"Ich habe mit der Google Brille operiert"

"Ich habe mit der Google Brille operiert": Mann mit Google Brille
"Head up" - Mit der Google Brille kann sich der Arzt besser auf das Operationsfeld und den Patient konzentrieren. (martin_matthews - Fotolia.com)
"Natürlich habe ich mit der Brille das Operationsfeld gesehen", erzählt Dr. Tilman Keck nach einer Tumorentfernung im Mund- und Rachenraum mit der Google Brille.

Röntgenbilder werden auf der Innenseite der Gläser während einer Operation (OP) eingespielt. Das Sichtfeld des Operateurs ist aber nicht verdeckt. Sie können sich das so vorstellen: Anstatt sich bei einer OP aus der Hüfte heraus mit Kopf und Nacken umzudrehen, um eine Röntgenaufnahme genau betrachten zu können, bleibt der Kopf des Arztes auf den OP-Tisch gerichtet. Er trägt eine Brille, seine Augen wandern nach rechts oben, wo das gewünschte Röntgenbild haarscharf eingespielt wird. Der Arzt erkennt in Sekundenschnelle das Bild, und widmet sich ebenso rasch wieder dem OP-Feld. Er holt über die Brille von anderen Ärzten eine Zweitmeinung ein, denn was er sieht, kann er per Sprachbefehl versenden.

Google Brille - Vorteil auch für Patient

Klingt wie Zukunftsmusik? Die Google Brille gibt es schon. Dr. Tilman Keck hat bereits mit ihr operiert. Im Elisabethinen-Spital wird gemeinsam mit der TU Graz an der Verbesserung der Google Brille getüftelt. Wie die Brille bei Operationen eingesetzt werden kann und worin die Vorteile von ihr - auch für den Patienten - liegen, erzählt der in das Google Brillen Projekt involvierte Dr. Tilmann Keck im Gespräch mit gesund.at.

gesund.at: Welche Funktion hat die Google Brille?

Dr. Tilman Keck: "Die Brille hat 2 Funktionen. Sie enthält eine Kamera, die erfassen kann was ich sehe, diese Information geht an einen externen Rechner und kann als Live-Stream mitverfolgt werden. Das Bild scheint so, als ob jemand neben meinem Kopf filmen würde. Die andere Funktion: Information wird in meine Brille auf ein Sichtfeld hineingespielt."

gesund.at: Welche Operation haben Sie mit der Google Brille durchgeführt?

Dr. Tilman Keck: "Das war eine Tumorentfernung im Mund. Ich bin Hals-Nasen-Ohren-Arzt und arbeite sehr oft mit Mikroskopen (endoskopisch) während einer OP. Das war ein Eingriff, der ohne Endoskopie ausgekommen ist, dadurch hatte ich ein relatives breites Sichtfeld."

gesund.at: Das bedeutet, Sie haben freie Sicht trotz Einspielung von Bildern?

Dr. Tilman Keck: "Ich habe mit der Brille keinerlei Einschränkung auf mein Operationsfeld. Die eingespielten Bilder sind nie im Blickfeld und stören dadurch nicht. Das wäre auch sehr beängstigend. Ich musste nur ein Stückchen hinschauen."

gesund.at: Wo schauen Sie bei der Google Brille genau hin?

Dr. Tilman Keck: "Das Sichtfeld liegt im rechten oberen Viertel der Brille, das Feld ist gefühlt so groß wie eine Briefmarke, tatsächlich hat es aber nur die Größe eines Fingernagels. Die Augen wandern also nach rechts oben, ohne dass der Kopf und der Hals sich bewegen müssten, wie es sonst der Fall ist, wenn ich mich aus dem Operationsfeld hinausdrehen muss, um auf Monitore zu schauen."

gesund.at: Wieso müssen Sie sich aus dem Operationsfeld hinausdrehen?

Dr. Tilman Keck: "Bei langen Eingriffen sitze ich meist auf einem Drehhocker, mit dem ich mich schnell umdrehen kann. Wichtige Röntgenaufnahmen werden nicht ins sterile OP-Feld gehalten, ebenso stehen manche Monitore auf die ich blicken muss, weiter weg vom OP-Tisch. Dadurch muss ich mich sehr oft um 180 Grad aus der Hüfte heraus drehen um die Information zu bekommen, die ich brauche. Indem ich nun meinen Augapfel nach rechts oben bewege, um die Einblendung in der Google-Brille zu erfassen, kann ich die wiederholten körperlichen Bewegungen vermeiden. So spare ich Kraft, habe mehr Energie für die Operation selbst und die Konzentration bleibt im Operationsfeld."

gesund.at: Wo liegt der Vorteil beim Operieren mit der Google Brille?

