Helge Payer: Ein Tormann ohne Fingerbruch

Helge Payer
"Das Wissen um die Vorgänge in deinem Körper ist wichtig", findet Helge Payer (Christian Hofer / sportwoche)
Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters Fit mit Fußball
Helge Payer, 35, spielte 28 Jahre lang als aktiver Tormann, davon 18 Jahre in der Profi-Liga. Im Interview mit gesund.at spricht der Fußballer über Lampenfieber vor großen Spielen und Fußballverletzungen.

Die Profi-Fußballkarriere ist zu Ende, die Liebe zum Fußball-Sport aber nicht. Er kommentiert 19 der 64 WM-Spiele im ORF gemeinsam mit "Schneckerl" Prohaska und Roman Mählich, hat seine eigene ganzjährige Torwartschule, betreibt einen Fußball-WM-Blog und hat die Liebe zum Wissen über Gesundheit nach einer schweren Erkrankung entdeckt, die ihn als Gesundheitsmanager vorantreibt. Das wohl Bemerkenswerteste: Das Tormann-Schicksal "Fingerbruch" oder ein "Tormann-Daumen" haben Helge Payer in 28 Jahren nicht ereilt.

Der Fußballer und Lampenfieber

Am ersten Spieltag der Fußball-WM tritt Brasilien gegen Kroatien an. Die ganze Welt schaut auf Brasilien, der Druck auf jeden einzelnen Spieler der Mannschaft wächst von Sekunde zu Sekunde. Wie gehen die Spieler damit um? Helge Payer weiß es aus eigener Erfahrung, er selbst spielte beim Auftaktspiel der Champions League 2005/2006 in Wien. 50.000 Menschen waren damals im Ernst Happel-Stadion live vor Ort, Millionen vor dem Fernseher. "In der Nacht davor hatte ich Schweißausbrüche und war sehr nervös. Am Spieltag habe ich diese Anspannung genutzt und in Energie umgewandelt. Als ich aufs Feld hinaus bin, war dieses Gefühl wie weggeblasen", erinnert er sich.

So wie ihm damals, geht es auch den Spielern der brasilianischen Mannschaft beim Auftaktspiel. "Eine Heim-WM ist etwas anderes als eine normale WM, da erwarten sich die Leute einen Heimvorteil. Somit muss jeder Spieler sein Bestes geben, weil alle Zuschauer auf das Team schauen. Kann man die Nervosität und Anspannung in die richtigen Kanäle bringen, kommt man in den richtigen Flow und alles rennt wie von selbst", so Helge Payer.

Mental Coach

Mentoren wie der eigene Vater oder sein Tormanntrainer haben ihn darauf vorbereitet in solchen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Vor großen Spielen werden den Spielern häufig Mental Coaches an die Seite gestellt, die in Teamwork-Übungen gemeinsame Ziele erarbeiten, etwa das Ziel richtig zu fühlen und wahrzunehmen, wenn es erreicht wird. Helge Payer: "Andre Agassi hat es bei seinem ersten Sieg in Wimbledon am besten beschrieben, als er gesagt hat: 'Ich habe dieses Turnier schon hunderttausendmale gewonnen, aber im Kopf'.'"

Der Fußballer und Verletzungen

Aus der Position als Tormann hatte Helge Payer immer den Gesamtblick auf das ganze Spielfeld - Öfters kam es zu Verletzungen während des Spiels. "Besonders schlimm war eine Szene 2008, als sich ein Teamkollege den Ellbogen gebrochen hat. Der Knochen ist rausgestanden. Und eigentlich wollte ich gar nicht hinschauen, aber ich musste, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es ihm geht", erinnert er sich.

Muskelfaserrisse oder Zerrungen treten oft während Fußballspielen auf. "Als Spieler wusste ich, wenn jemand humpelt, kann es nur 3 Möglichkeiten geben: Entweder es ist eine Zerrung, ein Muskelfaserriss oder ein Muskelriss. Sie schränken Betroffene nur kurz ein, im Gegensatz zu einem offenen Knochenbruch." Der offene Knochenbruch am Ellbogen seines Teamkollegen hat ihn während des ganzen Spiels verfolgt. "Die nächste Aufgabe ist dann wieder in den Flow zu kommen, versuchen sich auf das Wesentliche, nämlich das Spiel selbst zu konzentrieren," so Helge Payer.

Helge Payers Thrombose

Der Tormann hat sich in 28 Jahren nie einen Finger gebrochen und erst in seinem letzten Jahr in Griechenland einen Muskelfaserriss in Oberschenkel und Unterschenkel zugezogen. Furcht vor typischen Fußballverletzungen, wie Kreuzbandrissen oder Meniskusverletzungen, hatte Helge Payer während seiner Profi-Karriere nie. Aber: "Richtige Angst hatte ich, als ich 2008 einen Venenverschluss (Thrombose) an der Leber und im Darmbereich hatte. Ich stand 2 Wochen vor der EM und hatte plötzliche Schweißausbrüche und Schwindel, der Teamarzt hat schnell reagiert und mich sofort ins Krankenhaus geschickt." Nach der Diagnose war die Saison vorbei - Er fiel für die nächsten 6 Monate aus.

Angespornt durch das Unwissen der eigenen Körpervorgänge, setzte sich Helge Payer daraufhin mit der Krankheit und seinem Körper stärker auseinander. Helge Payer: "Wenn du etwas hast und nicht weißt was mit dir los ist, ist das schlecht." Frei nach diesem Motto unterstützt er heute Apotheker und Therapeuten im Gesundheitsbereich.

Was treibt Helge Payer 2014 voran?

Wer glaubt, ein Ex-Profi-Fußballer sportelt nicht mehr täglich, der irrt: Helge Payer macht zwischen 4- bis 6-mal pro Woche Sport, und achtet auf seine Ernährung, indem er z.B. Vitamine supplementiert, nimmt regelmäßig an Charity-Fußball-Spielen, wie zuletzt zugunsten des St. Anna Kinderspitals, teil. Seit 2005 betreibt Helge Payer seine eigene Torwartschule, in dem er den österreichischen Tormann-Nachwuchs fördert. Auf seiner Homepage  bloggt er täglich zur Fußball-WM in Brasilien und wird in den 4 Wochen der Braslien WM 19 mal live im ORF als Kommentator zu sehen sein.

Helge Payer’s Couchtisch

Wenn er nicht im ORF Studio ein Match live "expertiert", wird er das Spiel zuhause mit Snacks genießen: Brötchen in Fußballform und Eis kommen bei ihm auf den Couchtisch. Und wer wird die Fußball-WM 2014 gewinnen? "Der Kreis an Favoriten war noch nie so groß wie bei dieser WM", so Helge Payer. Wer sein persönlicher WM-Favorit ist, können Sie auf seinem täglichen Blog nachlesen.

Weiterführende Informationen

Quellen

  • Interview mit Helge Payer am 11.06.2014