Körperwahrnehmung wirkt auf Selbstbewusstsein

Körperwahrnehmung wirkt auf das Selbstbewusstsein: schlanke Frau sieht sich im Spiegel dicker, als sie ist
Der kritische Blick auf den eigenen Körper rückt in den Mittelpunkt medizinischen Interesses. (RioPatuca Images - Fotolia.com)
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Was ist das Körperbild und wann gilt unser Körper als schön? gesund.at-Talk mit Ao. Univ.Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger über unsere Körperwahrnehmung.

Die gegenwärtige Designkultur macht keineswegs im Wohnzimmer und im durchgestylten Garten halt. Sie ästhetisiert unser ganzes Leben und viele seiner Bereiche. Einer dieser Bereiche ist unser Körper, der vielen Erwartungen standhalten muss. So etwa suggerieren uns Werbung und Medien nach wie vor, dass nur der Schönheitsnorm entsprechende weibliche Körper auch wirklich attraktiv sind oder dass enthaarte, bemuskelte Männer-Bodys und androgyn knabenhafte Mädchen angeblich "schön" sind. Der Mensch ist ein "Augentier", attraktive Menschen stehen meistens im Mittelpunkt und ziehen Blicke auf sich. Im Rampenlicht zu stehen und bewundert zu werden, wirkt sich wiederum massiv auf den Selbstwert aus. Und so rückt der kritische Blick auf den eigenen Körper auch in den Mittelpunkt medizinischen Interesses, denn die Arbeit am eigenen Körper ist mitunter gesundheitlich bedenklich.

Werbung, TV und Modefotografie wirken sich negativ auf die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper aus. gesund.at-Redakteurin Dr. Doris Simhofer sprach mit Ao. Univ.Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Wiener Frauengesundheitsbeauftragte und Leiterin des Wiener Programms für Frauengesundheit.

Überblick:

gesund.at: Was macht junge Menschen und spätere Erwachsene so unsicher? Wo liegen die Wurzeln dieser Unzufriedenheit?

Dr. Beate Wimmer-Puchinger: Wir leben derzeit in einer durchgestylten Bilderwelt, in der Menschen, überwiegend Frauen, als perfekte, artifizielle, überwiegend junge, faltenlose und überschlanke Vorbilder in Medien und Werbung fungieren. Der Vergleich ist intendiert und er verunsichert. Es macht Frauen mit ihrem Aussehen unzufrieden und somit zur idealen Konsumentin. Die international festgestellte Zunahme der Körperunzufriedenheit läuft konform mit der quantitativen Zunahme an Bilderbotschaften von unerreichbaren, da überidealisierten Darstellungen. Dieser Trend des Wunsches nach einem perfekten Äußeren muss leider auch schon für Mädchen, teilweise aber auch schon bei Buben, festgestellt werden. Perfektes Aussehen wird zum Maßstab der Selbst- und Fremdakzeptanz und wird Eigenschaften der Persönlichkeit, der Intelligenz und anderer liebenswerter Fähigkeiten untergeordnet.

gesund.at: Wie kann ein positives Selbstbewusstsein und Körperbild erreicht werden?

Dr. Beate Wimmer-Puchinger: Die beste Basis für ein stabiles Selbst- und Körperbild beginnt bereits beim Baby. Die empathische Zuwendung der Mutter beim Stillen sowie dem Kind auf mehreren Ebenen zu vermitteln, dass es geliebt wird, und die Eltern stolz auf ihr Kind sind, sind erste Bausteine für ein positives Körperbild. Jedoch schaden negative Haltungen oder Bewertungen des Kindes ("Pummelchen" etc.) bereits in der frühen Kindheit. Wertschätzung und Toleranz sind dabei zentral, um Mädchen und Buben dabei zu unterstützen, sich zu mögen. Für Töchter ist es vor allem wichtig, dass sie nicht nur auf ihre weiblichen Attribute festgelegt werden.

gesund.at: Warum entwickelt sich gerade in der Pubertät eine Art "Körperkult"?

Dr. Beate Wimmer-Puchinger: In der Pubertät kommt ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu: Der junge Mensch nimmt seinen Körper auch im Hinblick auf seine Sexualität wahr. In dieser Phase ist es hilfreich, Mädchen und Burschen zu unterstützen, damit sie sich nicht über ihre Attraktivität in einem Rollenmuster definieren. Wichtiger ist es, junge Menschen auf der Beziehungsebene zu unterstützen und sie zu einem respektvollen Miteinander anzuleiten. Vor allem Mädchen haben oft ein Problem damit, sich mit ihrem veränderten weiblichen Körperbild zu arrangieren. Bauch und Po werden als "dick" oder "fett" empfunden.

gesund.at: Was können Eltern tun?

