Muttermilch - die ersten 1.000 Tage

Muttermilch - die ersten 1.000 Tage: Mama und Baby
Stillen schafft eine enge Verbindung zwischen Mutter und Kind. (Alexandr Vasilyev - Fotolia.com)
Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters Muttermilch
Die ersten Lebensmonate prägt ein Feuerwerk an Nerven-Vernetzungen die Sinnentwicklung eines Babys. Ob riechen, hören, fühlen oder sehen: Alles braucht seine Zeit. Ein wesentlicher Faktor, um diese Entwicklung zu fördern, ist Stillen.

Muttermilch stillt nicht nur den Hunger des Säuglings, sie fördert auch die Beziehung (Bonding) zwischen Mutter und Kind und schult damit den Hör-, Tast- und Geruchssinn des Babys. Stillen sorgt dafür, dass das Baby ausreichend Proteine über die Muttermilch erhält, sodass es in späteren Lebensjahren nicht zu Übergewicht neigt. Auch für die Mutter ist Stillen nach der Geburt die ideale Methode, um zugelegte Kilos wieder abzunehmen. Ein weiterer Vorzug der Muttermilch ist ihre Ausgewogenheit, die das Immunsystem des Kindes stärkt und vor Allergien und vor häufigen Infekten schützt.

Vertrautheit durch Stillen

Mit der Geburt beginnt nicht nur das neue Leben eines Menschen. Millionen von Nervenzellen verschalten sich, nur in den ersten Lebensjahren haben diese die Chance, so viele Verbindungen zu bilden. Nervenzellen, auf denen die Wahrnehmung der Umwelt und die Einzigartigkeit des menschlichen Gehirns basiert. In dieser Phase ist es für die Mutter wichtig, die Bedürfnisse des Säuglings richtig zuzuordnen, es emotional zu stärken und ihm Sicherheit zu vermitteln - eine ganz natürliche Möglichkeit, ihm diese Gefühle zu vermitteln, bietet das Stillen.

Geschmacksprägung im Mutterleib

Schon im Mutterleib beeinflusst das Essverhalten der Mutter die spätere Geschmacksentwicklung des Kindes. Diese Prägung setzt sich nach der Geburt fort - durch die Muttermilch, die sich aus vielfältigen Komponenten zusammensetzt, je nachdem in welche Richtung der kulinarische Sinn der Mutter geht.

"Hunger" ist eines der ersten Signale, die der Hypothalamus aus dem Limbischen System sendet, wenn Babys Blutzuckerspiegel zu niedrig ist. Vom Limbischen System aus wird der Reiz weitergeleitet, das Baby macht Geräusche, Eltern sollten auf diese frühen Hungersignale achten. Andernfalls wird es unruhig, beginnt zu strampeln und erst dann zu schreien. Das hört Mama - selbst wenn sie schläft - und eilt herbei um das Baby es zu stillen. Dabei redet sie beruhigend auf das Baby ein. Das Kleine versteht zwar nicht, was genau Mama da vor sich hinredet, aber allein der Klang und der Rhythmus der Laute beruhigen Baby.

So entwickeln sich die Sinne Ihres Baby

Gerüche, Töne, Berührungen sind Eindrücke, die Säuglinge als erstes wahrnehmen.

Von Geburt an:

  • Hören: Ihr Baby hört bereits Laute und Klänge. Möglich ist das durch die mütterlichen Schallwellen, der sich durch die Haarzellen in die Innenohrschnecke fortpflanzen. Die Informationen im Gehirn kann der Säugling bereits wahrnehmen, nicht nur das, er kann sogar schon die Richtung erkennen, aus der der Schall kommt.
  • Der Geruchssinn: hat von Geburt an eine direkte Leitung ins Großhirn und ins Gefühlszentrum, es erleichtert dem Neuankömmling, um sich hin zur Futterquelle "Muttermilch" zu orientieren. Die Montgomery Drüsen, das sind Drüsen in der Brustwarze, scheiden ein fetthaltige Substanz aus, an deren Geruch die Kinder sich orientieren.
  • Der Saugreflex: ist von Geburt an ins Gehirn "durchgeschaltet", sodass Ihr Baby an allem saugt, was einer Brustwarze ähnelt. Diese sinnliche Direktverbindung ins Gehirn vermittelt aber nicht nur das Signal für Nahrung, sondern auch das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit durch die Mutter.
  • Der Tastsinn: wird über das größtes Sinnesorgan, die Haut ermöglicht und ermöglicht es, die Umgebung zu begreifen, um zwischen Gegenständen zu unterscheiden. Mithilfe des angeborenen Greifreflexes kann sich das Baby gewissermaßen "an die Mutter klammern". Biologisch betrachtet ist dieser Sinn ganz oben im linken Scheitellappen der Großhirnrinde angelegt. Auch hier finden Vernetzungen und Verschaltungen statt, dazu mischen auch Botenstoffe wie Glutamat mit, um die Wahrnehmung des Babys richtig zuordnen zu können und ihm schließlich die Nahrungsaufnahme zu ermöglichen.

