Gartenarbeit für die Psyche

Gartenarbeit für die Psyche: Hände mit Unkraut
1,3 Millionen bepflanzte Balkone und Terassen gibt es in Österreichs Städten. (gesund.at)
Sehnsucht und Rückzug ins Grüne: Die neue Lust am Grün ist auch in der Stadt ausgebrochen. Der Trend ist unübersehbar. In Buchhandlungen stapeln sich Gartenbücher, Bau- und Gartenfachmärkte jubeln über kräftige Umsätze.

Rund 132 Millionen Euro gaben die Österreicher 2012 für Gartenprodukte aus. Tendenz: steigend, denn der Garten hat sich zum neuen Wohnzimmer entwickelt, in dem sich die Leistungsgesellschaft nicht nur zurückzieht und genießt, sondern sich auch selbst verwirklicht, pflanzt und erntet.

Selbstmachen als Lebensgefühl

Der Garten ist ein Ort der Selbstfindung geworden, eine grüne Oase, in der Selbstangebautes sprießt - eine Facette der Do-it-Yourself-Gesellschaft, die wieder verstärkt auf Selbstgemachtes setzt. Neben Tischlern und Stricken, Marmeladeeinkochen oder Filzen ist Gärtnern das neue Golfen. Die Kultur des akribischen Gärtnerns ist jedoch nicht ganz neu. Die Gärten von Versailles, Schönbrunn oder der Park Güell in Barcelona sind ein Spiegelbild der Gartenkultur, die im Barock zur Kunstform erhoben wurden. Parks waren für den Adel vorgesehen, der hier flanierte. Für das gemeine Volk standen kleine Gärten zur Verfügung, die eifrig mit Gemüse, Obst und Kräutern bebaut wurden. Diese Kleingärten waren freilich nicht zum Flanieren gedacht, sondern sicherten einen Teil des Nahrungsmittelbedarfs der Bevölkerung.

Ursprung der Nahrungsmittel

Diese Notwendigkeit ist heute nicht gegeben. Nahrungsmittel aus allen Teilen der Welt stehen das ganze Jahr über zur Verfügung. Doch gerade dieses Überangebot hat das Bedürfnis nach einer überschaubaren Mikroökonomie geweckt. Der Wunsch, zu wissen, woher die Lebensmittel kommen. Um "ehrliche" Nahrungsmittel zu konsumieren, greifen selbst Manager zu Harke und Gießkanne. Der eigene kleine Bauerngarten im Landhaus, ein Stückchen Grün mit Pflanzoption für Tomaten, Zwiebel und Paprika rangiert in Sachen Lebenslust weit vorne im Ranking der Genussbedürfnisse. Und wenn man dann auch noch von der Hängematte aus dem Salat beim Wachsen zusehen kann, gleicht das schon einem irdischen Paradies.

Gärtnern in der Stadt

Doch nicht alle haben die Natur vor der Haustüre, wenngleich es in Österreich an die 2 Millionen Gärten gibt. Die Maßgabe der Möglichkeiten macht erfinderisch und so wurde - in den USA bereits in den 1970er Jahren - der Trend des "Urban Farmings" geboren. Gärtnern in den Städten ist mittlerweile auch in Mitteleuropa ein Trendthema. Allein in Österreich gibt es mittlerweile bereits 1,3 Millionen bepflanzte Balkone und Terrassen in Städten.

An vielen Orten gleichzeitig suchen Menschen nach Möglichkeiten, Gemüse und Kräuter anzubauen und Städte und ihren unmittelbaren Wohn- und Lebensraum grün, nutzbar und ertragreich zu machen. Und auch „am Land“ wird wieder mehr Gemüse angebaut, auch hier

haben viele Menschen "nur" einen Balkon oder eine Terrasse zur Verfügung, so beschreibt die deutsche Agrarökonomin Christa Müller im Buch "Urban Gardening - Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt" den Trend. Die Freude an der Natur, die Sehnsucht nach einer grünen Oase, in die man sich zurückziehen kann, wächst auch in der Stadt.

