Diabetiker: Kontaktlinsen statt Blutzuckermessgerät?

Diabetiker: Kontaktlinsen statt Blutzuckermessgerät?: High-Tech-Kontaktlinse mit Sensor
Könnte diese Kontaktlinse das Blutzuckermessgerät abschaffen? (google)
Eine bahnbrechende Erfindung könnte Menschen mit Diabetes zukünftig das Leben erleichtern. Von Google entwickelte High-Tech-Kontaktlinsen sollen den Blutzuckergehalt im Auge messen.

Mit einem eingebauten Mini-Sensor wird der Glucose-Gehalt in der Tränenflüssigkeit gemessen und so das Messen des Blutzuckers durch einen Hautstich überflüssig gemacht. Die Linsen befinden sich allerdings erst in einer ersten Testphase und werden frühestens in einigen Jahren auf den Markt kommen. Die Erfindung wirft für die Stoffwechsel-Spezialisten Univ.-Prof. Dr. med. univ. Hermann Toplak und Prim. Univ. Doz. Dr. Raimund Weitgasser relevante Fragen auf, die sie gegenüber gesund.at erläutern.

Den Tränen nahe - Glucosemessung im Auge

In den neuartigen Kontaktlinsen steckt komplizierte und detailreiche Technik. Sie bestehen aus zwei Lagen weichen Linsenmaterials, zwischen denen ein mikroskopisch kleiner Chip und ein ebenso winziger Sensor für die Messung der Glucose in der Tränenflüssigkeit eingebettet sind. Die Prototypen erfassen einmal pro Sekunde den aktuellen Zuckergehalt im Auge. Die Entwickler planen auch das Einsetzen kleiner LED-Lampen, die den Träger vor einem zu hohen oder niedrigen Glucose-Wert warnen sollen.

Ist der Blutzucker gemessen, senden die Kontaktlinsen die Daten an eine Smartphone-App, die sich der Diabetiker zuvor herunterladen muss. Das Projekt des Forschungslabors Google X steckt allerdings noch in den Kinderschuhen und muss noch zahlreiche Testphasen durchlaufen bis es für Patienten im Alltag anwendbar ist. Das kann noch einige Jahre dauern, mindestens 5 laut Google X. Bisher gab es schon einige klinische Studien, in der die Funktionen der Diabetes-Innovation geprüft wurden, die Ergebnisse wurden aber bisher nicht veröffentlicht.

"Trockenes Auge" bei Diabetikern könnte problematisch werden 

Prim. Univ. Doz. Dr. Raimund Weitgasser, tätig für die Klinik Diakonissen Salzburg und die Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg sieht vor allem die Problematik, dass Diabetiker oft weniger Tränenflüssigkeit produzieren als gesunde Menschen: "Durch die trockenen Augen, das so genannte Sicca Syndrom bei Diabetikern, wird zu wenig Flüssigkeit im Auge produziert, die sogar oft durch künstliche Tränen ergänzt werden muss. Für diese Patienten würden die Kontaktlinsen dann nicht in Frage kommen. Außerdem kann es zu Reizungen der Augen kommen, die Diabetiker müssten die Linsen ja für längere Zeit tragen."

Ein weiteres Problem könnte laut Prim. Univ. Doz. Dr. Raimund Weitgasser  in den Unterschieden zwischen den Zuckerwerten liegen: "Die Grenzwerte von Glucose im Auge sind nicht identisch zu denen im Blut, es müssten neue Standards für diese Form der Messung entwickelt werden. Hier fehlt noch der wissenschaftliche Hintergrund."

Bessere Lebensqualität für Diabetiker?

"Die Vorteile der Diabetes-Kontaktlinsen wären bestechend, da man den Patienten nicht mehr 'stechen' muss. Das kommt klar dem Patientenwunsch nach", so Univ.-Prof. Dr. med. univ. Hermann Toplak, Facharzt für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen der Medizinischen Universität Graz. "Inwiefern der Blutzucker durch die Linsen widergespiegelt werden kann, ist aber fraglich. Das ist in Ruhe relativ wahrscheinlich, ich kann aber nicht abschätzen, wie träge die Tränenflüssigkeit den Blutzucker z.B. bei sportlichen Aktivitäten reflektiert. Das könnte wahrscheinlich ein Augenarzt beurteilen. Dazu kommt die technische Frage, wie genau das System funktionieren wird, insbesondere wenn die Linse länger im Auge verweilt. Bei Sonden unter der Haut z.B. kommt es durch Ummantelung derselben oft zu Störungen. All diese Faktoren müssen erst in Studien untersucht werden."

Sollte die Google-Erfindung tatsächlich eines Tages für Diabetiker erhältlich sein, könnte Sie also eine willkommene Alternative zum Messen des Blutzuckers durch regelmäßigen Einstich in die Haut darstellen. Bislang sind die Kontaktlinsen noch Zukunftsmusik, bleiben aber ein Hoffnungsschimmer für eine bessere Lebensqualität im Alltag von Diabetes-Patienten. Etwa 600.000 Menschen sind in Österreich an Diabetes erkrankt.

Weiterführende Informationen

Medizinischer Experte

Univ.-Prof.

Dr. Hermann Toplak

Ambulanz für Diabetes und Stoffwechsel

Medizinische Universitätsklinik Graz

Gesundheitskompass

Quellen