6. Lebenswoche:

Bewegungskoordination - etwa 99 Prozent der Nervenzellen haben ein nach geschaltetes Neuron erreicht. Das Baby kann jetzt sehr gut strampeln. Die Bewegungen zu koordinieren, lernt der Sprössling in den nachfolgenden drei Lebensmonaten.

8. Lebenswoche:

Sehen: Neugeborene können ihre Augen noch nicht auf Entfernungen einstellen, die Sehschärfe beträgt etwa ein Fünfzigstel der eines Erwachsenen. Andererseits können sie schon Formen, Farben, Kontraste wahrnehmen. Das Gesicht der Mutter etwa erkennt ein zwar Baby schon deutlich, doch dieses seiner Mama zuzuordnen, gelingt üblicherweise nach 2 Lebensmonaten. Sehen ist ein aufwändiger Prozess: so werden z.B. Bewegung, Größe oder Entfernung zunächst in Einzelaspekte getrennt und nicht alle Informationen kann das Baby verarbeiten. Das würde sein Gehirn überfordern. Allerdings werden immer wiederholende Informationen und Veränderungen im Gehirn gespeichert, also gelernt.

1. Jahr:

Selbstwahrnehmung:  "Haben wollen": die Entscheidung dazu zu treffen, entwickelt sich im Frontallappen des Kindes. Babys erlernen diese Fertigkeit innerhalb des ersten Lebensjahres.

Das kindliche Gehirn ist unermüdlich am Werk. Es arbeitet intensiver als das erwachsene Gehirn und braucht daher auch mehr Sauerstoff, mehr Nahrung und entsprechende Gehirnreize. Bei Kindern ist zu jeweils verschiedenen Zeiten je ein Entwicklungsfenster für bestimmte Sinnesreize offen. Um die Entwicklung zu fördern, muss es die Reize genau zu dieser Zeit bekommen. Üblicherweise prägen sich bei Kindern die für sie wichtigen Eindrücke ein: Sie interessieren sich plötzlich für Wörter und Sätze, für Musik oder für Formen und Materialien. Bekommt ein Kind diese Reize nicht, kann das Gehirn die dafür nötigen Verschaltungen nicht bilden, das Entwicklungsfenster schließt sich meist nach Monaten oder Jahren, ohne diese Verschaltungen "abgespeichert", also gelernt zu haben.

Geschmack bildet sich im Mutterleib

Ob Schoko, Paprika, Äpfel oder Fisch: Was immer die Mutter zu sich nimmt: in geringen Konzentrationen liegen Geschmacksstoffe dieser Speisen in der Muttermilch vor. Keine Muttermilchmahlzeit schmeckt gleich. Dadurch wird die Geschmacksprägung des Kindes beeinflusst. Weil sie mehr "Auswahl" haben, sind gestillte Kinder empfänglicher für neue Lebensmittel und Speisen.

Das Beste für Säuglinge ist nach wie vor Muttermilch. Aus der Sicht von Ernährungsmedizinern sind 6 Monate Voll Stillen und über das 1. Lebensjahr hinaus zu stillen ein Idealmaß. Muttermilch, so die Wissenschaft, ist für den noch nicht ausgereiften kindlichen Verdauungsapparat das Beste. Darüber hinaus ist das in der Muttermilch enthaltene Protein für Säuglinge bekömmlicher besser verwertbar als in Fertignahrung und ist daher günstiger, um in späteren Jahren Übergewicht zu vermeiden. Muttermilch schützt vor Infektionskrankheiten und stärkt das Immunsystem. Kuh-, Schaf-, Ziegen-, Reis- oder Stutenmilch sind kein Ersatz für Muttermilch, diese, sowie selbst zubereitete Mischungen aus Getreide und Soja können zu Entwicklungsstörungen führen. Kinder sollten diese Milcharten erst nach dem 1. Lebensjahr trinken.

