Mehr als ein Drittel der Europäer leiden unter Schlafstörungen

Noch höhere Dunkelziffer

In Österreich sind laut Schätzungen 75.000 bis 150.000 Menschen von Benzodiazepinen - Schlafmitteln - abhängig, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein.

Sei seien vom Suchtpotenzial mit Kokain und Cannabis gleichzusetzen, warnten Experten im Rahmen einer Pressekonferenz am Mittwoch, 18. Juni 2014 in Wien anlässlich des Tags des Schlafes am 21. Juni und riefen zu einem sorgsameren Umgang mit ihnen auf.

"Schlaf ist kostbar, aber leider nicht mehr schick", stellte Univ.-Prof. Manfred Walzl, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und Leiter der Schlafmedizin an der Landesnervenklinik Graz fest. Fehlen die für den Körper wichtigen Regenerationsphasen - Tiefschlaf- und REM-Phasen wechseln sich pro Nacht vier bis fünf Mal ab - , führt das in Kombination mit einem belastenden Lebensstil häufig erst recht zu Schlafstörungen. Davon betroffen sind bereits 37 Prozent der Europäer und 75 Prozent der US-Amerikaner.

Am Ende der therapeutischen Kette

Die Verschreibung der hochwirksamen - angstlösenden, beruhigenden, schlaffördernden - Benzodiazepine sollte immer erst am Ende der therapeutischen Kette stehen, so der Arzt. Während der Leidensdruck des Patienten durch das Schlafmittel zwar rasch sinke, komme es bei längerer Einnahme zu einem Wirkungsverlust oder sogar einer -umkehr wie Angstzuständen oder Tagesmüdigkeit. Auch verminderte Konzentrations- und Merkfähigkeit sowie Gangunsicherheit zählen zu den schwerwiegenden Nachteilen, was besonders bei älteren Patienten zu erhöhter Sturzgefahr führt.

Für eine erfolgreiche Abdosierung sei die Zusammenarbeit von Arzt, Apotheker und Patient notwendig. Der Apotheker solle den Patienten einfühlsam und vorsichtig auf die Langzeitfolgen hinweisen und im Gespräch Reizwörter wie "Sucht, Abhängigkeit und Entzug" vermeiden, so Apotheker Ernst Pallenbach, der in Deutschland ein dreieinhalbjähriges Pilotprojekt zum Benzodiazepinentzug leitete.

Bei Schlafstörung: Verhaltensänderung

Treten Schlafstörungen auf, so seien Walzl zufolge als allererstes Verhaltensänderungen ratsam - Gedanken etwa im "Grübelstuhl" zu wälzen und nicht im Bett -, der Griff zur warmen Milch mit Honig sowie zu pflanzlichen Beruhigungsmitteln wie Baldrian-Hopfen-Extrakt. Zu mehr Aufenthalt in der freien Natur, einem "völlig nebenwirkungsfreien Genussmittel", riet die Allgemeinmedizinerin Petra Zizenbacher. Sie hob die Selbstverantwortung des Menschen hervor, regelmäßig "innezuhalten und den 'Reset'-Knopf zu drücken. Entspannungsfördernde Pflanzen - angewandt als Aufguss, im Kräuterkissen oder als Fußbad - seien Melisse, Hopfen, Baldrian, Lavendel, Lindenblüte und die Passionsblume.

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Quellen

  • APA med, Hohe Dunkelziffer bei Abhängigkeit von Schlafmitteln, 18.06.2014