Dr. Tilman Keck: "Bei Operationen bei denen ich stundenlang durch ein Mikroskop schaue und mich währenddessen alle 2 Minuten zu einem Monitor drehen muss, kommt mir die Einspielung des Bildes in mein Sichtfeld zugute. Das ist zeit- und kraftsparend und wirkt sich auch für meinen Patienten positiv aus. Gleichzeitig profitieren meine Studenten, denn alles was ich sehe wird von einer Kamera erfasst. Man kann direkt verfolgen was ich sehe, und dadurch Aspekte erkennen, die ich sonst vielleicht nie zum Thema gemacht hätte. Diese Funktion bietet neben dem hohen Ausbildungswert auch die Option, eine Zweitmeinung während des Eingriffs von einem Kollegen einzuholen, der nicht vor Ort ist."

gesund.at: Wie kann man sich das vorstellen? Warnen Sie Ihre Kollegen vor?

Dr. Tilman Keck: "Bei stundenlangen OPs kann es vorkommen, dass man als hinzugezogener Kollege vorgewarnt wird, bzw. "on call" ist. Die verbale Schilderung reicht dann häufig nicht aus. Auch jetzt werden während Operationen gelegentlich Kollegen angerufen, um Zweitmeinungen einzuholen. Dann wird z.B. bei endoskopischen Eingriffen ein Bild angefertigt, das eingescannt und verschickt wird. Mit der Google-Brille spare ich auch hier Zeit, denn ich habe die Möglichkeit, was ich sehe, per Sprachbefehl zu fotografieren und zu verschicken. Ein Beispiel: Ich bin im Einsatz an einem anderen Ort, z.B. auf einem Kongress, ein Kollege hat ein Problem und holt meinen Rat ein. Dann kann ich das Foto oder Video, das er mit der Google-Brille während einer OP gemacht hat, auf einem Smartphone oder Tablet aufrufen. Das ist Qualität!"

gesund.at: Wie ausgereift ist die Google-Brille zurzeit?

Dr. Tilman Keck: "Die Parameter, die eingespielt werden, werden zurzeit individuell festgelegt. Ich brauche als HNO-Arzt keine Vitalzeichen-Anzeigen (z.B. Sauerstoffsättigung, Blutdruck..) in der Brille, denn meinen vollnarkotisierten Patienten überwacht ein Anästhesist. Als Gefäßspezialist bräuchte ich das vielleicht schon. So muss abgestimmt werden, wer was braucht. Für mich ist z.B. die Einspielung von Röntgenbildern sinnvoll. Da testen wir gerade ob kleine Details von Röntgenaufnahmen erkannt werden können. Zurzeit sind wir in einem Experimentalstadium, bestimmte Rohparameter wie die Schärfe, z.B. die Auflösung des Kamerabildes, die Aufzeichnungsmodalitäten und Versandprozeduren für aufgezeichnete Videos und Bilder bedürfen noch großer Anstrengung von Seiten der Programmierung, die durch unsere Partner von Seiten der Technischen Universität Graz / Institut für Maschinenbau und Betriebsinformatik, Leitung Prof. S. Vössner, durchgeführt werden. Der Datenschutz stellt für uns kein Problem mehr dar, da wir es geschafft haben, die Google-Brille autonom innerhalb unseres geschützten Krankenhausnetzwerkes zu betreiben. In regelmäßig stattfindenden Entwicklergruppentreffen mit Wissenschaftern der Technischen Universität Graz und Mitarbeitern des Krankenhauses der Elisabethinen, aus beinahe allen Fachbereichen, adaptieren wir Schritt für Schritt die Google-Brille zu einem Instrument für ein verbessertes Informationsmanagement im medizinischen Alltag. Erst wenn das alles passt, werde ich die weiteren Eingriffe definieren, in denen ich die Google-Brille routinemäßig einsetzen werde."

Google-Brille ist Head-up-Technologie

Die Google Brille basiert auf der "Head up"-Technologie, die aus der Luftfahrt kommt. Das bedeutet so viel wie "Kopf rauf" - Ein Kampfjet-Pilot hat im Cockpit unterschiedliche Instrumente, Steuerknüppel und -knöpfe, gleichzeitig muss er aber auch sehen, wo er hinfliegt, daher wird ein Sichtfenster eingespielt, um den Kopf nicht ständig senken zu müssen. Dieses Prinzip findet sich neben Autos - Geschwindigkeitsanzeige & Co werden in das Sichtfeld des Fahrers projiziert - auch im Operationssaal mit der Google Brille wieder. Dreht sich der Operateur bei einer 8-stündigen OP alle 2 Minuten aus dem OP-Feld, um das "große Ganze" wahrnehmen zu können, z.B. in Form einer Röntgenaufnahme, so dreht er sich 240-mal um. Die Google-Brille kann helfen, sich weniger oft umzudrehen, sodass die 240 Umdrehungen auf 100 reduziert werden könnten.

Medizinischer Experte

Prof.

Dr. Tilman Keck

Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde

Vorstand der Abt. für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf-, Hals- und Plastische Gesichtschirurgie Krankenhaus der Elisabethinen GmbH Graz

Gesundheitskompass Website

Quellen