Alternativen zum Stillen

Mütter, die nicht stillen können oder möchten, können Babys Hunger mit Säuglingsanfangsnahrung (Pre-Nahrung) stillen. Diese hat einen geringen Eiweißgehalt und eine bessere Fettsäurezusammensetzung als andere Flaschennahrung. Sie ist dünnflüssig, denn sie enthält nur Milchzucker als Kohlenhydrat. Anfangsnahrungen ("Pre-" oder "1")  können - wie Muttermilch - von Geburt an das erste Lebensjahr hindurch gegeben werden.

Sind beide Eltern Allergiker, hat das Baby ebenfalls ein erhöhtes Risiko, eine Allergie zu entwickeln. Dennoch sind 6 Monate stillen für das Baby die beste Ernährung. Mütter die nicht stillen können oder wollen, können auch  hypoallergene Nahrung verabreichen. Darin ist das  Eiweiß so weit zerkleinert, dass es der kindliche Darm nicht als "artfremd" erkennt. Hypoallergene Säuglingsnahrung ist ausschließlich zur Allergieprävention geeignet.

Das erste Löffelchen

Etwa im sechsten Lebensmonat kann je eine Milchmahlzeit durch eine Beikostmahlzeit ersetzt werden. Mit Beikost sollten Sie jedoch nicht vor der 17. und nach der 26. Lebenswoche beginnen. Muttermilch kann aber durchaus noch auf dem Speiseplan stehen und - gemeinsam mit Beikost - während des gesamten 1. Lebensjahres verabreicht werden. Als Beikost eignen sich feste Nahrung und Breie daraus, wie z.B. Gemüse, Obst, Getreide, Fleisch, Öl etc. Fleisch ist für Säuglinge und Kleinkinder wichtig, um den Eisenbedarf des Kleinen ausreichend zu decken.

Sparsamer Umgang empfiehlt sich mit Keksen, Biskotten, Zwieback oder Brot. Diese Nahrungsmittel enthalten Gliadin, das nicht von allen Babys gut vertragen wird. Vorsicht ist bei glutenhältigen Nahrungsmitteln angebracht. Getreide, wie Weizen, Dinkel, Grünkern, Roggen, Gerste, Hafer sollte erst ab 6 Monaten in der Nahrung enthalten sein, da viele Kinder das Klebereiweiß von Getreide (Gluten) nicht gut vertragen. Von 250 bis 1000 Kindern ist eines genetisch bedingt veranlagt, eine Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) zu entwickeln. Je früher glutenhältige Nahrungsmittel gefüttert werden, desto schwerer kann das Krankheitsbild ausfallen. Wird Zöliakie diagnostiziert, muss das Kind glutenhältige Nahrungsmittel meist lebenslang vermeiden.

Geschmackserlebnisse ausprobieren

Mit dem Ende des ersten Lebensjahres ist ein Baby soweit, um von der Familienkost alles mitessen und ausprobieren zu können: Wie fühlt sich Spinat an, was passiert, wenn man den Kindertee umkippt? Dann ist die Nervenstärke vieler Eltern gefordert. Tolerieren Eltern diese Experimente nicht, kann es zu kindlichen Trotzhaltungen kommen. Kinder signalisieren damit: Wenn ich es nicht selbst essen darf, dann esse ich es eben gar nicht. Diese Problematik bezeichnen Psychologen als Interaktionsprobleme. Doch gerade derartige Probleme mit dem Essen können in der Adoleszenz ein erhöhtes Risiko für Essstörungen mit sich bringen. Das Kind sollte daher die Möglichkeit haben, selber das Essen in die Hand zu nehmen und es  mit Freude entdecken. Kinder essen das, was sie kennen und lehnen Lebensmittel, die sie nicht kennen, häufig ab.

Doch keine Panik und vor allem: Geduld! Statistisch betrachtet müssen Eltern Ihrem Kind 10 bis 16 Mal die Gelegenheit geben, ein neues Nahrungsmittel zu probieren. Je häufiger ein Versuch unternommen wird, desto höher sind Ihre Chancen. Kinder lernen vieles durch Beobachten. Wer also selbst Gemüseverweigerer ist, wird keinen kleinen Gemüsefan heranziehen. Genussvolles gemeinsames Essen, keine Verbote oder Gebote im Hinblick auf Essen, ein entspannter Familientisch, das sind gute Basics für gesunde Ernährung. Achten Sie, dass Sie Ihrem Kind ein breites Angebot an Nahrungsmitteln anbieten – und akzeptieren wenn das Kind etwas nicht mag oder den Teller nicht leer essen mag. Kinder sind auch in punkto Essen keine kleinen Erwachsenen.

  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Elisabeth Mondl
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Hebamme

Moenie van der Kleyn

Quellen

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