Dr. Beate Wimmer-Puchinger: Einen Jugendlichen mit negativen Kommentaren über seinen, ihren Körper zu konfrontieren, ist riskant und kann bei Jugendlichen zu einem gestörten Selbstbild führen. Der Vergleich mit perfekten Schönheiten, wie Stars und Models, ist ebenso abzulehnen wie die Kontrolle über das Essverhalten des Sprösslings ("Kein Eis, du wirst sonst zu dick!"). Vielmehr ist es die Aufgabe der Bezugspersonen, Eltern, dem Kind Halt und Zuwendung zu geben, es liebevoll zu berühren, zu halten und wertzuschätzen.

gesund.at: Wo setzen Sie an?

Dr. Beate Wimmer-Puchinger: Um den Verführungen von Werbung, Medien und Internet zu widerstehen, hat das Wiener Programm für Frauengesundheit unter der Leitung der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten eine Schulkampagne ins Leben gerufen. Unter dem Motto "We like everyBODY! - Unsere Schule ohne Schlankheitswahn" wurde ein Projekt unter der Leitung von Mag. Michaela Langer in verschiedenen Schulen durchgeführt, das den kritischen Umgang mit Medien vermittelt. Wir müssen aufgrund von Studien davon ausgehen, dass etwa 90 % aller Mädchen ein negatives Körperbild haben. Die Hälfte aller 15-jährigen Mädchen macht Diäten, ein Viertel aller Mädchen reguliert mit Abführmitteln oder Diätpillen das Körpergewicht. Dies sind nachgewiesene Risikofaktoren, eine Essstörung zu entwickeln.

gesund.at: Die Botschaften vom veränderbaren, perfekt gestylten Körper vom Teenager bis ins hohe Alter werden immer massiver und aggressiver. Wie kann man dem Zeitgeist entgegenwirken?

Dr. Beate Wimmer-Puchinger: Unter dem Motto "Alles ist machbar" wird der Druck zur Anpassung des eigenen Körpers an ein gesellschaftlich geprägtes Ideal immer stärker. Wichtig ist jedoch, zu seinem Äußeren zu stehen,. Um uns Menschen nicht auf ein käufliches Modeprodukt reduzieren zu lassen, müssen wir mit vereinten Kräften diese krankmachende Entwicklung in Frage stellen. Der Appell geht an die Mode- und Schönheitsindustrie ebenso wie an Pädagogen und Eltern gleichermaßen.

gesund.at: Was kann die Gesellschaft dazu beitragen?

Dr. Beate Wimmer-Puchinger: Gefragt sind mehr Toleranz in Bezug auf vielfältiges Aussehen und Gewicht und keine untergewichtigen Idole und Vorbilder, die uns nur krank machen.

Der spätmoderne Körperkult war bis dato ein unrealistisches Glücksversprechen, eine Suggestion, nur mit einem perfekten Körper sei man wirklich glücklich. Bleibt nur zu hoffen, dass die Young Generation sich auf den Weg macht, um dem normativen Schönheitsbegriff den Lack abzukratzen. Schließlich tragen auch Persönlichkeit und Charisma wesentlich dazu bei, sich in einer Gesellschaft respektiert und wohl zu fühlen. Und das ist nun mal das wirkliche Leben.

Tipps für ein positives Körperbild von Dr. Beate Wimmer-Puchinger:

  • Fokussierung auf positive, liebenswerte Eigenschaften und Fähigkeiten
  • Fokussierung auf all das, was einem an sich selbst gut gefällt
  • Freude an der Bewegung (z.B. Sport und Tanz)
  • Keine Vergleiche mit unrealistischen Vorbildern, die nicht der Realität entsprechen
  • Zulassen von Lebensfreude und Lebenslust (Schönheit kommt von innen - das ist kein leeres Versprechen)

Weiterführende Informationen

  • Autor
  • Redaktionelle bearbeitung Mag. Carmen Hiertz, BA
  • Erstellungsdatum

Medizinischer Experte

Ao. Univ. Prof.

Dr. Beate Wimmer-Puchinger

Leitung Wiener Programm für Frauengesundheit

Quellen

  • Interview mit Ao. Univ. Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger

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