Wer aber sind die urbanen grünen Däumlinge, die den Garten in die Stadt bringen und wozu die Mühe? Eine Antwort hat die Agrarwissenschaftlerin DI Andrea Heistinger: "Die einen graben Flächen in der Stadt um, weil sie sich gute Lebensmittel anders nicht leisten können. Während andere es gerade schick finden, neben den Geranien auch Salat im Balkonkistchen anzubauen. Andere gärtnern, um ihren Kindern die Lebensrhythmen der Natur vertraut zu machen oder um in Gemeinschaftsgärten Freundinnen oder Nachbarn zu treffen."

Sozialer Effekt des Gärtnerns

Gärtnern hat damit auch einen sozialen Effekt. Es verbindet Menschen, die sich auf kreative und naturnahe Weise entfalten und einander näherkommen. Allerdings ist die Ernte nur von Erfolg gekrönt, wenn man die Voraussetzungen beachtet, die für städtisches Gärtnern anders sind als am Land. Andrea Heistinger: "Vieles ist für Kulturpflanzen unwirtlicher. Gemüse braucht einen gut aufbereiteten, lockeren humosen Boden und kann nicht einfach statt im Rasen oder auf der Grünscheibe um einen Baum angebaut werden. So muss Erde extra auf den Balkon getragen und eigene Gefäße müssen angeschafft werden."

In den letzten Jahren haben sich eine Unzahl von Gemeinschaftsgärten entwickelt, die brache Flächen in der Stadt nützen. Dafür werden Flächen z.B. von Gemeinden für eine gewisse Zeit zur Verfügung gestellt, um die Gartenlust von Städtern zu befriedigen. Selbst wenn die Vorgeschichte des Bodens nicht bekannt ist, und eventuell Schadstoffe darin verborgen sind, ist eine Bebauung möglich. Agrarexpertin Andrea Heistinger: "Sogar auf ehemaligen Industrie- oder Verkehrsflächen können Hochbeete errichtet werden. So kommt das Gemüse nicht direkt mit dem Erdboden in Berührung. Mit noch einfacheren Mitteln kann man aus Kunststoff-Kisten hochbeetartige Pflanzflächen bauen."

Ein Vorteil am städtischen Gärtnern ist die Temperatur. Im Sommer sind die Tage heiß, im Winter gibt es weniger Frost als am Land. Das wirkt sich auch auf den Erfolg der Ernte aus. Andrea Heistinger: "Viele wärmeliebende Pflanzen wie Tomate, Paprika und Auberginen gedeihen hier besonders gut, weil ihnen die höheren Nachttemperaturen zugute kommen." Durch die höheren Temperaturen in der Stadt verlängert sich auch die Saison, damit steigt der "Ertrag".

Container Gardening

Eine weitere Option bietet das Container Gardening. Damit ist eine Bepflanzung in großen Gefäßen gemeint. Um ähnliche Erträge wie bei der Freilandpflanzung zu erzielen, müssen diese jedoch entsprechend groß ausfallen - die Agrarexpertin empfiehlt 50-60-Liter-Gefäße. Darin gedeiht auch Blattgemüse, wie Mangold, Spinat, Ampfer oder Blattsalat. Andrea Heistinger: "Ebenso eignen sich viele Fruchtgemüse, wie Paprika, Tomate oder Melanzani gut für den Anbau in Gefäßen." Wer sich mit dem Gedanken trägt, einen Apfel- oder Birnenbaum am Balkon zu pflanzen, sollte sich das jedoch gut überleben, denn mit Ausnahme von Beerenobst sind die meisten Obstpflanzen nur kurzlebig. Wohin auch immer die kulinarische Richtung geht, fest steht in jedem Fall: Die Beschäftigung mit der Natur, die Freude am Wachsen, die Geduld, die man dazu aufwendet, tun auch der Seele gut. Sie sind ein Schritt zur Selbstfindung, ein Weg, um die Balance wiederzufinden, um zu entspannen und der Natur ein Stück näher zu sein.

 

Quellen

  • Interview mit Dipl.-Ing.in Andrea Heistinger, VÖE Tagung, 25. 04.2013, Wien
  • Urban Gardening - Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt, Christa Müller (Hrsg.), oekom Verlag, München, 2011
  • Urban Gardening - Lebensministerium (27.01.2014)

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