ist es, gesunde Ernährungslösungen für Mütter und Kinder zu erforschen und in diesem Zusammenhang auch das Stillen zu fördern. Insofern stellen wir diese wissenschaftlichen Erkenntnisse gerne Ärzten, Schwestern und Hebammen zur Verfügung, um auch auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur gesunden Ernährung von Mutter und Kind in den ersten 1.000 Tagen zu leisten."

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